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Pfarrerfamilie kehrt der Stadt nach fremdenfeindlichen Anfeindungen den Rücken
Von OTZ-Redakteurin Heike Enzian
Diese Schlagzeile hätte sich Rudolstadt gern erspart. Eine Pfarrerfamilie mit fünf Kindern flieht aus der Stadt, weil sie sich hier anhaltend fremdenfeindlichen Anfeindungen ausgesetzt sah. So schreibt es die Frankfurter Rundschau in ihrer Montag-Ausgabe. Fakt ist, dass Reiner Andreas Neuschäfer mit seiner Frau Miriam und den fünf Kindern im Alter zwischen einem und zehn Jahren der Stadt den Rücken gekehrt hat. Frau Neuschäfer, die eine indische Mutter hat, ist bereits im September vergangenen Jahres mit den Kindern nach Erkelenz im Rheinland gezogen, wo Verwandte leben. Neuschäfer, der als Schulbeauftragter der evangelischen Kirche arbeitet, pendelt derzeit noch, ist aber auf der Suche nach einer neuen Stelle im Rheinland. Im Jahr 2000 kam die Familie nach Rudolstadt. Neuschäfer fasst beruflich hier Fuß. Er unterrichtet Religion und hält Kontakt zu den rund 300 Religionslehrern der Region Südthüringen. Mit Publikationen zum Thema Kinder und Glaube erzielt er überregional Aufmerksamkeit. Eine von ihm initiierte Ausstellung über Kinderbibeln findet thüringenweit Beachtung. Er nimmt, nicht zuletzt in zahlreichen Leserbriefen an die OTZ, Stellung zu politischen und pädagogischen Themen, so unter anderem zu Kleinkinderziehung und Fremdenfeindlichkeit in der DDR. Ein Leserbrief vom 31. Juli 2007 in der Ostthüringer Zeitung wirkt wie ein Hilferuf. Neuschäfer beklagt darin einen Mangel an Toleranz, nicht nur bei Rechten. Der Familienvater spricht wiederholt von Beleidigungen, Ausgrenzungen und fremdenfeindlichen Anfeindungen gegenüber seiner Frau und den Kindern wegen deren dunklerer Hautfarbe. Seine Frau fühlt sich zunehmend unwohler. Besonders Sohn Jannik hat Probleme. Als er vor fast einem Jahr an der Grundschule Anton Sommer in eine Schulhofprügelei verstrickt wird, geht der Vater wieder von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus und erstattet Anzeige bei der Polizei. Die Beamten gehen der Sache nach, es gibt Gespräche mit den Kindern, Lehrern und Eltern. Den Vorwurf, dass die Schulleitung nichts unternommen hätte, weist Schulleiterin Angelika Swirszcuk zurück. In Rudolstadt ist die Empörung über die aktuellen Schlagzeilen groß. Die Stadt verwahrt sich gegen eine Pauschalverurteilung als Ort von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Das gibt es hier nicht mehr und nicht weniger als anderswo auch, sagt Bürgermeister Jörg Reichl (Bürger für Rudolstadt). Er fürchtet um den Ruf seiner Stadt, die gerade mit der neuen Marketingstrategie Schillers heimliche Geliebte für sich wirbt. Natürlich würden sich die Medien auf dieses Thema stürzen, das vielen vor allem im Westen gerade recht komme. Wenn Journalisten mich fragen, dann sage ich: Kommen Sie her, schauen Sie sich die Stadt an, machen Sie sich selbst ein Bild. Auch Superintendent Peter Taeger warnt davor, auf dieser Schiene den Osten allgemein und Rudolstadt speziell abzuqualifizieren. Das sei unschön und würde der Stadt nicht gerecht. Die Dinge, die hier passieren, bewegen sich im Rahmen dessen, was an Fremdenfeindlichkeit da ist, das ist nicht ostspezifisch. Damit muss man sich auseinandersetzen, sagt er und verweist auf die diesjährige Aktion der Evangelischen Kirche Nächstenliebe braucht Klarheit, mit der ein Zeichen gegen Rechts gesetzt werden soll. Ein Blick in die Statistik der Polizeidirektion Saalfeld zeigt, dass Rudolstadt kein Sonderfall ist. Zwei Anzeigen der Familie Neuschäfer sind der Polizei bekannt. 2003 soll Sohn Jannik im Heinepark beleidigt worden sein. Die zweite betrifft den Schulhof-Vorfall vom 25.April 2007. Beide Anzeigen sind ordnungsgemäß bearbeitet worden, sagt Ralf Kirsten, stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Saalfeld, auf OTZ-Anfrage. Im Fall der Schulhof-Prügelei habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, weil zehnjährige Kinder nicht strafmündig sind. Wir haben nach den Medienberichten den Kontakt mit Herrn Neuschäfer gesucht und sind bestrebt zu erfahren, was bisher möglicherweise nicht bekannt ist. Was wir nicht wissen, können wir auch nicht bearbeiten. Er hat uns einen Gesprächstermin nächste Woche in Aussicht gestellt, sagt Ralf Kirsten. Nach seiner Information hat es voriges Jahr in Rudolstadt keine einzige Anzeige wegen Fremdenfeindlichkeit gegeben. Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund weist die Statistik für den Zeitraum von Beginn des Jahres 2007 bis heute 24 für Rudolstadt aus, hauptsächlich Propaganda-Delikte.
Ostthüriger Zeitung vom 3.4.2008
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