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"Fremdenfeindlichkeit im Alltag"
Pfarrer Rainer Andreas Neuschäfer gestern in Rudolstadt.
Pfarrer Rainer Andreas Neuschäfer gestern in Rudolstadt. (Foto: OTZ/Peter Scholz)

Pfarrer  bekräftigt seine Vorwürfe - Rudolstadt wehrt sich gegen  Pauschalverurteilung

Von OTZ-Redakteurin Heike Enzian

Am Rudolstädter Rathaus hängt seit gestern unübersehbar ein Plakat. Wir sind fremdenfreundlich steht darauf in großen Lettern. Es ist ein äußeres Zeichen, mit dem sich die Stadt gegen den Pauschalvorwurf der Fremdenfeindlichkeit wehrt.

Wieder und wieder hatte die Familie des Schulbeauftragten für Religionsunterricht der evangelischen Kirche Reiner Andreas Neuschäfer in den vergangenen Tagen aus der Ferne die Vorwürfe in den Medien wiederholt. Die Kinder seien in Kindergarten und Schule wegen ihrer Hautfarbe angegriffen worden. Mutter Miriam sei beschimpft und angespuckt worden. Sie habe sich nicht mehr aus dem Haus getraut. Schließlich sei die Situation so unerträglich geworden, dass eine Flucht in den Westen für die Familie der einzige Ausweg war.

Die Reaktionen der Rudolstädter reichen von Betroffenheit bis Empörung. Die Familie ist freundschaftlich aufgenommen worden. Wir haben Frau Neuschäfer ganz konkret Hilfe angeboten, indem wir vorgeschlagen haben, dass Freunde mit zum Einkaufen und auf den Spielplatz gehen. Darauf ist sie nicht eingegangen, erzählt Hans-Heinrich Tschoepke, Nachbar und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Rudolstädter Stadtrat.

Er sieht wie andere in den Darstellungen Neuschäfers eine Kampagne gegen den Osten: Fremdenfeindlichkeit als eine Folge der DDR-Vergangenheit. Das hat auch Ärztin Sabine Unbehaun in einem Brief an Familie Neuschäfer angesprochen. Sie haben auf Ihre Art mit uns Rudolstädtern abgerechnet. Eine Abrechnung, die den Graben zwischen Ost- und Westdeutschen weiter erhalten und vertiefen wird, schreibt sie darin. Und ihr Mann Dr. Lutz Unbehaun bekräftigt: Wenn es so viele konkrete Anfeindungen gegeben hat, hätte mich das sehr interessiert. Wir hätten im Nu genügend Rudolstädter zusammengebracht, um dem Einhalt zu gebieten.

Als Reiner Andreas Neuschäfer gestern Nachmittag nach einem Urlaub in sein Rudolstädter Büro in der Marktstraße kommt, warten die Journalisten bereits vor der Tür. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, was uns hier widerfahren ist. Deshalb wundert es mich, dass viele jetzt sagen, sie hätten es nicht gewusst, kann er die Wut der Rudolstädter nicht verstehen. Es sei ihm nicht um den Ost-West-Konflikt gegangen. Dass ganz normale menschliche Konflikte, die es überall im Alltag gibt, Auslöser für die Probleme der Familie gewesen sein könnten, davon will er nichts hören.  Es ist natürlich einfach zu sagen, dass es nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun hat, aber damit stellt man die ganze Sache in Frage, sagt er und ergänzt: Wir fühlen das nicht nur in Rudolstadt so, wir haben das nie auf Rudolstadt begrenzt. Es sei normal, dass jetzt auch nach schwarzen Flecken auf der weißen Weste der Familie Neuschäfer gesucht wird, so der Pfarrer, der wiederholt von einer Grundatmosphäre der Ablehnung spricht, die seiner Frau und den Kindern hier begegnet sei. Dabei greift er auch einige Lehrerinnen und Erzieherinnen an, die seiner Meinung nach unfähig sind, mit diesem Thema umzugehen. Wir haben es mit einer Fremdenfeindlichkeit im Alltag zu tun, die eine besondere Qualität hat.

Jetzt fühlt sich die Familie im Westen sehr wohl. Wer immer gesagt hat, im Westen passiert euch das auch, den müssen wir Lügen strafen, so Neuschäfer. Jetzt geht es den Kindern wieder richtig gut, sie schlafen durch, haben tolle Freunde gefunden. Ich bin froh, dass der Druck raus ist. 

Eine Rückkehr der Familie nach Rudolstadt schließt er aus. Bis zum Sommer wird er noch in der Saalestadt arbeiten, dann wird seine Stelle nach Meiningen verlegt. Auf die Neuausschreibung in Thüringen hat er sich wieder beworben.

Zitat:
"Jetzt geht es den Kindern wieder richtig gut."
Pfarrer Reiner A. Neuschäfer

Ostthüringer Zeitung 9.4.2008

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