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Im Stadion von Hannover erweisen 35 000 Menschen Robert Enke die letzte Ehre
Hannover. Es ist kaum zu glauben, wie still es in einem Stadion mit 35 000 Menschen sein kann. Sie tragen Fanschals und Mützen wie sonst auch, aber nicht einer in der Arena von Hannover 96 jubelt an diesem Tag.
Sie schweigen. Stehen in den Rängen und starren nach vorn. Im Mittelkreis des Spielfelds steht der Sarg des verstorbenen Nationaltorwarts Robert Enke. Geboren in Jena am 24. August 1977, gestorben am 10. November 2009 auf einem Bahnübergang im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge.
Als eine ganz in Schwarz gekleidete, zierliche Frau, gestützt auf einen helfenden Arm den Rasen betritt und zum Sarg geht, brandet spontan Applaus für Teresa Enke auf, die der Öffentlichkeit nach Jahren der Geheimhaltung offenbart hatte, dass Robert Enke an Depressionen litt. "Mit diesem Schritt, der unendlich schwer für Sie gewesen sein muss, haben Sie Tausenden Menschen geholfen, die nach dem ,Warum' suchen", sagt Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, einer der Redner an diesem Tag.
Er fasst das Mitleid, dass der jungen Witwe von allen Seiten entgegen schlägt, in Worte. Sie habe ihre Tochter im Alter von nur zwei Jahren verloren, habe ihren Mann jahrelang durch dunkle Zeiten begleitet und müsse nun auch ihn begraben. "Was Sie durchlitten haben, können wir nur erahnen", sagt er.
Ein Streichquartett der Musikschule Hannover spielt, wieder schweigt die Menge, hört einfach zu. Dann treten die Spielerkollegen von der Nationalelf auf den Rasen. Mit gesenkten Köpfen treten sie nacheinander vor den Sarg, nehmen Abschied. Um Fassung ringt auch Martin Kind, der Präsident von Hannover 96. "Es war nicht nur seine Leistung, die Robert bei uns so beliebt gemacht hat.
Es war seine Natürlichkeit, Bescheidenheit, Herzlichkeit. Robert, du warst Nummer 1 im besten Sinne des Wortes", ruft er aus. Und kämpft kurz darauf mit den Tränen, als er von der "marternden Frage" spricht, die allen durch den Kopf geht: "Warum konnte es so weit kommen?"
Dann singt ein junges Mädchen das Vereinslied, in dem es um die "Alte Liebe" geht. Einer nach dem anderen steht auf, Schals werden nach oben gehalten. Dabei laufen vielen die Tränen übers Gesicht. Ein Geistlicher betet das Vaterunser, die Menge murmelt es mit. Hier geht es nicht nur um Fußball. "Robert Enke war einer wie wir", sagt Matthias Hepke.
Auch er hält seinen grün-schwarz-weißen Schal in die Luft. Dass die Anteilnahme so groß ist, wundert ihn nicht. Die Nummer 1 seines Vereins sei ein außergewöhnlich sympathischer und zugänglicher Mensch gewesen. "Sein Selbstmord war für mich der Schock schlechthin und es tut mir sehr leid, dass er nichts von seiner Krankheit an die Öffentlichkeit dringen ließ." Hepkes Stimme zittert.
Als Robert Enkes Mannschaftskollegen den Sarg aus dem Stadion tragen, brandet noch einmal Applaus auf. Die Familie des Toten verlässt mit ihm die Arena, Teresa Enke muss dabei von zwei Seiten gestützt werden.
Sie werden ihnen jetzt begraben, zuhause, neben seiner geliebten kleinen Lara. Die Fans bleiben noch. Auf den Stadionleinwänden sehen sie ihr Idol noch einmal: lächelnd, mit einem Hechtsprung nach dem Ball greifend, nach dem Spiel mit der kleinen, kranken Tochter auf dem Arm. Im wirklichen Leben werden sie ihn nie wieder so sehen.
Lydia Hohmann Ostthüringer Zeitung, den 15.11.2009
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