Roberto Ampuero hat einen Roman über Liebe und Verrat und den großen chilenischen Dichter Pablo Neruda geschrieben.
Dem von SalvadorAllende regierten Chile droht ein Militärputsch, als im Hause Pablo Nerudas ein privater Pakt geschlossen wird: Der krebskranke Dichter beauftragt den Exil-Kubaner Cayetano Brulé, für ihn eine Mexikanerin ausfindig zu machen, deren Spur er vor Jahrzehnten verloren hat. Sein Leben hänge davon ab. Erst später wird der Hobby-Ermittler, der sich seine Detektiv-Kenntnisse mühsam aus Maigret-Romanen saugt, begreifen, wie sein Auftraggeber dies gemeint hat: Neruda glaubt, mit dieser Frau - einer seiner zahllosen Geliebten - eine Tochter gezeugt zu haben, und strebt kurz vor seinem Tod nach Gewissheit. Da ist Cayetano schon vergeblich durch Mexiko, Kuba und Bolivien gestreift, immer mit dem Gefühl, einem Phantom nachzustellen, denn die gesuchte Frau wechselte offenbar häufig ihre Identität. In Havanna bekommt er einen Tipp, dass sie in den 80er Jahren in der DDR gewesen sei.In Chile ein Bestseller"Der Fall Neruda" heißt der jüngste Roman des chilenischen Schriftstellers Roberto Ampuero, dessen spannende Handlung Zeitgeschichte mit Fiktion verknüpft. Nach Angaben des in Berlin ansässigen Bloomsbury-Verlags, der die deutsche Übersetzung herausgebracht hat, habe es der "Thriller" in Chile auf die Bestsellerliste geschafft. Kein Wunder, denn das Buch bedient viele Klischees des Genres und enthüllt nebenbei Amouröses über den beliebten chilenischen Volksdichter und Verfasser des "Großen Gesangs", der 1971 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt wurde.Zwar kann Cayetano auch in Ostberlin die Ex-Geliebte Nerudas nicht finden, stößt aber überraschend auf deren Tochter Tina Feuerbach, die Schauspielerin am Berliner Ensemble ist. Doch Tina verweigert jeden Kontakt zu ihm, wird obendrein von einem Stasi-Mann abgeschirmt, der den chilenischen Privatermittler in die Mangel nimmt und zur Ausreise zwingt.Das DDR-Kapitel zeigt die intime Landeskenntnis des Autors, der dort als Exilant Anfang der 80er Jahre ein Politologiestudium absolvierte, ehe er als Journalist in der Bundesrepublik arbeitete. Da wird in der Mitropa-Gaststätte Korn und Stierblut (ungarischer Rotwein) konsumiert und in der Plattenbauwohnung geliebt. Anhänger des verstorbenen Regisseurs Fritz Bennewitz wird die Beschreibung des Premierenabends zum Brechtschen "Kreidekreis" amüsieren; Bennewitz und seine Hauptdarstellerin werden im Regen von Autogrammjägern verfolgt.Erstaunlich ist denn doch, wie desillusioniert der Autor, dessen Sympathie SalvadorAllende und den lateinamerikanischen Linken gilt, auf die politischen Verhältnisse in Kuba und in der DDR in den 70er Jahre zurückblickt. Auch das Standbild des Dichters Neruda wird "demontiert", allerdings so, dass dieser dem Leser als Mensch näher rückt. Offenbar hatte der Chilene einen ähnlich großen Frauen-Konsum wie sein spanischer Künstlerkollege Picasso. Als eine Art von Selbstabrechnung "beichtet" Neruda, wie er die Frauen für seine Karriere und seine Dichtung benutzt und dann oft schmählich im Stich gelassen habe. Offenbar sucht der zur wirklichen Liebe unfähige Dichter, den Tod vor Augen, Absolution von der ihm unbekannten Tochter.
In der liebevollen Beschreibung des alten Poeten und seines entwurzelten kubanischen Ermittlers, der auch noch von seiner chilenischen Frau verlassen wird, liegt ein gewisser Charme. Da schmieden zwei Dilettanten an einem Plan, der letztlich doch noch zu einem Ergebnis führt - zu einem schockierenden: Nerudas mexikanische Geliebte entpuppt sich als Doppel-Agentin, die in den Verrat an Ernesto Che Guevara im Jahre 1967 verwickelt ist. Andererseits nimmt sie Cayetano vor der chilenischen Militärjunta in Schutz.Ampuero lässt diese Geschichte im finstersten Stadium seines Heimatlandes Chile mit einem Lichtschimmer enden. Präsident Allende starb bei der Erstürmung des Regierungsgebäudes, Pablo Neruda nur wenige Tage später an seiner schweren Krankheit. Cayetano, der den Dichter im Leichenkeller einer Klinik von Santiago findet, ist verzweifelt, weil er mit seiner Nachricht, dass Tina tatsächlich Nerudas Tochter ist, zu spät kommt, wird dann aber Zeuge, wie sich dessen Begräbnis zu einem Akt des Widerstands gestaltet: "Ein kaffeefarbener Sarg wurde zur Tür herausgetragen. Matilde folgte ihm mit gesenktem Haupt. Die Menschen begannen, Nerudas Namen zu skandieren und applaudierten, als wohnten sie einer Lesung des Dichters bei."Die Freiheit begrabenTatsächlich wurden am 25. September 1973 während Nerudas Beisetzung unter den Augen der Militärjunta von einer großen Menschenmenge auch die Namen Salvador Allendes und des ermordeten Volkssängers Victor Jarra gerufen. Das "symbolische Begräbnis der Freiheit", wie die Schriftstellerin Isabel Allende es in ihrem Roman "Das Geisterhaus" nennt, wird zum Volksprotest. Roberto Ampueros Verdienst ist es, mit seiner abenteuerlichen Story die Erinnerung an den lateinamerikanischen Aufbruch und seine brutale Niederschlagung durch General Pinochet aufgefrischt zu haben und den Dichter von einer ganz anderen Seite zu zeigen.Roberto Ampuero: Der Fall Neruda. Roman, aus d. Spanischen v. Carsten Regling, Verlag Bloomsbury, Berlin, 378 S., 22 Euro