Bohrloch im Sarg - Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Belgiens zieht immer weitere Kreise
Porträt
Der Eingang zu den frühren Privatgemächern des Kardinals Godfried Danneels. Hier suchte die Polizei nach Hinweisen zum Missbraquchsskandal in der katholischen Kirche in Belgien.
Razzia bei der Prälaten-Konferenz, Suche nach Dokumenten im Sarg eines Kardinals, hochnotpeinliche Befragung des ehemaligen Katholiken-Primas im Polizeiprä- sidium - auch Belgien erlebt dieser Tage seinen Skandal um Kindesmissbrauch in der Kirche, und er fällt mindestens so dramatisch aus wie an anderen Tatorten.
Brüssel. "Eine der schwersten Krisen in der Geschichte der katholischen Kirche urteilt die Tageszeitung Le Soir über das, was die bestürzte Nation seit dem 24. Juni an immer neuen Enthüllungen zur Kenntnis nehmen musste. Damals stürmte die Polizei den Sitz des Erzbistums Mechelen. Die dort zu einer Konferenz versammelten Würdenträger wurden neun Stunden lang sistiert, während die Beamten das Gotteshaus, die Räume der kirchlichen Untersuchungskommission "Kindesmissbrauch und die Privatgemächer des Kardinals Godfried Danneels untersuchten, der von 1979 bis 2009 Primas der belgischen Katholiken gewesen war. Der Vatikan zeigte sich "schockiert über die Razzia und besonders über den unerhörten Vorgang, dass die Fahnder das Grab des Erzbischof Joseph Suenens geöffnet, ein Loch in den Sarg gebohrt und mit einer Kamera nach Belastungsmaterial gespäht hatten. Der Verdacht der Ermittler lautet: systematische Vertuschung von Pädophilie in der Priesterschaft. Rund 50 Opfer haben Danneels beschuldigt, vom Missbrauch gewusst, aber nichts unternommen zu haben. Ende April hatte bereits der Bischof von Brügge, Roger Vangheluwe, jahrelangen Kindesmissbrauch zugegeben und war zurückgetreten. In den Wochen danach hatten sich fast 500 Personen als Missbrauchsopfer bei der Kommision gemeldet unter dem Kirchenführer Danneels waren es in den zehn Jahren zuvor ganze zehn gewesen. Offenbar hat die Kommission unter dem Vorsitz des Psychiaters Peter Andriaenssens erst nach dem Rückzug von Danneels nennenswerte Aktivität entwickelt.
Bei der Mechelner "Operation Kelch wurden Dutzende Computer sowie sämtliche Akten der Untersuchungskommission beschlagnahmt. In den Unterlagen eines der teilnehmenden Bischöfe fand sich der Eintrag "Geheime Pädophilie-Dossiers offensichtlich sollte es bei der Zusammenkunft genau um dieses Thema gehen. Danneels wurde diese Woche geschlagene zehn Stunden vom Ermittlungsrichter Wim De Troy vernommen. Nach Informationen aus Polizeikreisen soll er die Akten über einschlägige Fälle in der Priesterschaft Jahr für Jahr schlicht an die jeweilige Diözese zurückgeschickt haben. Opfern, die sich direkt an ihn wandten, habe er eine Broschüre mit dem Titel "Vergeben lernen überreicht. Zu allem Überfluss fand sich im Archiv des Erzbischofs eine CD mit Teilen der Ermittlungsakten zum Fall Marc Dutroux, dem lebenslang inhaftierten Kinderschänder. Auf dem erzbischöflichen Computer seien anzügliche Bilder, darunter eines mit einem kleinen Mädchen unter der Dusche, aufgetaucht, hieße es in belgischen Zeitungen. Ob Danneels angeklagt wird, ist noch offen. Nach belgischem Gesetz wird mit bis zu einem Jahr Haft bestraft, wer eine Straftat nicht meldet. Dem steht allerdings das priesterliche Schweigerecht gegenüber.