Gehobener Psychothriller: "Die sterblich Verliebten"

"Nanu?", dieser Ausruf der Verwunderung steht am Beginn von Balzacs Novelle "Oberst Chabert" von 1832. Des Öfteren wird sie von Javier Marías in seinem neuen Roman herbeizitiert, ist sie doch ein Schlüssel zum Verständnis seines Buches. Hier wie dort passiert Absonderliches.
Der titelgebende Militär im dreimal verfilmten französischen Klassiker wird während der napoleonischen Kriege für tot erklärt, landet im Grab, taucht aber wieder auf, nachdem seine Witwe erneut geheiratet hatte. Ihr Leben ging weiter. Nun ist der Mann fehl am Platze und ein übergriffiger Störfaktor. Im Finale summiert ein desillusionierter Jurist Verbrechen, "denen gegenüber die Rechtssprechung ohnmächtig ist".

Marías nutzt den Text als Steilvorlage und überschreibt ihn als Palimpsest mit seiner Handlung aus dem Madrid von heute. Allmorgendlich folgt die schöne, knapp 40-jährige Verlagsmitarbeiterin María Dolz ihrem Ritual "inmitten unserer nachlässigen Stadt". Im Café beobachtet sie Miguel und Luisa Desvern, die ihr wie ein ideales Paar erscheinen. Bevor sie in ihren Job im Literaturbetrieb mit seinen egozentrischen Autoren eintaucht, inhaliert sie mit Blicken diesen menschlichen Gegenentwurf im wirklichen Leben wie ein Schauspiel, das ihr gute Laune macht. Eines Tages aber berichten die Zeitungen von der ebenso überraschenden wie brutalen Ermordung des Mannes auf offener Straße. Der Mörder ist schnell gefasst, verweigert aber die Aussage.

Gekonnt dehnt sich die Zeit

Mehr Fakten wird die Presse nicht liefern, weil sie ihre Leser umgehend mit den nächsten Ereignissen zu füttern hat. "Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln", heißt es. Danach schnurren wieder die Tagesordnungen ab. Damit es in diesem Fall aber nicht beim oberflächlich sensationslüsternen "Nanu?" bleibt, wird aus der beobachtenden María eine immer stärker einbezogene Erzählerin.

In pathetischem Jonglieren mit den ganz großen Gefühlen setzt Javier Marías auf die Macht der Literatur und entwickelt seinen faszinierenden Roman, den man langsam, geradezu behutsam liest, damit die Lektüre möglichst lange dauert. Als gehobener Psychothriller handelt das die erzählte Zeit gekonnt dehnende Buch davon, was die Jahre aus einem jeden machen und wie kompliziert es ist, Wahrheit zu objektivieren. Gewissheiten gibt es nicht, Gefühle und Überzeugungen schwanken und was uns einer erzählt, kennen wir nur aus zweiter Hand.

Die äußere Handlung ist karg. Nach Monaten trifft María die Witwe Luisa wieder, besucht sie in ihrer Wohnung, lernt dort einen Mann namens Javier Díaz-Varela kennen, in den sie sich verliebt und in dessen Bett sie landet. Überraschend wird sie Zeugin seines Gesprächs mit einem Komplizen, der in Javiers Auftrag Miguels Mörder gedungen hatte. Sie erschrickt über ihre Empfindungen für diesen Mann, der ihr seine Liebe zu Luisa gesteht, für die er den Weg bahnen wollte: "was uns am Leben hindert, muss man beiseiteschaffen." Und tatsächlich: Wiederum zwei Jahre später sieht sie beide als Paar an einem Caféhaustisch ...

Dieser für Marías Maßstäbe außerordentlich überschaubare Roman ist ein vor Spannung und Erotik knisterndes Meisterwerk. Wieder entführt er den Leser mit soghaften Sätzen in menschliche Abgründe und zeigt sprachlich virtuos, wozu Individuen in Extremsituationen fähig sind. Jeder kann vernichten, jeder kann erobern. "Menschen, aufgestellt wie Dominosteine", und mittendrin gerät die besonnen ihre "Zeit zwischen den Zufällen" lebende María Dolz immer mehr in den Strudel der Ereignisse. Man wird sie so bald nicht vergessen.

Javier Marías: Die sterblich Verliebten. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 430 S., 19,99 Euro


Ulrich Steinmetzger / 04.03.12 / TLZ
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