Hinter dem Label ?T-Redesign? stecken Moritz Weißkopf, Ralf Roggenbuck und Carmen Bergmann (v.l.). Bei der ?StöberArt? präsentieren sie aber auch ihre individuellen Stücke. Foto: Peter Michaelis
Aus Sperrmüll wird Design, verkündet das Erfurter Stöberhaus und greift mit seiner Ausstellung "StöberArt" den Trend Recycling Design auf.
Ahh, diese Lippen! Prall und glänzend und superpink wachsen sie aus einem Gesicht hervor, in dem außer diesem Mund gerade noch ein Paar Augen Platz hat. Ihr Schlafzimmerblick ist recht betörend, wenn da diese bonbonfarbenen Schlauchbootlippen nicht wären. Vielleicht wollten sie ursprünglich Brigitte Bardots laszivem Schmollmund nacheifern, aber daraus ist irgendwie nichts geworden ...
Schmollmund: Andreas Heintzels Büro muss als Baustelle herhalten - für ein paar pinkfarbene Lippen. Foto: Andreas Heintzel
Die Bardot hatte Andreas Heintzel am allerwenigsten im Sinn, als er dem Hocker ein neues Outfit verpassen wollte. Tatsächlich, es ist ein Polstermöbel, das einen da im Weimarer Büro des Graphikdesigners anschmachtet. Am kommenden Freitag wird das auf Anhieb kaum mehr zu erkennen sein, wenn der fertige Mund im "Stöberhaus" in Erfurt seinen Platz gefunden hat. In das Gebrauchtwarenhaus der Stadtwerke, das Möbel und Hausrat aus Wohnungsauflösungen und Entrümpelungen verkauft, laden 13 Thüringer Gestalter zur Ausstellung "StöberArt" ein - und präsentieren in Designerstücke verwandelten Sperrmüll. Zu dieser ungewöhnlichen Vernissage, aber auch danach können Besucher die "aufgemöbelten" Stühle, Schränkchen und Polstermöbel kaufen. Damit greift das Stöberhaus den Trend des Recycling Design gemeinsam mit Gestaltern auf, die aus gebrauchten Möbeln unverwechselbare Unikate herausschälen. Dazu wählte sich jeder der Teilnehmer im Stöberhaus die Möbelstücke aus, die er oder sie verwandeln wollte. Andreas Heintzel ist "an diesem charakterlosen Polsterding hängengeblieben", wie er sagt, wahrscheinlich, weil es "so schrecklich bieder" war. Der Hocker vom Anfang der 90er soll jetzt unter seinen Händen einen eigenen Charakter bekommen, schräg und erschreckend, aber mit einem gewissen Charme: Über dem wülstigen Mund werden insgesamt vier Augen blinzeln, an jeder Hockerseite eins, verrät er.
Gruß an das Action Painting: Moritz Weißkopfs Schränkchen "Pollock was here" erinnert mit Farbspritzern an den amerikanischen Künstler. Foto: Moritz Weißkopf
Während Heintzel in seiner Büro-Baustelle noch mit Stoffbahnen, Klebeband und Cuttermesser ringt, wird Moritz Weißkopf bis Freitag höchstens noch einmal mit einem Staublappen über seine Designerstücke wedeln. "Baroque your Life" und "Pollock was here" sind schon fertig, und man würde nicht vermuten, dass die beiden Kommoden bis vor kurzem im Stöberhaus unauffällig ihre Zeit absaßen. Jetzt unternimmt das "Pollock"-Schränkchen mit bunten Kringeln und Farbspritzern einen Ausflug zum Begründer des Action Painting, während sich das vom Barock angehauchte Möbel in Dunkelgrün und Weiß erwachsen-bodenständig gibt. Nur die verspielten Putten und Muscheln in Gold verraten, dass der Ernst des Lebens noch nicht vollständig Einzug gehalten hat.
Dackel-Schränkchen
Moritz Weißkopf ist eigentlich Soziologe und Musikwissenschaftler, arbeitet seit einigen Jahren aber in Erfurt als Gestalter und Web-Designer. Von seiner Handschrift war Stöberhaus-Marketingleiter Ivo Dierbach so begeistert, dass er den Designer gleich noch privat beauftragt hat. "Ich habe ein Telefonschränkchen aus den 80er Jahren entdeckt und Moritz Weißkopf gebeten, daraus einen Schuhschrank zu machen, für meinen Dackel." - Sagten Sie gerade, Sie schenken Ihrem Hund einen Telefon-Schuhschrank? "Ja, mein Dackel hält sich gern bei den Schuhen auf", erklärt Ivo Dierbach. "Ein Dackelsitz neben dem Schuhschrank wäre da doch ganz praktisch." Das Telefonschränkchen hat eine Sitzfläche - die ist ursprünglich für telefonierende Herrchen oder Frauchen gedacht. Genau dort hätte Dierbach gern ein felliges Plätzchen für den Dackel und daneben einen verspielten, das Barock zitierenden Stauraum für seine Winterstiefel und Sommerschuhe. Moritz Weißkopf ist schon an der Arbeit.
Wo ist hier ein alter Schrank? Recycling Design steht für Individualität und Beständigkeit. Foto: Peter Michaelis
Zusammen mit seinen Kollegen Carmen Bergmann und Ralf Roggenbuck, die gemeinsam das Label "T-Redesign" gegründet haben, gestaltet er für die Ausstellung außerdem noch ein Container-Sofa. Dazu wird ein großer ausrangierter Plastik-Container mit Kissen ausgekleidet, die ebenfalls aus gebrauchten Materialien entstehen - der Inbegriff des Recycling Design sozusagen: Das Möbelstück schont die Umwelt, weil bereits Existierendes neu verwendet wird. Diese Herangehensweise steht im direkten Gegensatz zum Hype um Ikea-Möbel, doch das wundert Moritz Weißkopf nicht außerordentlich. "Menschen, die heute Möbel kaufen, wollen etwas, das Bestand hat und individuell ist", sagt er.
Müllberge vermeiden
In der Kunstschule "Imago" erhielt die Blumenbank ein neues Antlitz. Foto: Peter Michaelis
Carmen Bergmann verbindet mit dem Recycling Design noch einen ganz anderen Nutzen: Es ist ein Weg, Müll zu vermeiden. Sie ist kaum zu stoppen, wenn sie von den Müllbergen in Indien oder in Brasilien erzählt, wo die Menschen mit Müll Geld verdienen - Müll, den die westliche Wohlstandsgesellschaft Tag für Tag produziert. Wem geht heute noch das Herz über, wenn er eine bedruckte Plastiktasche in Händen hält? Und wer denkt dabei an die Mengen an Erdöl, die für jede Plastiktüte und jeden Klebestreifen verbraucht werden? Seit 2004 beschäftigt sich die Produktdesignerin mit Recycling Design und gibt dazu auch Workshops. Ihre Möbel für die "StöberArt" sind aus Industrieresten entstanden, die sonst in der Müllverbrennung gelandet wären. Aus MDF- und Spanplatten, Schaumstoffverschnitt und Pappröhren hat sie Hocker und Pinnwände angefertigt, die optisch als Set zueinander passen. Mit der Ausstellung will Ivo Dierbach das Erfurter Gebrauchtwarenhaus als Thüringer Adresse für Recycling Design und als Plattform für junge Gestalter etablieren. Er war positiv überrascht, erzählt er, als auf einmal 13 Designer mitmachen wollten: Ursprünglich hatte er mit zwei oder drei Teilnehmern gerechnet. Mit dem Ziel, das Stöberhaus von seinem ältlichen Image zu entstauben und über das Recycling Design einen Beitrag zur Abfallvermeidung zu leisten, hatten er und eine Studentin vor einigen Monaten im Internet nach Thüringer Designern und Kunsthandwerkern gesucht. Nun hofft Dierbach, dass die Beteiligten der ersten Stunde bei der Stange bleiben und andere Kollegen dazu anregen, die "StöberArt" mit neugestalteten Gebrauchtmöbeln am Leben zu erhalten. Für frischen Wind im Stöberhaus hat indes eine Gruppe Designer um Lydia Keßner gesorgt. Sie haben ein Schaufenster für die Ausstellung dekoriert und extra einen Raum abgeteilt. Mit dunklem Laminat und Spiegeltapete hebt der sich nun deutlich vom restlichen Ambiente der gebrauchten Möbel und Waren ab. Obendrein hat Lydia Keßner ein eigenes Unikat angefertigt: Auf einem alten Teewagen wird sie eine Geschichte erzählen, modern illustriert auf einem klassischen Spitzendeckchen. Zur Sache
Skizze zum Mund-Hocker von Andreas Heintzel
Bereits Genutztes wiederverwenden statt neu zu produzieren - dies ist auch das Credo des Recycling Design. Das Erfurter Gebrauchtwarenhaus "Stöberhaus" orientiert sich mit einer Ausstellung an diesem Trend und beteiligt sich damit obendrein an der Europäischen Woche der Abfallvermeidung vom 20. bis 28. November. 26. November, 19 Uhr, mit Dahlia de France und Feindrehstar, Stöberhaus, Eugen-Richter-Straße 26, Erfurt