Motorsägenkünstler aus Thälendorf gewinnt Weltcup

  • Florian Lindner in Thälendorf in Aktion: Mit der Kettensäge hat der 28-Jährige aus dem oberen Teil eines Stamnes einen Adler geschnitzt. Seine Vorliebe bei den Arbeiten gilt Tiermotiven. Foto: Wolfgang Schombierski Florian Lindner in Thälendorf in Aktion: Mit der Kettensäge hat der 28-Jährige aus dem oberen Teil eines Stamnes einen Adler geschnitzt. Seine Vorliebe bei den Arbeiten gilt Tiermotiven. Foto: Wolfgang Schombierski
Weltklasse aus Thälendorf: Der 28-jährige Florian Lindner geht mit der robusten Motorkettensäge so geschickt um wie andere mit Schere, Zwirn und Faden. Jetzt hat der Ehemann und Vater von drei Kindern erneut einen Weltcup in Sachsen gewonnen.
Wieder verspürt Florian Lindner das eigenwillige Kribbeln in der Magengrube.

Dieser baumstarke Mann wartet mit den anderen zwölf Teilnehmern beim Schnellschnitz-Wettkampf, der Fachleuten besser als Speedcarving über die Lippen geht, auf das Startsignal. Endlich ertönt im sächsischen Walderlebnisdorf Blockhausen, gelegen zwischen Mulda und Dorfchemnitz, eine Glocke. Die haben die Spezialisten an der Motorkettensäge der Familie Martin als Veranstalter des Weltcups, auch Huskycup genannt, für ihre jahrelangen Mühen geschenkt.

Der 28-jährige Thälendorfer macht sich wie seine Konkurrenten unter Ohren betäubendem Lärm ans Werk und ist dabei so geschickt wie andere im Umgang mit Schere, Zwirn und Faden. Jeder aus der Weltelite hat einen Baumstamm als Rohling und legt sich ins Zeug, nach einem vorab frei gewählten Motiv eine Figur innerhalb einer vorgegebenen Zeit hinzubekommen. Mal entscheidet eine Jury über den Sieg, diesmal ist der Versteigerungserlös Ausschlag gebend, mit dem soziale Zwecke unterstützt, Kosten des Veranstalters und die Mühen der Akteure belohnt werden.

  • Florian Lindner bei der Bearbeitung eines Rohlings, aus dem er später eine Skultptur sägen wird. Foto: Wolfgang Schombierski Florian Lindner bei der Bearbeitung eines Rohlings, aus dem er später eine Skultptur sägen wird. Foto: Wolfgang Schombierski
Erneut schneidet der Ehemann und Vater von drei kleinen Kindern hervorragend ab und setzt sich gegen Norweger, Russen und andere Deutsche durch. Am Ende darf er den Siegerpokal nach einem zweitägigen Wettkampf entgegen nehmen. Entscheidend vor wenigen Tagen: eine sehenswerte Tischsitzbank-Kombination mit Eulenmotiven.

Keine Eintagsfliege. Im heimischen Thälendorf hat Holz-Flori, wie er in der Region gern genannt wird, eine Reihe von funkelnden Trophäen im Wohnzimmer. "Der erste Pokal hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, den ich im Jahr 2009 holte", sagt der, der einmal etwas ganz Anderes im Sinn hatte und einen Abschluss als Diplomingenieur für Gebäude- und Energietechnik vorweisen kann. Ebenfalls in Blockhausen setzte er sich damals als relativ Unbekannter unter den Augen von Tausenden Zuschauern über die Pfingstfeiertage bravourös durch. "Als ich vom Sieg erfuhr, habe ich sofort meine Frau angerufen", strahlt "Flori", als wärs vor einer Stunde gewesen.

Was er bislang anpackte, scheint Hand und Fuß zu haben. Vielleicht wegen seines Ehrgeizes, wie er zurückhaltend sagt. Der Thälendorfer besucht als Heranwachsender das Dr.-Max-Näder-Gymnasium in Königsee und baut ein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,6. Als Allrounder sind seine fußballerischen Qualitäten beim TSV Bad Blankenburg gefragt, ehe er sich neuen Herausforderungen widmet. Das Studium in Erfurt steht vor der Tür. Zu Hause gilt es, den Eltern zu helfen, eine Destille in Großgölitz zu etablieren.

"Aufs Schnitzen mit der Kettensäge kam ich erst im Jahr 2004 während der Semesterferien", erinnert sich "Flori". Der Vater hatte Fotografien von einer Messe aus Schweinfurt mitgebracht. "Schau mal, was es alles gibt. Versuchs doch mal", macht er dem Sohnemann Appetit, der sich nicht zwei Mal bitten lässt. "Flori" stellt sich mit der Kettensäge auf der Wiese der Eltern auf die Probe und gestaltet seinen ersten Pilz aus Holz. Es ist die Initialzündung für seinen neuen Lebensweg.

"Flori" beendet sein Diplom 2007 noch mit der Note 1,6, will aber von Energie- und Projektmanagement nichts mehr wissen. Seinen Durchbruch als Kettensägenschnitzer schafft er im Oktober des gleichen Jahres bei einem Wettkampf, um dessen Teilnahme er sich selbst bewirbt. "Dieser fand im Rahmen des Stadtfestes im holländischen Vaassen statt", blickt "Flori" zurück. Er landet zwar nur auf dem zehnten Platz, setzt aber Achtungszeichen und verschafft sich Respekt bei der Konkurrenz.

  • Ein Frosch, den Holz-Flori hergestellt hat. Foto: Wolfgang Schombierski Ein Frosch, den Holz-Flori hergestellt hat. Foto: Wolfgang Schombierski
Fortan ist er bei den Schnitzern in aller Munde, erhält Einladungen in Deutschland und aus dem Ausland. Er ist bei der Bundesgartenschau in Schwerin dabei, fährt nach England und Schottland und ist im Jahr 2010 erstmals beim weltgrößten Treffen der Kettensägenschnitzer in Ridgeway (Pennsylvania) in den USA dabei.

Besonders freundschaftliche Beziehungen entwickeln sich zwischen "Flori" und dem US-Amerikaner Brett McLaine. Sein Kumpel war schon zwei Mal in Thälendorf, kennt Vogelschießen, Heidecksburg, die Feengrotten, Erfurt und Weimar. Brett kombiniert seine Besuche in "good old Germany" mit wen wunderts Schnitzwettbewerben. Im Gegenzug lernt "Flori" tolle Ecken in New York kennen und schnuppert am "American way of Life".

Mit der Geduld von Ehefrau Jessica und Vater Hartmut als Sponsor hat sich "Flori" als Holzsägespezialist etabliert. Zwei Mal hintereinander wird er Deutscher Meister. Drei Titel wurden erst vergeben, der junge Ehemann ist quasi das in seiner Disziplin, was Bayern München im Fußball ist. Und er kann sich Weltrekordhalter im 60-minütigen Schnellschnitzen nennen, bei dem es u. a. auf Größe und Schönheit der gesägten Holzfigur ankommt.

Wie eng Freud und Leid nebeneinander liegen, muss auch er erfahren. Im Juni 2011 zertrennt er sich bei einem Wettkampf südlich von London zwei Sehnen, die ihm letztendlich in der Berliner Charité zusammen geflickt werden. "Richtig fit wurde ich erst durch die Behandlung von Susanne Voigt aus unserem Ort, die Ergotherapeutin ist und nebenbei Patentante von unserem Sohn Theodor", merkt "Flori" an.

Bei einer Schauvorführung ist er am Sonntag, 29. Juli, im Rahmen des Sommerfestes in Teichweiden zu erleben, das dort in bewährter Weise von Norbert von Roda arrangiert wird. Koffer packen heißt es zudem für die größte Forstmesse Europas im baden-württembergischen Bopfingen, wo der Thüringer für eine namhafte Firma das Bühnenprogramm mitgestaltet. In diesem Jahr geht es noch nach England und nach Norwegen. "Ich bin so dankbar, dass meine Frau alles mitmacht", holt "Flori" tief Luft, der sich oft Zeit für Auftragsarbeiten frei schaufeln muss.


Wolfgang Schombierski / 02.06.12 / OTZ
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