Akram Khan gastiert beim Kunstfest in Weimar

  • Szenenfoto aus "Gnosis" von und mit Akram Khan zum Kunstfest in Weimar. Foto: Richard Haughton Szenenfoto aus "Gnosis" von und mit Akram Khan zum Kunstfest in Weimar. Foto: Richard Haughton
Kunstfest-Wanderschaften sind Begegnungen der außergewöhnlichen Art. Das trifft ganz besonders auf die Tanz-Gastspiele zu, wie am Sonnabend in der Weimarhalle mit dem zweiteiligen Abend Gnosis von Akram Khan und seinem exzellenten internationalen Musikensemble zu erleben war.
Hier trifft der klassische indische Tempeltanz Kathak auf zeitgenössisches Tanztheater, begegnen sich Tradition und Moderne, wird eine Jahrhunderte alte Legende aus dem indischen Nationalepos "Mahabharata" in zeitgenössischer Bewegungssprache neu erzählt.

Für den britisch-bengalischen Tänzer und Choreografen Akram Khan ist "die Bühne ein Tempel, ein heiliger Ort". Er selbst erweist sich als Bühnenmagier, der das Publikum im ersten Teil des Abends mitnimmt auf eine Reise durch Zeit und Raum mit ungewohnten Hör- und Seherlebnissen.

Was Khan mit seinem Körper anstellt, in weiten Pluderhosen und Schellenglocken an den Füßen, grenzt an Zauberei. Wie ein Derwisch wirbelt er in extremen Tempowechseln über die Bühne. Er bringt Pflanzen in die Erde und beschwört die Natur, er lässt mit seinen Armen Kathedralen wachsen und formt mit wirbelnden Händen und gespreizten Fingern explosive Zauberbälle. Und wenn er anmutig und kraftvoll zugleich seine Arme fliegen lässt, meint man Vogelschwingen rauschen zu hören.

Live begleitet wird Khan vom indischen Sänger Faheem Mazhar, Cello, Geige und zwei Percussionisten, darunter ein Tabla-Spieler, der die kleinen indischen Paukentrommeln virtuos einsetzt. Wie harmonisch das Zusammenspiel von Musikern und Tänzer funktioniert, ist in einer Improvisation zu erleben: Khan gibt mit knappen Gesten und dem Stampfen der Füße die Themen vor, die Musiker folgen, übernehmen und finden zu klassischen Melodien immer neue Rhythmen.

Im zweiten Teil des Abends erzählt Khan im Duett mit der taiwanesischen Tänzerin Fang-Yi Sheu die Legende der Königin Ghandari, die zur Ehe mit einem blinden Prinzen gezwungen wird und beschließt, fortan mit verbundenen Augen zu leben. Selbst bei der Geburt ihrer Kinder und dem folgenschweren Konflikt mit den kriegerischen Söhnen bleibt sie ihrem Gelübde treu. Wie Akram Khan und seine kongeniale Partnerin, die ehemalige Graham-Solistin Fang-Yi Sheu, diese Legende mit inbrünstiger Hingabe, tastendem Stock, suchenden Händen und manchmal etwas zu viel pantomimischen Schmerz gestalten, ist sehens- und hörenswert. Und wird am Ende vom Publikum mit stürmischem Applaus gefeiert.


Sabine Wagner / 27.08.12 / OTZ
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