Gespräch mit Amina Gusner zur "Dreigroschenoper"

  • Heiko Senst als Großunternehmer Jonathan Jeremia Peachum, Alice von Lindeau als Tochter Pollly Peachum und Anne Keßler als Ehefrau Celia Peachum  posieren  in der Geraer Innenstadt für "Die Dreigroschenoper". Premiere am 7. Oktober in Gera Heiko Senst als Großunternehmer Jonathan Jeremia Peachum, Alice von Lindeau als Tochter Pollly Peachum und Anne Keßler als Ehefrau Celia Peachum posieren in der Geraer Innenstadt für "Die Dreigroschenoper". Premiere am 7. Oktober in Gera
Am Freitag hat an den Bühnen der Stadt Gera Die Dreigroschenoper von Brecht/Weill Premiere. Es inszeniert die Schauspieldirektorin von Theater& Philharmonie Gera.
Frau Gusner, wenn Sie an einer Bank vorbei gehen, was denken Sie dann?

  • Schauspieldirektorin Amina Gusner Schauspieldirektorin Amina Gusner
Meistens bin ich so komplett in meine Gedanken vertieft und merk nicht mal, dass ich an einer Bank vorbei gehe.

Ich dachte, Sie denken an den berühmten Satz aus der "Dreigroschenoper": Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank.

Der kommt in der Suhrkamp-Fassung, die wir spielen, leider nicht vor.

Wie das?

Wir haben eine Fassung, in der viele schöne bekannte Sachen, die man mit der "Dreigroschenoper" verbindet, nicht drin sind. Und dieser Satz kam später, in der überarbeiteten Fassung von Brecht vor.

Da lassen Verlag und Brecht-Erben nicht mit sich diskutieren?

Wir haben schon um eine Szene gekämpft, die Lucie-Polly-Szene.

Die das Publikum zur Eröffnungsgala sehen konnte?

Nein, eine andere Szene. Die haben wir auch bekommen. Wir haben auch nach anderen Sätzen gefragt, die noch mal die Figurenverhältnisse verdeutlichen würden, gefragt, z.B. Polly-Mac, kurz vor seiner Hinrichtung, aber das wurde uns dann nicht erlaubt. Es darf seit einigen Jahren nur noch diese eine Fassung gespielt werden, die 1928 zur Premiere kam.

War es ein Herzenswunsch, "Die Dreigroschenoper" zu inszenieren?

Eigentlich mache ich das Stück, weil es in Gera lange lange nicht gelaufen ist. (Zum letzten Mal 1991 d. R.) Und ich fand es angemessen, dass es wieder kommt. Außerdem passt es komplett zur gegenwärtigen Situation. Es passt auch zur Situation des Theaters. Und ich habe noch nie ein Musical inszeniert. Da kamen also mehrere Treffer zusammen.

Haben Sie selbst als Schauspielerin "Die Dreigroschenoper" gespielt?

Nein, ich kann überhaupt nicht singen. Mich würde man ausbuhen.

Weills Songs vor allem für die Frauen sind ja besonders schwierig.

Furchtbar schwer. Aber auch für die Männer. Machieth hat gegen Ende, kurz bevor er gehängt werden soll, die Villon-Lieder, die so wahnsinnig schön sind. Unglaublich schöne Songs, aber wirklich schwer zu singen.

Daran arbeiten Sie zurzeit?

Seit Mittwoch proben wir nun mit dem Orchester. Aber auch die Choreografien kosten ja viel Zeit.

Bei der Eröffnungsgala sah es aus, als sei vom Kostüm her die Oper richtig im Bettlermilieu angesiedelt.

So? Wenn das meine Schwester hört. (Imken Gusner ist die Bühnenbildnerin d.R.) Meinen Sie die Eifersuchtsszene? Das weiße Brautkleid und das rote Kleid waren doch ganz schick.

Das stimmt. Aber doch nicht das Kittelschürzenkleid von Frau Peachum, die von der mit ausladenden Hüften bestückten Anne Keßler gespielt wird.

Ich würde Kittelschürze und Bettleroutfit nicht über einen Kamm scheren. Frau Peachum ist ja eine Kleinbürgerin. Also auf keinen Fall overdressed. Und den Kanonensong, den wir zur Gala gezeigt haben, den singen ja die Gangster. Und die, das wollte Brecht auch, die sind auch sehr kleinbürgerlich. Ihre grauen Anzüge erinnern an Bankangestellte.

Weil das Stück so aktuell ist, muss man es nicht aktualisieren?

Es wird ja immer aktueller. Dass sich alles nur noch um Geld, um Vorteil, um Nutzen dreht. Und die Gesellschaft gibt dem Gutverdiener und Erfolgreichen Recht. Egal wie da die Moral ist. Erst mal ist man auf der Gewinnerseite. Ein guter Mensch sein ist kein Beruf und bringt dir nichts. Auch Kunst, Vision, Glaube, Soziales, die Zukunft für die Kinder spielt in dieser Gesellschaft eine untergeordnete Rolle. Schließlich wird da zuerst gestrichen. Selbst die Vorstellung von der Liebe ist etwas, was man braucht, damit es einem besser geht. Man will es "haben". Nicht "geben". Es gehört irgendwie zum guten Ton zu lieben: Da nimmt man sich den Film zum Vorbild und spielt ein bisschen Liebe nach. Aber nur, solange es mein Vorteil ist. Wenn ich nichts mehr davon hab, höre ich auf damit. Das ist leider auch Zeitgeist, dass wir alle unheimlich pragmatisch sind.

Was interessiert Sie an der "Dreigroschenoper" noch?

Tatsächlich das Musical. Erst dachte ich, das ist so eine dröge Nummer. Brecht, huhu Moral.

Nanu?

In meiner Erinnerung war es eben so, dass immer die Moralkeule kam und dann schmeckt mir mein Abendbrot nicht mehr. Aber als ich mich damit beschäftigt habe, stellte ich fest, wie kurzweilig und unterhaltsam dieses Stück ist. Die Texte sind so flott geschrieben. Die Songs sind gut, es ist eine Mischung verschiedenster Musikrichtungen, das gibt's ja so normalerweise nicht. Und die Leichtigkeit des Musical verbindet sich mit einer klugen Handlung und einem klugen Thema. Am Ende steht man doch vor dem Galgen oder guckt in seinen persönlichen Abgrund, wenn man nur auf dem Nutznießerweg geht. Durch die Showeinlagen kommt die Gefühllosigkeit so heiter daher, alles ist ein Spaß, und daraus wird urplötzlich bittere Brutalität. Urplötzlich bricht eine Realität ein, die man irgendwie ahnt, sich aber irgendwie schöndenkt. Das sind ja auch unsere jüngsten Erfahrungen. Und da war es mir in meiner letzten Spielzeit in Gera ein echtes Bedürfnis, die "Dreigroschenoper" zu inszenieren.

Gespräch: Angelika Bohn

Premiere am 7. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus Gera


Angelika Bohn / 05.10.11 / OTZ
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