Jena. Tag der offenen Tür: Sicherheit und gute Betreuung machen die Werkstatt der Lebenshilfe als Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung wieder attraktiver.

  • Birgit Martin: Engagement trotz psychischer und körperlicher Einschränkungen
  • Ziel der Integration in den ersten Arbeitsmarkt, mit Rückkehrrecht zur Lebenshilfe
  • Vielfältiges Weiterbildungsangebot und Betreuung bei der Lebenshilfe Jena

„Bei uns gibt es Fitte und Schwache. Nicht nur die Starken – das ist das Schöne“, sagt Birgit Martin. Sie arbeitet beim Saale-Betreuungswerk der Lebenshilfe Jena. Ihre Fachgebiete sind Montage und Verpackung, daneben ist sie im Werkstattrat, dem Betriebsrat der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, und engagiert sich in der Weiterbildung – unter anderem mit dem Projekt Topf und Söhne, das sich mit den Verbrechen der NS-Diktatur und der Euthanasie beschäftigt.

Dabei war Birgit Martin selbst lange auf Hilfe angewiesen – und fand sie bei der Lebenshilfe: „Ich bin psychisch krank und seit meiner Magenverkleinerung auch körperlich schwach“, erklärt sie. „Seit meine erste Bezugsbetreuerin in Rente gegangen ist, bin ich hier.“

Ziel ist immer der erste Arbeitsmarkt

2015 kommt Martin zur Lebenshilfe und durchläuft deren klassischen Ausbildungsverlauf. Ein Vierteljahr Eingangsverfahren, beide Seiten müssen prüfen, ob sie zueinander passen. Dann folgen zwei Jahre Berufsbildung: In selbst gewählten Berufsfeldern werden Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt und, wenn möglich, Praktika in Betrieben absolviert. Birgit Martin gefällt das Montieren und Verpacken, gerade arbeitet sie in mühevoller Kleinarbeit an Bauteilen für eine Sanitärfirma. Wie einige ihrer Kolleginnen ist Martin nach der Ausbildung in der Werkstatt der Lebenshilfe geblieben. Ihr Ziel, so Geschäftsführerin Sabine Jahn, ist aber „immer der erste Arbeitsmarkt“.

Birgit Martin zeigt eine Steckhilfe, für Menschen mit schlechter Feinmotorik.
Birgit Martin zeigt eine Steckhilfe, für Menschen mit schlechter Feinmotorik. © Funke Medien Thüringen | Karl Gattenlöhner

„Aber wir schaffen es oft nicht auf den ersten Arbeitsmarkt“, sagt Martin. „Wenn du hier etwas nicht schaffst, kannst du eine Pause machen. Andere Arbeitgeber sagen oft, ihr müsst das schaffen.“ Trotz des erklärten Ziels der Lebenshilfe schaffen es nur ein bis zwei Prozent der Auszubildenden auf den ersten Arbeitsmarkt. Für alle anderen bietet die Werkstatt einen sicheren Rahmen: „Wir ermöglichen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein gefahrloses Beschnuppern“, erklärt Antje Thomas. Sie leitet den Fachbereich Berufliche Teilhabe. „Unsere Teilnehmer haben aber immer ein Rückkehrrecht.“

Sabine Jahn, Birgit Martin und Antje Thomas (v.l.) beim Tag der offenen Tür.
Sabine Jahn, Birgit Martin und Antje Thomas (v.l.) beim Tag der offenen Tür. © Funke Medien Thüringen | Karl Gattenlöhner

Sicherheit und gute Betreuung machen die Werkstatt der Lebenshilfe als Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung wieder attraktiver. Die Zahl der Bewerber steigt. „Gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen gibt es zu wenig Angebote auf dem Markt“, erklärt Antje Thomas. Aber auch im Bereich der Schulbegleitung ist eine steigende Nachfrage zu verzeichnen.

Tag der offenen Tür bei den Werkstätten

Das Saale-Betreuungswerk der Lebenshilfe lud jetzt zu einem Tag der offenen Tür in den Betriebsstätten Drackendorf-Center 4 und Am Flutgraben 14 ein. Er bot einen umfassenden Einblick in die Dienstleistungen und Angebote. Die Beschäftigten leisten wertvolle Arbeit, unter anderem in den Bereichen Garten- und Landschaftsbau, Digitalisierung, Aktenvernichtung, Hauswirtschaft und Montage. Auch der Bereich Fahrzeugpflege, der seit 2017 besteht, und die Arbeit am Weinberg, aus der jedes Jahr ein eigener Wein vom Käuzchenberg hervorgeht, wurden vorgestellt.

Bewerberzahlen brechen während Corona ein

Ein Grund dafür war der Einbruch der Bewerberzahlen während der Pandemie, „da hat Corona zugeschlagen“, bestätigt Martin. Zum anderen stellt sich die Lebenshilfe flexibler auf: „Wir können uns fast alles vorstellen, von Kindern bis zu Senioren. Teilzeit, Gleitzeit - das ist jetzt möglich“, sagt Antje Thomas. Birgit Martin nutzt das neue Angebot schon länger: „Ich habe meine Arbeitszeit seit drei Jahren reduziert und komme damit besser klar. Ich habe Termine nach der Arbeit, meine ambulante Betreuung – das ist jetzt schon angenehmer.“