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Kunstfreiheit und Kollektiv: Was ist bei der documenta los?

dpa
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Am Tag nach dem Abhängen des umstrittenen Großbanners steht auf dem Friedrichsplatz nur noch ein leeres Gerüst.

Am Tag nach dem Abhängen des umstrittenen Großbanners steht auf dem Friedrichsplatz nur noch ein leeres Gerüst.

Foto: dpa

Kassel  Kunstfreiheit und Kampf gegen Antisemitismus sind eigentlich kein Gegensatz. An den Rändern kann es jedoch mitunter kompliziert werden. Die documenta in Kassel hat sich da reichlich verheddert.

Die documenta in Kassel will ein Fest der Weltkunst sein. Hier soll sich alle fünf Jahre die internationale Avantgarde treffen und innovative Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst aufzeigen.

Dafür muss sich die documenta jedes Mal neu erfinden. Hat sie sich diesmal verhoben? Die aktuellen Vorwürfe, antisemitische Kunst zu zeigen, haben jedenfalls eine andere Dimension als die Kontroversen früherer Jahre.

So funktioniert die documenta

Träger der alle fünf Jahre stattfindenden Kunstausstellung ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die documenta und Museum Fridericianum gGmbH. Gesellschafter und Geldgeber dieser gGmbH sind die Stadt Kassel und das Land Hessen. Der Bund ist formal nicht beteiligt, ist über die Kulturstiftung des Bundes aber als Finanzgeber mit im Boot. Im Aufsichtsrat der gGmbH sitzen nur Vertreter von Land und Stadt. Aufsichtsratsvorsitzender ist der jeweilige Oberbürgermeister der Stadt Kassel, aktuell Christian Geselle.

Künftig will der Bund aber mehr Einfluss: Kulturstaatsministerin Claudia Roth bezeichnete den Rückzug des Bundes aus dem Aufsichtsrat 2018 bei gleichzeitigem Festhalten an der Bundesförderung als "schweren Fehler". Das soll sich wieder ändern.

Die Ebene darunter bilden die Geschäftsführung und die künstlerische Leitung. Geschäftsführerin - die Position nennt sich inzwischen Generaldirektorin - ist seit November 2018 Sabine Schormann, die ihre Aufgabe auch weiter wahrnehmen will. Die jeweiligen künstlerischen Leitungen werden alle fünf Jahre von einer Findungskommission bestimmt.

Für die 15. documenta fiel die Wahl auf ein Künstlerkollektiv aus Indonesien: Ruangrupa. Zum ersten Mal wird die documenta diesmal nicht von einer Einzelperson verantwortet, sondern von einer Gruppe.

Wieso die Kuratoren so viel Macht haben

Der documenta-Kenner Harald Kimpel nennt es "das Tafelsilber der documenta: der Nicht-Einfluss der Politik auf die Kunst". Die strikte Trennung zwischen denen, die das Geld geben, und denen, die die künstlerische Freiheit haben, es auszugeben, ist für Kimpel der Kern der documenta.

Das betont auch Generaldirektorin Schormann: Für die documenta "ist die künstlerische Freiheit konstitutiv", sagte sie der "Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen". "Ich habe die Freiheit des künstlerischen Programms zu garantieren. Für das künstlerische Programm selbst, also für die Kuratierung der Ausstellung, ist die künstlerische Leitung zuständig, bei dieser documenta Ruangrupa, unterstützt von einem von ihnen selbst bestimmten fünfköpfigen künstlerischen Team."

Das Kollektiv-Prinzip potenziert das Problem

Ruangrupa arbeitet nicht nur selbst als Kollektiv - das Kollektiv hat zu dieser documenta fast ausschließlich weitere Kollektive eingeladen. "Da Kollektivität im Mittelpunkt steht, haben wir zunächst 14 Kollektive eingeladen, ein transnationales Netzwerk aufzubauen, gefolgt von der Einladung von 53 Künstlern, darunter viele Kollektive, die wiederum weitere Beteiligte einluden", erklärte Ruangrupa im dpa-Interview kurz vor den Preview-Tagen ihren Ansatz.

Die Zahl der Einzelteilnehmer ist laut Schormann mittlerweile auf über 1500 angewachsen. "Das heißt aber zugleich, dass Ruangrupa sich nicht primär im klassischen Sinne als Kuratorinnen und Kuratoren verstehen. Das grundlegend Neue an Ruangrupas Konzept ist demgegenüber der radikal ergebnisoffene Prozess, der den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern sowie Kollektiven Freiräume eröffnet und neue Erfahrungen ermöglichen will", wie Schormann der HNA sagte.

Dazu kommt, dass sich diese documenta mehr als ihre Vorgänger ständig wandelt. "Die Menschen in Kassel und diejenigen, die die Gelegenheit haben, die documenta mehrmals zu besuchen, werden feststellen, dass sich auch die Ausstellung im Laufe der 100 Tage verändern wird", erklärte Ruangrupa.

Wieso es keine Zensur geben kann

Spätestens seit dem Skandal um das Wimmelbild von Taring Padi, im dem Kritiker antisemitische Karikaturen erkannten, fragen sich viele, wieso niemand die ausgestellten Werke vorher begutachtet hat. Schließlich gab es den Verdacht auf israelfeindliche Tendenzen schon lange vor der Eröffnung. Der langjährige Vorsitzende des documenta-Forums, Jörg Sperling, lehnte solche Forderungen kategorisch ab: "Das wäre Zensur", sagte er der dpa.

Angesichts der Menge der ausgestellten Objekte an mehr als 30 Standorten sei das zum einen nicht leistbar. Zum anderen widerspreche es der Idee der documenta. Sperling legte am Freitag sein Amt nieder, nachdem sich andere Mitglieder des Vereins von seinen Aussagen distanziert hatten. Er hatte kritisiert, dass das Kunstwerk von Taring Padi "auf politischen Druck hin" abgehängt wurde.

Auch Kimpel hält eine Vorab-Zensur weder für machbar noch für gewollt. Der Grundgedanke der documenta sei, der künstlerischen Leitung freie Hand zu lassen: "Die können dann auch eine Bierdeckelsammlung zeigen." Damit gehe die documenta aber alle fünf Jahre aufs Neue ein Risiko ein. "Bisher hat das immer geklappt, diesmal ist es schiefgegangen." Sperling hält die Debatte um das Kunstwerk für überzogen: "Eine freie Welt muss das ertragen."

Das kuratierende Kollektiv Ruangrupa bat dagegen am Donnerstag um Entschuldigung: "Wir haben alle darin versagt, in dem Werk die antisemitischen Figuren zu entdecken", schrieb es in einer Stellungnahme. "Es ist unser Fehler. Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, die Schande, Frustration, Verrat und Schock, die wir bei den Betrachtern verursacht haben."

Man wolle sich nun über "die grausame Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus" weiterbilden und sei "schockiert, dass diese Figur es in das fragliche Werk geschafft hat", das sich eigentlich auf die indonesische Geschichte beziehe.

Die Geschichte eines Skandals mit Ansage

Anfang des Jahres kamen zunächst weitgehend haltlose Antisemitismus-Vorwürfe gegen documenta und das kuratierende Team auf. Die Verantwortlichen bis hin zu Kulturstaatsministerin Roth machten klar: "Antisemitismus hat keinen Platz auf der documenta" und betonten Kunstfreiheit zugleich als "zentralen Punkt".

Die documenta wollte das Thema in mehreren Foren mit Expertinnen aus Kolonialismus- und Rassismusforschung, Holocaust- und Antisemitismusforschung sowie Kunst und Kultur diskutieren. Nach Kritik des Zentralrates der Juden an der Zusammensetzung der Foren und dem Umgang mit Antisemitismus wurde die Reihe abgesagt. Zunächst sollten die Kunstwerke der documenta im Mittelpunkt stehen.

Am kommenden Mittwoch (29. Juni) soll nun doch ein gemeinsam mit der Bildungsstätte Anne Frank ausgerichtetes Podiumsgespräch stattfinden - als Auftakt zu "weiteren Gesprächen", wie die documenta-Geschäftsführung ankündigte. Die Ausstellung soll zudem auf weitere kritische Werke hin begutachtet werden. "Eindeutig antisemitische Darstellungen werden deinstalliert, bei strittigen Positionen eine angemessene Debatte geführt."

Wie groß der Schaden ist - oder noch werden könnte

Die aktuelle Antisemitismus-Debatte wird der documenta nicht schaden, glaubt der Vorsitzende des documenta-Forums. Skandale hätten von Beginn an zu dieser Ausstellung gehört: "Die documenta bietet als Weltkunstschau alle fünf Jahre einen neuen Blick auf Kunst und Kultur", sagt Sperling. Dass dieses Neue manchmal auf Widerstand stoße, gehöre zum Konzept. "Es wäre äußert langweilig, wenn wir eine documenta hätten, über die nicht diskutiert würde." Bei jeder der 14 Schauen hätten Kritiker "das Ende der documenta beschworen", sagte Sperling. Am Ende sei sie jedes Mal gestärkt draus hervorgegangen.

Kimpel ist sich diesmal nicht so sicher. Die bisherigen "Skandale" waren aus seiner Sicht eher "Provokationen", bei denen sich Einzelne über Einzelaspekte aufgeregt haben. Diesmal habe der Skandal "eine andere Qualität": Die Debatte habe die Kunst verlassen und sich in die Politik verschoben. Man habe es jetzt mit einer "entkunsteten, politisierten documenta" zu tun.

Dass die Geschichte der documenta damit zu Ende ist, glaubt auch Kimpel nicht. "Es wird mit Sicherheit eine 16. documenta geben." Jede documenta sei anders gewesen als die vorherigen, "sie muss sich immer neu erfinden". Die Frage ist, welche Lehren die kommende documenta aus dieser ziehen wird. Im Rückblick, so Kimpel, sei immer die aktuelle documenta die schlechteste aller Zeiten, erst retrospektiv finde man an der vorhergegangenen auch immer etwas Gutes.

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