Berlin. Bisher zahlte die Krankenkasse diesen Lack für Kinderzähne ab dem 34. Lebensmonat nur unter einer Bedingung. Jetzt fällt diese weg.

Das Auftragen von Fluoridlack zur Härtung des Zahnschmelzes ist künftig für alle Kinder bis zum sechsten Geburtstag eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Der Anspruch besteht dann unabhängig davon, ob das Kariesrisiko von Zahnmedizinerinnen und -medizinern als hoch eingeschätzt wird oder nicht.

Die Änderung trete in Kraft, nachdem der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), nach dem Gesetzgeber das höchste Beschlussgremium des deutschen Gesundheitswesens, vom Bundesministerium für Gesundheit geprüft und im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde, teilte der G-BA mit. Damit sei in Kürze zu rechnen.

Laut Bundeszahnärztekammer haben 10 bis 15 Prozent der Unter-Drei-Jährigen Milchzahnkaries.
Laut Bundeszahnärztekammer haben 10 bis 15 Prozent der Unter-Drei-Jährigen Milchzahnkaries. © DPA Images | Patrick Pleul

Bisher gab es für den Schutz der Milchzähne je nach Altersgruppe unterschiedliche Regeln: Bis zum 33. Lebensmonat spielte das Kariesrisiko keine Rolle. Zwischen dem 34. Lebensmonat und dem vollendeten sechsten Lebensjahr war hingegen noch ein hohes Kariesrisiko die Voraussetzung dafür, dass die Milchzähne zweimal pro Kalenderhalbjahr mit Fluoridlack geschützt werden konnten. Dies wurde jetzt gekippt.

Zahngesundheit: Anspruch auf sechs Untersuchungen zur Früherkennung

Um Erkrankungen der Zähne und des Zahnfleischs vorzubeugen beziehungsweise so früh wie möglich zu erkennen, übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten für zahnärztliche Prophylaxe und Früherkennung. Kinder zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem vollendeten sechsten Lebensjahr haben laut Richtlinie Anspruch auf sechs zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen.

Zum Leistungsumfang gehört insbesondere, dass die Zahnärztin oder der Zahnarzt die Mundhöhle untersucht, das Kariesrisiko des Kindes einschätzt, zu Ernährungsrisiken durch zuckerhaltige Speisen und Getränke und zur richtigen Mundhygiene berät und gegebenenfalls fluoridhaltige Zahnpasta empfiehlt. Jetzt können die Milchzähne aller Kinder bis sechs Jahren zweimal pro Kalenderhalbjahr mit Fluoridlack geschützt werden.

Das Thema Fluorid ist dabei umstritten: Zu der Frage, ob Fluoride die Kinderzähne nun wirklich vor Karies schützen, gibt es mehrere Studien. Und diese sprechen nicht alle die gleiche Sprache.

Karies: Institut wertet 15 Studien aus

Im April 2018 hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) einen Bericht vorgelegt, nach dem die Anwendung deutliche Vorteile biete. Für den Report waren 15 randomisierte kontrollierte Studien unter die Lupe genommen worden, in denen 5002 Kinder mit Fluoridlack behandelt wurden, während rund 4705 Kinder keine Fluoridierung erhielten. Die Nachbeobachtungszeit betrug meist zwei Jahre, vereinzelt bis zu drei Jahre.

Die Ergebnisse der einzelnen Studien seien zwar unterschiedlich ausgefallen, dennoch überwiegen laut IQWiG die Vorteile: „Fluoridlack trägt wirksam zur Remineralisierung der Zahnoberfläche bei und verhindert die Entstehung und das Fortschreiten von Karies. Speziell bei kleinen Kindern bietet der Einsatz von Fluoridlack Vorteile, weil er schnell aushärtet“, so die Berichterstatter. Durch den Lack könnte etwa bei jedem zehnten Kind Karies verhindert werden.

Forscher aus Brasilien und den USA sind zurückhaltender

Eine 2019 veröffentlichte Studie kommt zu etwas anderen Ergebnissen. Hierbei haben brasilianische und US-amerikanische Forscher 20 Untersuchungen, die in 13 Ländern durchgeführt wurden, in ihre Bewertung aufgenommen. Die Wissenschaftler vertreten hier die Auffassung, dass Fluoridlack nur einen geringfügigen Vorteil biete.

Das Risiko für die Entstehung von Karies bei jenen Kindern, die mit Fluoridlack behandelt wurden, sei nur um etwa zwölf Prozent geringer. Bei den meisten Kindern komme es erneut zu Karies, ganz unabhängig von der Anwendung von Fluoridlack. Die Anti-Karieswirkung sei überschaubar.