Aus den Anfängen der rechtsradikalen "Bombenbastler" von Jena

Es war am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1997, als Spaziergänger auf dem Gelände der Gedenkstätte für Magnus Poser, den von den Nazis umgebrachten antifaschistischen Widerstandskämpfer am Jenaer Nordfriedhof einen Koffer mit aufgemaltem Hakenkreuz entdeckten.

Repro eines Fotos aus der Ostthüringer Zeitung vom 13. Februar 1998. In einer Jenaer Garage wurden am 24. Januar 1998 diese Waffen sichergestellt. Foto: Frank Döbert

Repro eines Fotos aus der Ostthüringer Zeitung vom 13. Februar 1998. In einer Jenaer Garage wurden am 24. Januar 1998 diese Waffen sichergestellt. Foto: Frank Döbert

Foto: zgt

Jena. Einige Zeit zuvor, im September, war bereits ein ähnlicher Koffer auf dem Jenaer Theatervorplatz aufgefunden worden, ebenfalls rot angemalt mit Hakenkreuz. Drinnen eine Rohrbombe ohne Zünder, aber wohl mit einigen Gramm Sprengstoff. Nun der zweite Koffer.

Ein Sprengroboter des LKA Thüringen zerschießt den verdächtigen Gegenstand, doch es gibt keine Explosion. Klar ist nur: In Jena gibt es offensichtlich "Bombenbastler" aus der Neonazi-Szene.

Am 24. Januar 1998 ist das Gewissheit. Die Polizei hebt bei einer Razzia in einer Garagenanlage in Jena-Burgau die "Werkstatt" der "Bastler" aus. Die als Täter ermittelten drei jungen Neonazis aus Jena – Beate Z., Uwe M. und Uwe B. – sind flüchtig. Gegen sie läuft ein von der Staatsanwaltschaft Gera beantragter Haftbefehl; bundesweit wird nun nach ihnen gesucht.

Zwei Wochen später werden die Fundstücke zusammen mit den zeitgleich in sieben Wohnungen beschlagnahmten Waffen und Propagandamaterialien beim Landeskriminalamt in Erfurt der Öffentlichkeit vorgeführt. Das Arsenal ist erschreckend: zündfertige Rohrbomben, Wurfsterne, Dolche, eine Armbrust mit Pfeilen, ein Luftdruckgewehr mit Zielvorrichtung, eine Machete, Gasdruckpistolen. Ein Gutachten über die Sprengkraft der Rohrbomben liegt zu der Zeit noch nicht vor, aber auch später ist das kein Thema mehr.

Helmut Roewer, der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz, attestiert der rechten Szene in Thüringen eine neue Qualität der Gewaltbereitschaft. "Es ist der Sprung vom Baseballschläger zum Sprengstoff", erklärt er, und auch, dass die "Karriere" der drei beendet sei, noch bevor sie richtig begonnen hat.

Doch von den gewaltbereiten Jenaer Neonazis, gegen die schon seit Januar 1997 laut Verfassungsschutzbericht von 1998 ein Ermittlungsverfahren lief, fehlt fortan jede Spur. Auch ein Aufruf im Fernsehen kann nicht weiter helfen. Die drei bleiben spurlos verschwunden, sie werden zwischenzeitlich in Südafrika vermutet.

Am 17. September 2003 konstatiert die Thüringer Generalstaatsanwaltschaft, dass trotz intensiver Fahndungsmaßnahmen der Polizeibehörden die Tatverdächtigen nicht ergriffen werden konnten. Von einer "Pleite" bei den Ermittlungen könne jedoch keine Rede sein.

Mit dem 22. Juni 2003 sei im Übrigen die Verjährungsfrist eingetreten, so dass die Staatsanwaltschaft Gera nach geltendem deutschen Recht das Verfahren eingestellt habe. Eine weitere Strafverfolgung ist damit ausgeschlossen.

Zu der Zeit ist Helmut Roewer längst nicht mehr im Amt. Er "stolperte" im Jahr 2000 über die Enttarnung des von seinem Dienst als V-Mann geführten Neonazis Thomas Dienel. Im Mai 2001 fliegt ein weiterer Spitzenfunktionär der Thüringer Neonazis als V-Mann auf: Tino Brandt. Der wiederum bestätigt öffentlich, dass er Gelder des Verfassungsschutzes auch zur Finanzierung des Thüringer Heimatschutzes verwendet habe – einer Organisation, der auch Beate Z., Uwe M. und Uwe B. angehört haben sollen.