Jena. Es dürfte noch viele Jenenser und Jenaer geben, die sich an den alten Inselplatz erinnern können. Es ist ja schließlich erst 28 Jahre her, als das Stadtquartier per Sprengung und Abriss verschwand, um Platz zu schaffen für das HO-Kaufhaus am Inselplatz. Bei dieser Gelegenheit ging es auch dem "Inselhof" an den Kragen, der aber schon längst keine Kneipe mehr war, aber stadtbekannt als Großküche beziehungsweise Schulspeisung im früheren Tanzsaal.
Als Gasthaus konnte der Inselhof auf eine bis ins Jahr 1891 reichende Geschichte verweisen und etliche Namenswechsel. 1891 ließ der Gastwirt Karl Saupe vom Architekten Bernhard Schlag (Vater des später weitaus bekannteren Architekten Hans Schlag) ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus mit Konzertpavillon errichten. Leider existieren von diesem Prachtbau im verspielten Stil der späten Gründerzeit keine Fotos. Doch die im Bauaktenarchiv erhaltenen Zeichnungen und Beschreibungen lassen auf üppige Details und Bauschmuck schließen. Diesem Schlag-Bau waren allerdings nur wenige Jahre vergönnt. Bereits 1910 erhielt Saupe die Genehmigung, das Haus abzureißen und durch einen Neubau (Architekt Maurermeister Theodor Hartmann) zu ersetzen, der 1911 fertig gestellt wurde und sich in der Jenaer Kneipenlandschaft einen guten Namen als "Kaffee-Haus Jena" erwarb. Im großen Tanzsaal gab es zu allen nur möglichen Gelegenheiten "flotte Ballmusik" und "gediegene Unterhaltung". Es muss ein seriöses Unternehmen gewesen sein, denn in den Polizei-Akten taucht das Kaffee-Haus nicht auf. Schließlich standen alle Kneipen, in denen Tanz stattfand unter besonderer Beobachtung der Gewerbepolizei, denn es galt noch bis weit in die 1920er-Jahre hinein, der "Unzucht" und "Unsittlichkeit" vorzubeugen, was auch immer die Beamten darunter verstanden.
1929 taucht in den Akten als Pächter die Niederlassung Jena der Geraer Riebeck-Brauerei auf, die 1930 der Stadtrodaer Klosterbrauerei die Konzession überließ. Und flugs wurde das Riebeck-Gasthaus in "Klosterbräu" umgetauft. Doch Karl Saupes Witwe Martha war mit dem Geschäftsverlauf nicht so recht zufrieden, erhielt selbst für kurze Zeit die Schankkonzession, die wiederum an einen gewissen Otto Siebenhüner überging. Dieser Gastwirt eröffnete am 29. Mai 1936 das Etablissement unter dem Namen "Inselhof" und jedenfalls zu Beginn des Geschäftsbetriebes mit der täglich spielenden Attraktionskapelle Blau-Weiß ("in Stimmung und Humor unverwüstlich"). Siebenhüner erhielt die Konzession, obwohl mehrfach "vorbestraft", hauptsächlich wegen Überschreitung der Polizeistunde und einmal wegen "tätlicher Beleidigung". Jedenfalls hatte der Jenaer Gastwirtsverein nichts gegen ihn einzuwenden und bejahte im Vorfeld der Festwoche zum 700-jährigen Stadtjubiläum ausdrücklich die Bedürfnisfrage.
Danach schweigen die Akten. Wir wissen also nicht, ob unverwüstliche Stimmung und Humor anhielten, als längst alliierte Bomber auch Jena überflogen und am 19. März 1945 zum Hauptschlag ausholten. Der Inselplatz blieb verschont. Unbekannt ist ebenso, was nach 1945 mit dem Inselhof geschah. Wurde er verkauft oder enteignet? 1947 entstand aus der einst florierenden Kneipe eine Großküche für die Belegschaft der Stadtverwaltung.
Und hier begegnet uns in den Bauakten wieder ein alter Bekannter. Mit dem Umbau wurde der Architekt Helmuth Weber beauftragt, dessen Bauleistungen heute weitgehend vergessen sind. Doch als Konstrukteur und Fahrer des "Weißen Traums von Jena" ging er zumindest in die Motorsport-Geschichte ein. Mit seinem Formel II-Rennwagen auf BMW-Basis bestritt er 1950/51 mindestens drei Rennen. Danach verkaufte er das Rennauto an einen Dessauer, der allerdings den "Weißen Traum" zu Schrott fuhr.
Die Großküche war zwar kein besonders lukrativer Auftrag für Weber, wohl aber hatte er bei der Stadtverwaltung einen guten Ruf. Er wurde hauptsächlich mit der Instandsetzung kriegsbeschädigter Häuser betraut.
1986 war die Großküche längst ausgelagert worden. Der Inselhof musste, wie bereits erwähnt, dem Kaufhaus-Neubau weichen. Die meisten Einwohner, die damals noch lebten und das Gasthaus in bester Erinnerung hatten, haben die Beseitigung des Viertels mit weinenden Augen verfolgt. Mehr ging zu DDR-Zeiten nicht. Öffentliche Proteste, wie heutzutage in Sachen Eichplatz, waren völlig ausgeschlossen. Noch hatte ja die SED das Sagen. Dass es nur noch zwei Jahre sein sollten, das konnte beim Kaufhaus-Neubau ab 1987 tatsächlich niemand auch nur ahnen.OTZ
Bild 1: Der alte Inselplatz mit dem Inselhof im Jahre 1986 kurz vor dem Abriss. Rechts neben dem Eckhaus das Gebäude mit dem großen Tanzsaal, umfunktioniert für die SchulspeisungFoto: Stadtmuseum Jena
Bild 2: Originelle Zeitungsanzeige vom 28. Mai 1936. Otto Siebenhüner versprach unverwüstliche Stimmung und Humor.Repro: Stadtarchiv Jena