„Ich habe mich beinahe selbst zerstört“ - Ein Betroffener des Reizdarmsyndroms berichtet

Erfurt  Ein 30-Jähriger aus Erfurt litt viele Jahre am Reizdarmsyndrom – bis er es endlich geschafft hat, die Krankheit als Teil seiner selbst anzunehmen.

Bei Stefan gingen die Probleme mit der Verdauung schon im Babyalter los.

Bei Stefan gingen die Probleme mit der Verdauung schon im Babyalter los.

Foto: Imago

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Stefan (30)* aus Erfurt ist groß und schlank, fast schon überschlank. Doch das Leiden, das ihn quält, solange er denken kann, sieht man ihm nicht an. Stefan leidet unter dem Reizdarmsyndrom. Heftige Bauchschmerzen, Durchfälle und Blähungen begleiten ihn tagaus tagein und haben seine Lebensqualität über viele Jahre nicht nur erheblich beeinträchtigt, sondern ihn auch mehr als einmal am Leben verzweifeln lassen.

Seit einiger Zeit aber geht es Stefan gut. So gut, dass jetzt pure Lebenslust aus seinen Augen blitzt und er dazu bereit ist, über das Leben mit seinem Leiden Auskunft zu geben. Denn auch wenn Millionen Deutsche davon betroffen sind, so ist das Thema Reizdarm doch noch immer ein schambesetztes. Niemand spricht gern darüber, dass er auf Schritt und Tritt die nächste Toilette im Blick haben muss. Oder dass er sich kaum aus dem Haus wagt, weil ihm schwere Blähungen zu schaffen machen.

Dabei würde es Betroffenen Mut machen, wenn sie sehen, dass sie mit ihrem Leiden nicht allein sind und es möglich ist, es zu akzeptieren und damit zu ­leben.

Bei Stefan gingen die Probleme mit der Verdauung schon im Babyalter los: „Sobald mich jemand anderes als meine Mutter oder mein Bruder auf den Arm nahm, musste ich erbrechen. Ich war ein Kotzbaby“, sagt der Geisteswissenschaftler. Doch der Kinderarzt konnte damals keine Ursache dafür erkennen. Und da der Junge trotzdem gedieh und normalgewichtig war, beruhigte der Arzt Stefans Mutter. Das würde sich mit der Zeit schon geben, war er überzeugt.

Schon als Baby sehr sensibel reagiert

Doch das Problem löste sich nicht in Wohlgefallen auf. Es kamen, im Gegenteil, neue Probleme hinzu. Stefan war, wie er von seinen Eltern weiß, zwar von Anfang an kein guter Esser. Doch wenn auch nur die winzigste Kleinigkeit seinen Alltagsrhythmus durchbrach – ein Ausflug, ein Besuch bei den Großeltern, ein Urlaub, später auch Fußballspiele im Verein oder eine Klassenfahrt –, dann wurde es besonders schlimm: Stefan bekam kaum einen Bissen mehr herunter und musste, wenn er schließlich doch etwas heruntergewürgt hatte, sofort zur Toilette rennen.

„Bei jeder Autofahrt ist mir schlecht geworden“, erinnert er sich. Dass ihm sein älterer Bruder eines Tages Hustenbonbons mit der Bemerkung „Davon wird dir nicht mehr übel“ zuzustecken begann, sorgte zwar für kurze Zeit für eine gewisse Entspannung, doch der Effekt ließ rasch nach.

Stefan blieb ein hypersensi­bles Kind. Ein Kind, dem Aufregung, Angst, Ärger und Stress sofort auf den Magen und den Darm schlugen. Ein Kind, das doch so gern so sein wollte wie die anderen: unbekümmert in der Gemeinschaft essen, bei den Mahlzeiten zuschlagen, bis man nicht mehr kann, sich unbändig auf gemeinsame Unternehmungen freuen. Doch es ging einfach nicht. Der Hausarzt der Familie, die in einem kleinen Ort im Thüringer Wald lebte, untersuchte den Jungen von Kopf bis Fuß, ohne am Ende eine Diagnose stellen zu können. Er beruhigte Stefans Mutter mit den Worten, dass sich Stefans Körper eben nur das zu nehmen schien, was er wirklich zum Funktionieren brauchte.

Stefan wurde immer dünner

Ein Außenseiter in der Schule war Stefan aber dennoch nicht: „Nein“, blickt er zurück, „ich war ein guter Schüler und sehr beliebt, auch weil ich mich manchmal mit den Lehrern anlegte. Alles widerspruchslos hinzunehmen, war und ist nicht meine Art.“ Aber schon in der Grundschule habe er gelernt, Situationen möglichst zu vermeiden, in denen sich das – wie er heute weiß – komplexe Zusammenspiel von Gehirn, Psyche und Verdauungstrakt in anfallsartigem Erbrechen oder Durchfall äußert. Zu wissen, dass er beispielsweise bei einer Klassenfahrt zusammen mit den anderen die Mahlzeiten einnehmen muss, machte ihm ungeheuren Druck – und sorgte prompt für die bekannten Beschwerden.

Mit der Zeit verlor Stefan an Gewicht, wurde immer dünner. Doch statt sich seinem Problem zu stellen, ging er darüber hinweg, aß wie ein Spatz und ­powerte sich trotzdem beim Fußballspielen und beim Motorsport aus. „Das war ein Leben am Limit. Meine Akkus waren im Grunde ständig leer. Aber ich dachte, wenn ich jetzt eine Banane oder auch zwei esse, dann geht es schon wieder.“

In dieser Zeit, sagt Stefan, nahmen auch die Konflikte zu Hause zu. Seine Mutter, die bei Anspannung selbst kaum etwas essen kann, verstand ihren Sohn immer weniger. Konnte nur hilflos mit ansehen, wie es ihrem Jüngsten immer schlechter ging.

Erholung in der Reha

Ein schwerer Unfall, den Stefan kurz vor dem Abi beim Motorsport erlitt, verschärfte die Situation zusätzlich: Wegen einer dreifachen Wirbelsäulenfraktur durfte Stefan wochenlang nicht aufstehen. Mit seinen Muskeln schwand auch das letzte bisschen Gewicht, das er noch zuzusetzen hatte. Es war dem 17-Jährigen schlicht nicht möglich, in dieser Umgebung und mit einem hochbetagten Bettnachbarn im Zimmer zu essen. „Die ganze Situation war extrem belastend“, sagt er rückblickend. „Schließlich wog ich bei 1,86 Metern nur noch 55 Kilo, so dass man mich schließlich an den Tropf hängen musste.“ Ihm war das ganz recht, sagt Stefan: „Ich musste nichts essen, bekam keine Bauchschmerzen, keine Übelkeit, keinen Durchfall.“

In der anschließenden sechswöchigen Reha haderte er zwar zunächst ebenfalls mit dem fremden Umfeld und den fremden Menschen. Dann aber funktionierte es mit dem Essen recht gut. Denn niemand machte ihm Druck. Stefan wusste da schon, dass er die 12. Klasse noch einmal würde machen müssen, diese Aussicht entspannte ihn.

Das Abi selbst war dann für ihn auch kein Problem. Stefan weiß, dass es besser als 2,6 ausgefallen wäre, wenn er sich mehr Mühe gegeben und gelernt hätte. Aber er war mit dem Ergebnis zufrieden. Viel mehr als der Notenschnitt belastete ihn die geplante Abschlussfahrt nach Griechenland. Denn für seine Mitschüler hieß das: Tag und Nacht durchfeiern, auch mal einen Kasten Bier trinken. Stefan wusste natürlich, dass er das seinem Körper nicht zumuten konnte. Wusste, wie schlecht es ihm danach gehen würde, wenn er mithalten wollte. Er hasste seinen Körper dafür, dass er ihm nichts als Scherereien machte, ekelte sich vor sich selbst. Trotzdem fuhr und feierte er mit. „Ich war am besoffensten. Und alle fanden es lustig.“

Studentenleben zwischen Hörsaal und WG-Party

Nach den Sommerferien zog er zum Studieren nach Erfurt und hatte mit seiner WG Glück: Seine Mitbewohner akzeptierten ihn, wie er war. „Zum ersten Mal im Leben konnte ich offen sagen, was mit mir los ist. Ich musste mich nicht mehr wie in der Schule verstellen. Meine Mitbewohner waren mir eine große Stütze.“ Aber auch sie wollten – so viel Verständnis sie für Stefan aufbrachten – nicht den Babysitter spielen. Und in der WG auch die eine oder andere zünftige Party feiern.

Stefan war immer dabei – in geradezu selbstzerstörerischer Weise. So sehr er an der Uni darauf achtete, sich nicht zu überfordern und am Tag nicht mehr als zwei, drei Lehrveranstaltungen zu besuchen, um zwischendurch zu Hause etwas zu essen und anschließend sofort aufs Klo zu sprinten, so wenig hörte er auf seinen Körper, wenn es ans Feiern ging. „Zu der Zeit fing es auch an, dass ich depressiv wurde.“ Eine, wie Stefan heute weiß, bei Reizdarmsyndrom sehr häufige Erscheinung. Denn oft gehen die körperlichen Beschwerden mit psychischen Hand in Hand.

Stefan ging bald immer seltener in die Uni, sein Tag hatte kaum mehr Struktur. Weil ihm aber immerhin noch bewusst war, dass er so vor die Hunde gehen würde, suchte er sich eine neue Hausärztin in Erfurt, die ihn auch sofort zum Gastroenterologen überwies. Doch weder Magen- und Darmspiegelung noch die Untersuchungen auf Lebensmittelunverträglichkeiten förderten irgendetwas zutage, dem mit Medikamenten beizukommen wäre. „Inzwischen“, sagt Stefan, „war ich nur noch mit mir selbst beschäftigt. Ich hatte Angst vor der Angst.“ Trotzdem schaffte er es irgendwie, seine Bachelorarbeit wie geplant zu beenden. Als er sie abgegeben hatte, ließ er sich sofort exmatrikulieren und stieg ins Berufsleben ein.

Cannabis als Appetitanreger

Stefan war überrascht: Im Gegensatz dazu war das Studium, abgesehen von den Prüfungsphasen, doch recht entspannt gewesen. Der Job aber war derart stressig, dass sich Stefan beinahe alle zwei Wochen wegen schwerer Durchfälle krankschreiben lassen musste. Das belastete ihn erst recht, weil er wusste, dass die Kollegen auf ihn setzten: Er begann, regelmäßig Cannabis zu rauchen, um Appetit zu bekommen und seinem Körper Energie zuzuführen. „Das hat nur bedingt funktioniert. Schon morgens einen Joint zu rauchen und dennoch zu arbeiten, das steht in krassem Widerspruch zueinander.“

Stefan mochte sich selbst nicht mehr leiden. Ihm war bewusst, dass er sich sozial ausgrenzt, wenn er zum Beispiel nicht mit den Kollegen zum Mittagessen geht, sondern möglichst allein seine mitgebrachten Mahlzeiten einnimmt, „Aber es ging nicht anders.“

Genaugenommen ging es gar nicht mehr. Deshalb wandte sich Stefan erneut an seine Hausärztin. „Ich schrieb damals einen dreiseitigen Antrag für eine Kur – und erst dadurch wurde für mich und auch für sie sichtbar, wie schlecht es mir in Wahrheit ging.“ In der Kur bekam Stefan dann zwar endlich die richtige Diagnose Reizdarmsyndrom, „aber die sechs Wochen waren für mich nicht gewinnbringend“. Nach der Kur suchte er Hilfe beim Heilpraktiker, es folgten Gespräche mit einer Psychotherapeutin, zu der er aber keinen Draht fand, und Versuche mit NLP (neurolinguistisches Programmieren) – nichts half. „Ich arbeitete weiter und betrieb Raubbau an meiner Gesundheit“, fasst Stefan die folgenden Monate zusammen.

Tiefschlag leitete Wende ein

Ein Tiefschlag leitete schließlich die Wende ein: Der plötzliche Tod einer Freundin stürzte Stefan mental in ein tiefes Loch: „Ich habe drei Tage am Stück nur gekifft und nichts gegessen, fand aus dem Negativstrudel einfach nicht heraus.“ Als er schließlich kraftlos neben der Toilette lag, nicht mehr aufstehen konnte, riefen Freunde den Krankenwagen. Stefan wurde in die Psychosomatik der Uniklinik Jena eingeliefert und blieb zwölf Wochen dort. „Wir Patienten mussten dort in der Gruppe essen, das war Teil der Therapie. Aber wir hatten dafür alle Zeit der Welt. Dennoch war mir bewusst: Wir lebten dort wie unter einer Käseglocke, das reale Leben war das nicht.“

Deshalb hielt der Effekt auch nicht lange an: Nach der Entlassung folgte wieder eine Art Absturz, folgten wilde Partys und – als die befristete Stelle auslief, die Stefan damals hatte – der Verlust auch der letzten Sicherheit. In seiner Not verfasste Stefan einen Abschiedsbrief, rief dann die Rettungskräfte und wies sich selbst ins Katholische Krankenhaus Erfurt ein. „Dort hielt man die Zügel nicht so straff wie in Jena. Ich begriff aber endlich, dass ich selbst aktiv werden musste.“

Mit Erfolg. Schon nach drei Wochen bat Stefan um seine Entlassung. Sein Glück: Eine Psychotherapeutin, die im Krankenhaus mit ihm gearbeitet hatte und mit der es einfach passte, ließ sich kurze Zeit später nieder und übernahm ihn als Patienten.

Das war im Sommer 2017. Seither hat Stefan riesige Fortschritte gemacht: Er hat einen Job mit geregelten Arbeitszeiten gefunden, der ihn nicht zu sehr stresst, aber ausfüllt. Er hat eine neue Freundin, die sein Schicksal teilt und ihn genauso aufbaut, wie er es umgekehrt bei ihr vermag. Und er hat es geschafft, sein Gewicht auf inzwischen mehr als 70 Kilo zu steigern. Seit er 16 war, hatte er dieses Ziel, 14 Jahre hat es gedauert, bis er es erreicht hat.

Die Probleme ein Leben lang heruntergeschluckt

„Es läuft ganz gut“, sagt Stefan auch mit Blick auf das Thema Essen. „Mittlerweile zähle ich nicht mehr nur einzelne Tage, an denen ich ausreichend und ohne Verdauungsprobleme essen kann, sondern ganze Wochen.“ Stefan hat erkannt, dass er seine gesundheitlichen Pro­bleme im Grunde sein ganzes Leben lang heruntergeschluckt hat, ihm quasi immer ein Kloß im Hals saß, der es ihm dafür unmöglich machte, Nahrung aufzunehmen und bei sich zu behalten. Er weiß, dass er „ein guter Schauspieler“ war, um andere über seinen wahren Zustand zu täuschen und seine vermeintlichen Schwächen nicht zu zeigen. Ganz hinter sich gelassen hat er das noch nicht, er arbeitet aber daran – auch mit Unterstützung der Psychotherapeutin.

„Ich habe natürlich auch mal Durchfall“, sagt er. „Aber nicht mehr zehn Mal hintereinander, sondern nur noch einmal. Das akzeptiere ich.“ Stefan nimmt die Signale seines Körpers jetzt ernst, geht behutsamer mit sich um, lebt nach einem Aphorismus von Ernst Ferstl: „Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.“ Heißt: Stefan isst langsamer als andere und auch nur so viel, wie ihm gut tut. Er hat aufgehört, die Krankheit „zerstören“ zu wollen, indem er sich selbst zerstört. Auch die sportliche Betätigung hat er auf ein gesundes Maß heruntergeschraubt: Morgens ein bisschen Gymnastik für den lädierten Rücken, ein paar Liegestütze und Sit-Ups, das genügt. „Das Leben“, sagt er, „fängt langsam an, richtig Spaß zu machen.“ Das Reizdarmsyndrom ist bei Stefan Geschichte, dafür hat sich eine atypische Ess-Störung entwickelt: „Aber die besiege ich auch noch!“

* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt

Fünf Tipps für Betroffene

  • Tipp 1: Nehmen Sie sich und die Signale Ihres Körpers ernst.
  • Tipp 2: Führen Sie ein Ernährungstagebuch, um herauszufinden, was gut tut und was nicht.
  • Tipp 3: Lassen Sie vom Hausarzt Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten abklären.
  • Tipp 4: Psyche und Darm stehen in ständigem ­Austausch miteinander. Vermeiden Sie deshalb Stress und essen Sie ­bewusst.
  • Tipp 5: Verstecken Sie sich nicht. Denn wenn sie den Gang zum Arzt scheuen, kann das zu weiteren Erkrankungen führen.

Falsche Scham in Sachen Darm

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