Altenburger Land. Der Nischwitzer Konsum steht vor dem Aus: Ein sozialer Treffpunkt und lokale Einkaufsstätte kämpft ums Überleben in einer sich wandelnden Welt.

  • Abschied naht: Nischwitzer Konsum schließt Ende Juli.
  • Warum der kleine Laden im Dorf so wichtig ist.
  • Welche Zukunftsaussichten er hat.

Hier gibts Fassbrause und Gartenlimonade, Bücher zum Mitnehmen, Bonbons, Brot, Brötchen, Wurst, Fleisch, Obst und mehr. Eben alles, was man zum Leben braucht oder beim Großeinkauf im Supermarkt vergessen hat mitzunehmen. Selbst kleine Geschenke. Wie selbstgestrickte Mützchen und Söckchen für Kinder.

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Eine ältere Dame aus dem nahen Pillingsdorf hat die hübschen Sachen gestrickt und bietet ihre Handarbeiten für kleines Geld im Nischwitzer Konsum zum Verkauf. Den Laden gleich am Kindergarten im Dorf gibt es schon seit Anfang der 1960er Jahre. Er überstand die Wende, alle Umwälzungen seitdem, den Einwohnerschwund in der Region und die Coronapandemie – bis jetzt. Am 31. Juli 2024 soll er für immer schließen.

Im Nischwitzer Konsum gibt es mehr als Brot, Brötchen und Waren des täglichen Bedarfs

Wie die Kundschaft das findet, erfährt man schnell. Von Heidrun Ballmann zum Beispiel. Kurz nach neun öffnet sie schwungvoll die Ladentür und begrüßt Verkäuferin Ute Hahn überschwänglich: „Brot, Brötchen und ein Pfund Gehacktes“, bittet sie und reicht ihren Einkaufsbeutel über die Theke. „Der Konsum darf nicht schließen“, sagt sie. „Ich kaufe hier einfach alles. Außerdem sind die Eier hier immer frisch.“ Aber nicht nur deshalb sei der Laden so wichtig. „Wir aus Heukewalde kommen alle her zum Einkaufen. Hier trifft man Leute aus der Nachbarschaft, die man sonst nicht sieht. Dann quaddern wir, erfahren das Neuste und lachen gemeinsam“, zählt sie auf.

Konsum Nischwitz voller Leben und Gemeinschaft direkt aus der Nachbarschaft

Dass der Konsum ein sozialer Treff ist für Nischwitzer und die Menschen aus den Nachbardörfern, ist bekannt. Und nicht umsonst steht direkt an der Auslage mit Kuchen, Salaten und Wurst ein gemütlicher, etwas betagter Sessel. Die ältere Kundschaft nimmt hier gerne Platz und bleibt dann auch mal länger. Doch auch die Mädchen und Jungen aus dem Kindergarten Kunterbunt gleich ein Haus weiter sind Stammgäste im Konsum. Eis im Sommer, manche kleine Leckerei oder einfach, um „ihrer“ Frau Hahn Hallo zu sagen: „Der Kindergarten ist oft da. Ich finde das gut. Die Kleinen lernen dabei auch gleich etwas über den Umgang mit Geld“, sagt Ute Hahn.

Andre Vohs, Bürgermeister Jonaswalde parteilos

„Den Konsum in Nischwitz und Ute Hahn kenne ich seit meiner Kindheit. “

André Vohs, Bürgermeister der Gemeinde Jonaswalde

Als Verkäuferin ist Ute Hahn die gute Seele im Konsum. „Ich habe schon immer hier gearbeitet“, sagt sie. Am 31. Juli 2024 ist für sie ihr letzter Arbeitstag, sie geht in Rente. In all den Jahrzehnten hat sie tatsächlich viele Menschen aus Nischwitz und Umgebung an ihrer Verkaufstheke stehen gehabt und kennengelernt. „Man redet, hilft, tröstet, lacht gemeinsam“, sagt sie. André Vohs, den wiedergewählten Bürgermeister der Gemeinde Jonaswalde, kennt sie noch als kleinen Jungen. Und er, der heute 43-Jährige, kann sich gut daran erinnern, wie er als Steppke bei Ute Hahn im Konsum einkaufen durfte. Das tut er bis heute. Aber diesmal ist er aus einem anderen Grund da: Er will über die Rettung des Konsums reden.

Großes Engagement für die Zukunft des Nischwitzer Konsums

Als die geplante Schließung des Ladens vor einigen Wochen bekannt wurde, war der Aufschrei im Dorf groß. „Stimmt ja auch: Unser Konsum ist der letzte seiner Art weit und breit“, sagt Bürgermeister André Vohs. Er freut sich, dass aus dem Stand 16 Leute zusammenkamen, die in gemeinsamer Initiative für die Zukunft des Konsums engagiert sind. Mehrere Treffen gab es schon. Eine Antwort auf die Frage, wie der Konsum erhalten bleiben könnte, gibt es bis dato aber noch nicht.

Bürgermeister André Vohs im Gespräch mit Ute Hahn.
Bürgermeister André Vohs im Gespräch mit Ute Hahn. © Funke Medien Thüringen | Jana Borath

Es gebe Vorschläge und Ideen, sogar externen Expertenrat habe man sich eingeholt. Jetzt stehen folgende Möglichkeiten zur Debatte für die Zukunft des Nischwitzer Konsums: Filiale eines größeren Anbieters werden, einen neuen Inhaber finden, einen 24-Stunden-Laden wie in Taupadel aufzuziehen oder ein genossenschaftliches Modell. In Kontakt steht die Gemeinde zudem mit einem Anbieter, der aktuell untersucht, ob sich sein Engagement vor Ort wirtschaftlich lohnen könnte. Vorteile für eine Weiterführung seien, dass man vorhandene Strukturen nutzen und weiterentwickeln könne. Außerdem gebe es ein großes Engagement zur Unterstützung. „Es gibt Ansätze, entschieden noch nichts“, fasst Vohs zusammen. Und ob das am 31. Juli anders ist, wagt er zu bezweifeln.

Der Konsum Nischwitz.
Der Konsum Nischwitz. © Funke Medien Thüringen | Jana Borath

Aber: „Der Konsum ist so wichtig für unser Dorf“, sagt Vohs. Hier gebe es ja nicht nur Waren des täglichen Bedarfs. Hier werden auch Pakete angenommen, können Briefmarken gekauft, Geld abgehoben werden. Gelbe Säcke gibt es ebenso wie Honig direkt vom Imker. „Das alles hat ja auch eine soziale Komponente“, fügt er hinzu. Wegen all dem flammte sogar kurz die Idee auf, dass die Gemeinde den Konsum im Dorf weiter betreibt. „Aber ich glaube, wenn ich damit komme, dreht die Verwaltungsgemeinschaft in Posterstein durch – eine Kommune mit Konsum“, erklärt er.

Wachsender Überlebenskampf in einer sich wandelnden Welt in Nischwitz

Anja Schmidt ist die Inhaberin des Nischwitzer Konsums. Ihre Eltern, damals noch Besitzer der Bäckerei Weisheit, übernahmen ihn kurz nach der Wende und öffneten ihn 1992 neu. Damals wurde er sehr gut angenommen, erzählt sie. Aber: Damals war die Bevölkerungsstruktur auch noch anders. So viele Supermärkte wie heute in der Region gab es noch nicht, so viele Rentner mit Fahrerlaubnis ebenso wenig. Und auch die Zahl der Lieferanten, die um solch kleine Läden wie den Nischwitzer Konsum keinen Bogen machen, war deutlich höher.

Hat alles für den Erhalt ihres Konsums gegeben: Anja Schmidt.
Hat alles für den Erhalt ihres Konsums gegeben: Anja Schmidt. © Funke Medien Thüringen | Jana Borath

Als Filiale der familieneigenen Bäckerei schien in den 1990ern das Konzept für den Nischwitzer Konsum perfekt. Doch das änderte sich: mit dem Einwohnerschwund, der wachsenden Zahl der Supermärkte im Einzugsgebiet, der drastisch sinkenden Zahl der Zulieferer, mit steigendem Kostendruck, dem gravierenden Fachkräftemangel. Die gelernte Bäckerin Anja Schmidt musste 2020 den Familienbetrieb Weisheit schließen, weil es sich nicht mehr lohnte. Jetzt folgt der Konsum. „Das alles meinen Eltern zu sagen, war echt das Schlimmste“, sagt sie. Dass der Konsum von niemandem mehr beliefert wird, weil er zu abgelegen ist für jede Handelskette, verstehen sie kaum. Anja Schmidts Eltern sind 80 und 84 Jahre alt.

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Dem Kostendruck konnte Anja Schmidt, die gemeinsam mit Ute Hahn das Geschäft in Nischwitz am Laufen hält, nicht mehr standhalten. Gerungen hat sie mit der Entscheidung, den Konsum zu schließen, mehr als ein Jahr. „Ich wohne ja direkt über dem Laden. Jeden Tag habe ich mich gefragt, was die Nischwitzer wohl sagen werden, wenn ich zu mache“, gibt sie zu. Das Unbehagen bei diesem Gedanken ist ihr nach wie vor anzusehen. Froh ist sie indes, Ute Hahn sicher in ihre Rente gebracht zu haben. „Mehr konnte ich nicht schaffen.“ Der Konsum ist Anja Schmidts einzige Einnahmequelle. Nach Jahrzehnten der Selbstständigkeit wird sie nach dem 31. Juli im Kräuterhof Gera als Arbeitnehmerin anfangen. „Ich freu’ mich darauf. Auf ein Leben ohne all dem Druck“, blickt sie voraus.

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