Greiz. Sabine Maria Schoeneich erzählt über ein Erlebnis, dass die ganze Woche sie immer wieder in ihren Gedanken beschäftigt hat.

Als ich aus dem Zug steige, atme ich tief durch und genieße die gute Greizer Luft. Den Duft des Waldes, der immer wieder bis in die Stadt durchdringt. Drei stressige Tage liegen hinter mir. Ich war mal wieder schnell in Hamburg, um dort ein Konzert zu moderieren. Ein Tag hin, ein Tag Probe und abends auf der Bühne, ein Tag zurück. Ich sehne mich nach Ruhe. „Noch schnell in die Stadt, ein Brot kaufen“, denke ich und lenke meine Schritte Richtung Innenstadt. Vom Bäcker kommend, laufe ich, warum auch immer, am Unteren Schloss vorbei. Auf einmal hockt da vor meinen Füßen ein kleiner Vogel und schaut mich mit seinen kleinen Knopfaugen an. Ich gehe zu ihm herunter und betrachte seinen kleinen Babyschnabel, den er reflexhaft aufreißt und mir entgegenstreckt. Es ist eine kleine Dohle. Über meinem Kopf höre ich auf einmal, aufgeregtes Geschrei. Ich schaue nach oben. Über mir kreisen zwei schwarze Vögel. Sind das seine Eltern, überlege ich und der nächste Gedanke ist: Was mache ich denn jetzt. Was ist richtig, was ist falsch, mitnehmen, hierlassen. Die Schreie über mir werden lauter. Ich entschließe mich zu gehen, in der Hoffnung, dass sich die vermeintlichen Eltern um den kleinen Kerl kümmern. Oder ist es ein kleines Dohlen-Mädchen, frage ich mich. Der Tag vergeht, ohne dass ich an den kleinen Vogel denke. Aber am Abend, als ich gemütlich auf meinem Sofa sitze und meine Stulle kaue, wandern meine Gedanken zum Unteren Schloss und zu dem Vogelkind. „Schoeneich, Du bist bekloppt“, sage ich laut zu mir selber, stehe fluchend auf, werfe mir meine Jacke über und setze mich in mein Auto. In der Stadt am Schloss angekommen, mache ich mich auf die Suche, nach meiner gefiederten Bekanntschaft. Immer in der Angst, dass ihm hoffentlich nichts passiert ist. Endlich entdecke ich ihn. Er sitzt halb unter einem Busch und scheint mich wieder zuerkennen. „Da bist Du ja“, sage ich zu ihm und strecke meine Hand nach ihm aus. Doch im selben Moment stürzen zwei Dohlen wie aus dem Nichts aus dem Himmel zu mir herunter. Besänftigend hebe ich meine Hände nach oben, als wollten sie auf mich schießen. Zeternd fliegen sie um mich herum. Langsam beginne ich zu verstehen, sie verteidigen das, was sie lieben. Sie füttern ihr Kleines weiter, sie versorgen das kleine Wesen, dass wohl zu früh aus dem Nest gepurzelt ist. Glücklich gehe ich zurück zu meinem Auto. Ich werde heute Nacht beruhigt schlafen können. Die Liebe der Eltern, wird den kleinen Vogel retten, sie brauchen meine Hilfe nicht. Die ganze Woche hat mich dieses Erlebnis beschäftigt und auf einmal wird mir immer mehr klar, ja das ist die Kraft, die sich, wie ein unsichtbares Band, durch die Welt und unser Leben zieht. Sie gibt uns den Mut nie aufzugeben, egal was ist, sie sorgt dafür, dass wir füreinander da sind, dass wir um eine Sache kämpfen, die wir lieben. Das war es auch, was Faust, nach vielen Irrungen und Wirrungen und einem Pakt mit dem Teufel erkannt hat. Die Liebe hält die Welt im Innersten zusammen. Bleiben Sie liebenswürdig.

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