Saale-Holzland-Kreis. Saale-Holzland-Kreis: Zum heutigen 100. Todestag des berühmten Schriftstellers haben wir mit einer Interpretin seiner Werke gesprochen.

Er gilt als literarische Ausnahmeerscheinung, als Genie und er erhielt sogar ein eigenes Adjektiv im Duden: kafkaesk. Die Rede ist von Franz Kafka, geboren 1883 in Prag, gestorben am 3. Juni 1924 und mit 40 Jahren mitten aus Leben und Schaffen gerissen. Anlässlich seines 100. Todestages sprachen wir mit der Ostthüringer Literatin Iris Kerstin Geisler (Lauter Literatur). Unter dem Titel „Schreiben ist wie ein Rausch: über Leben und Werk Franz Kafkas zum 100. Todestag“ hatte sie am 30. Mai in der Gemeindebibliothek von Bad Klosterlausnitz einen literarischen Abend gegeben.

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Frau Geisler, weshalb gilt Kafka in der literarischen Welt als Ausnahmeerscheinung?

Weil er unabhängig war. Das ermöglichte ihm, einen einzigartigen Erzählstil zu entwickeln, den es vor ihm nicht gab. Nüchtern, direkt, manchmal melancholisch – das hatte Symbolkraft.

In welchem Kontext muss man Franz Kafka sehen?

Der junge Mann wuchs mit einem strengen Vater auf, einem jüdischen Kaufmann, der den sensiblen Sohn nicht verstand. Franz schrieb dem Vater einen Brief und schilderte darin die schlimmen Erlebnisse, die er mit ihm hatte, doch er wagte es nicht, den Vater damit zu konfrontieren. Der Brief hat seinen Adressaten nie erreicht. Der junge Mann arbeitete tagsüber als Jurist für die Arbeiter-Unfallversicherung und war oft auf Dienstreise. Deshalb schrieb er nachts, „wo der Mensch ein anderer ist“. In den Nächten konnte er ganz für sich allein sein und schreiben. Er wollte keine Berühmtheit erlangen und eigentlich überhaupt nicht für die Außenwelt schreiben.

Das ließ ein befreundeter Schriftsteller namens Max Brod nicht zu?

Wie auch Kafka im Prag der K. und K.-Monarchie (kaiserlich und königlich, Anm. d. Redaktion) lebend, rettete Brod Kafkas Nachlass. Die Romane, Erzählungen, Aphorismen und vieles mehr. Brod hatte seinen Freund immer wieder zum Schreiben motiviert, glaubte fest an dessen Genie. Diesem unablässigen Drängen zufolge konnten einige Werke zu Lebzeiten veröffentlicht werden. Dennoch blieb vieles fragmentarisch, Kafka konnte es aufgrund seines frühen Todes weder überarbeiten noch beenden. Seine Erzählinhalte und Szenerien werden teils als absurd, fiktiv, teils traumähnlich oder bedrohlich empfunden. Das brachte ihm das Adjektiv „kafkaesk“ ein.

Kafkas Schaffensperiode lag im 20. Jahrhundert. Wird er heute noch verstanden?

Vor dem Verstehen liegt die Beschäftigung mit ihm. Es existieren einige gute und neue Biografien. Kafka gibt uns Rätsel auf, weil er Interpretationen seiner Werke in alle Richtungen zulässt. Jeder liest ihn anders. Er gehört nicht zu jenen Autoren, die man an einem Sonntagnachmittag wegliest. Kafka bedient sich fiktiver Elemente, wechselt Ebenen, ist nicht real und literarisch auf kein Genre zu begrenzen. Jeder Leser muss selbst entscheiden, ob er Kafka etwas abgewinnen kann. Ich bezeichne das als literarischen Selbstversuch. Obwohl die Lektüre nicht einfach ist, würde ich Kafka immer wieder empfehlen.

Franz Kafka wurde in Bad Klosterlausnitz geehrt. 
Franz Kafka wurde in Bad Klosterlausnitz geehrt.  © Wikipedia | Wikipedia

Wie vermag er Sie zu faszinieren?

Für mich war er eine Entdeckung außerhalb der gängigen Erzählmode. Ich mag seine vorzügliche Sprache, die treffende Beobachtungsgabe, die bei Prosa sehr wichtig ist. Detailreich reißt er interessante Räume auf. Das ist manchmal fantastisch, manchmal auch abstoßend.

Auf welche Weise bringen Sie Kafka den Menschen näher?

Meist lese ich kurze Geschichten, stelle Kafka in der Vielfalt und Breite seiner Möglichkeiten vor. Auch aus seiner Biografie erfahren Besucher meiner Veranstaltungen Wissenswertes.

Peter Dornblut jazzt zu Kafka-Texten.
Peter Dornblut jazzt zu Kafka-Texten. © Steffen Kirmse | Steffen Kirmse

An manchen Abenden jazzt Musiker Peter Dornblut mit seinem Saxophon zu Ihren Texten. Inwiefern passen Kafka und Jazz zusammen?

Im frühen 20. Jahrhundert begann auch die Zeit des Jazz, allerdings in den Südstaaten der USA. Für Kafka im K. und K.-geprägten Prag war das eine intensive Zeit. Doch der Erste Weltkrieg änderte alles. Die Westjuden, zu denen Kafka gehörte, konnten von keinem Kaiser mehr geschützt werden. Begegnungen mit den nun nach Prag strömenden Ostjuden prägten den jungen Mann, der bis dahin die jüdische Religion nicht praktiziert hatte. Vom Ostjudentum mit all seinen Riten, Praktiken und dem Jiddischen als eigene Sprache war Kafka sehr angetan. Seine Texte und Jazz halte ich deshalb für eine gute Kombination.

Wie hoch war das Interesse an Kafka in der Bibliothek von Bad Klosterlausnitz?

Es waren über 30 Interessierte da. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Top 10 Kafkas Werke: Die Verwandlung, Brief an den Vater, Das Schloss, Der Verschollene, Das Urteil, Der Prozess, Ein Hungerkünstler, Ein Landarzt, Briefe an Milena, Der Bau. Filmtipps: „Die Herrlichkeit des Lebens“ – Drama über Franz Kafkas große Liebe, ARD-Mediathek: Serie über Kafkas Leben