Saale-Holzland-Kreis. Ein 20 Jahre alter Schätzwettbewerb der Maibaumgesellschaft „Alter Markt“ in Stadtroda ist seit einiger Zeit in der Kritik. Wie der aktuelle Stand ist und was der Vereinsvorsitzende dazu sagt.

Wegen eines Gewinnspiels mit einem lebenden Schwein geriet die Stadtrodaer Maibaumgesellschaft „Alter Markt“ in die Kritik. Bei dem Wettbewerb unter dem Motto „Was wiegt die Sau in der Kiste“ geht es darum zu schätzen, was das Schwein auf die Waage bringt. Der Gewinner erhält als Preis das lebendige Tier. Seit etwa 20 Jahren ist dieser Wettbewerb fester Bestandteil des Maibaumsetzens auf dem Alten Markt in Stadtroda.

Im vergangenen Jahr zog das Spiel ein Straf- und ein Bußgeldverfahren gegen den Vereinsvorsitzenden Ingolf Weiß nach sich. Eine Frau hatte Anzeige wegen Gefährdung des Tierwohls erstattet. Ihr zufolge habe das Schwein unter anderem deutliche Anzeichen für Stress gezeigt durch beispielsweise laute Musik aus Lautsprechern, hohe Temperaturen und durch das Eingesperrtsein in einem kleinen Holzkäfig ohne Wasser und Futter.

Staatsanwaltschaft Gera hat Strafverfahren eingestellt

Das Strafverfahren sei nun vor zwei Wochen von der Staatsanwaltschaft Gera eingestellt worden. Das entsprechende Schreiben erhielt Ingolf Weiß am 15. Mai. „Eingestellt wurde das Verfahren, weil kein Vorsatz vorliegt“, sagt er. Der zuständige Staatsanwalt habe das Thema sachlich bearbeitet und Veränderungen angemahnt. So soll der Verein Möglichkeiten prüfen, sein Schätzspiel tierschutzkonformer zu gestalten, mit beispielsweise einer größeren Kiste mit Futter und Trinken für das Schwein.

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Gegen die Forderung des Veterinäramtes des Saale-Holzland-Kreises über ein Bußgeld in Höhe von 1053,50 Euro legte Ingolf Weiß Widerspruch ein. Das Bußgeld sei wegen vorsätzlichen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz beziehungsweise wegen Fahrlässigkeit im Sinne des Paragrafen 18, Absatz 1, Nummer 4 und einem Verbot nach Paragraf 3, Satz 1 zuwidergehandelt zu haben.

Darin geht es unter anderem darum, dass es grundsätzlich verboten ist, ein Tier als Preis auszuloben. Eine Ausnahme sei möglich, wenn bei dem Wettbewerb von einem Teilnehmerkreis ausgegangen werden könne, der die Haltung des Schweines nach geltenden Tierschutzgesetzen sicherstellen kann. Das seien beispielsweise Tierwirte, Landwirte und Personen, die entsprechende Kenntnisse in der Schweinehaltung haben. „Diese gesetzlichen Voraussetzungen sind Bestandteil unserer Losregeln, die jedem Teilnehmer vor der Verlosung zur Kenntnis gegeben werden. Bisher konnten wir die Umsetzung des Gesetzes auch in den Vorjahren vollumfänglich gewährleisten“, sagt Ingolf Weiß.

Archivbild aus dem Jahr 2023: Beim Maibaumsetzen in Stadtroda wurde, wie viele Jahre zuvor, ein Schwein als Preis vergeben.
Archivbild aus dem Jahr 2023: Beim Maibaumsetzen in Stadtroda wurde, wie viele Jahre zuvor, ein Schwein als Preis vergeben. © Funke Medien Thüringen | Leserfoto

In diesem Jahr sah sich der Verein vor seinem 72. Maibaumsetzen am 26. Mai erneuter Kritik am Schätzspiel ausgesetzt. An die 800 E-Mails und Telefonate aus der Region und aus ganz Deutschland hätten ihn erreicht, sagt Ingolf Weiß. „In 50 bis 60 Prozent der Fälle ging es um Appelle, die Auslobung des Schweins zu lassen. Von freundlichen Aufforderungen bis hin zu bösartigen Äußerungen war alles dabei.“

In diesem Jahr kam erstmals ein Plastikschwein beim Schätzwettbewerb zum Einsatz

Trotzdem seien es nicht die Hunderte von Schreiben gewesen, die dazu geführt hätten, dass in diesem Jahr ein Plastikschwein für den Schätzwettbewerb zum Einsatz kam – und der Sieger statt eines lebenden Schweines einen Fleisch- und Wurstwarengutschein erhielt. Vielmehr sei es das noch laufende Bußgeldverfahren gewesen, dessen Ergebnis noch ausstehe, sagt Weiß.

Ingolf Weiß ist Vorsitzender des Vereins Maibaumgesellschaft „Alter Markt“ in Stadtroda. Der Verein veranstaltet seit vielen Jahren einen Schätzwettbewerb mit einem lebenden Schwein.
Ingolf Weiß ist Vorsitzender des Vereins Maibaumgesellschaft „Alter Markt“ in Stadtroda. Der Verein veranstaltet seit vielen Jahren einen Schätzwettbewerb mit einem lebenden Schwein. © OTZ | Ute Fflamich

Ginge es nach ihm, könnte aber auch künftig statt eines echten Schweines, das von einem Vereinsmitglied im Internet erworbene Plastikschwein für den Wettbewerb verwendet werden. Denn ohne Probleme ließe sich das Gewicht der Schweine-Attrappe immer wieder verändern. „Das Plastikschwein ist von der Handhabung her deutlich einfacher als ein echtes Schwein. Und Arbeit haben wir zum Maibaumsetzen ja genug.“ Bisher seien die Schweine für die vergangenen Schätzspiele für jeweils etwa 50 bis 60 Euro in örtlichen Mastbetrieben erworben worden. Der Preis pro Schwein sei mittlerweile gestiegen, sagt Weiß.

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Auf der anderen Seite gehe es dem Verein und seinen etwa 60 Mitgliedern auch darum, bäuerliche Traditionen zu erhalten. „Ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte, unserer Vereinsmitglieder, hat einen Bezug zur Landwirtschaft, manche sind selbst Tierhalter“, sagt Weiß. „Wir sind auch nach wie vor davon überzeugt, stets alle gesetzlichen Rahmenbedingungen in Sachen Tierwohl eingehalten zu haben. Wir sind der Ansicht, diese fachliche Kompetenz zu besitzen“, sagt der Vereinschef. „Nach fachlicher und juristischer Beratung ist kein Fehlverhalten unsererseits gegeben. Es steht für uns auch die Frage im Raum, warum das Veterinäramt nicht bereits in den Vorjahren aktiv geworden ist.“

„Ich würde mir wünschen, dass kritische Themen wieder mit mehr Sachlichkeit besprochen werden und dass Betroffene und Behörden besser zusammenarbeiten.“

Ingolf Weiß

Der Chef der Maibaumsetzer kritisiert den Umgang des Veterinäramtes mit der Situation. Zwei Tage nach dem Maibaumsetzen im vergangenen Jahr habe er darauf aufmerksam gemacht, dass der zuständige Amtstierarzt das Schwein jederzeit in Augenschein nehmen könne. „Dann hätten wir gleich über alles reden können. Auch darüber, was wir eventuell hätten besser machen können, ohne dass wir das Spiel aufgeben oder uns mit juristischen Streitereien hätten auseinandersetzen müssen.“ Diese Chance aber habe das Veterinäramt nicht wahrgenommen. Erst jetzt, am vergangenen Freitag, habe das Veterinäramt den Kontakt zu ihm gesucht. „Ich hoffe, dass wir zu einer einvernehmlichen Richtlinie kommen“, sagt Ingolf Weiß.

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Er würde sich wünschen, dass kritische Themen wieder mit mehr Sachlichkeit besprochen werden und dass Betroffene und Behörden besser zusammenarbeiten. „An unserem Beispiel hat sich gezeigt, welche Dynamik es annehmen kann, wenn sich Menschen für etwas instrumentalisieren lassen, ohne die genaue Thematik und Sachlage zu kennen.“