Renthendorf. Renthendorf/Stadtroda: 2022 wurde ein Wolf am Hermsdorfer Kreuz totgefahren. Weshalb seine Tage trotzdem nicht gezählt sind.

Professor Jochen Süss, Leiter des Museums „Brehms Welt – Tiere und Menschen“ in Renthendorf, hätte nicht geglaubt, dass er in seinem Leben noch einmal so aufgeregt sein würde. Etliche spannende Exponate und deren Geschichte haben er und sein Team Museumsbesuchern schon präsentiert. Doch was am Donnerstag vergangener Woche Kurs auf die ehemalige Wirkungsstätte Alfred Brehms nahm, war eine Sensation.

Hoffentlich springt er nicht, könnte man angesichts dieses Wolfes denken. Zum Glück ist er ausgestopft. 
Hoffentlich springt er nicht, könnte man angesichts dieses Wolfes denken. Zum Glück ist er ausgestopft.  © Funke Medien Thüringen | Jana Scheiding

Ein Blick zurück. Langsam bahnt sich ein Kleintransporter seinen Weg hinauf zum Museumsareal. Die wertvolle Fracht darf nicht beschädigt werden. Im Auto sitzen Matthias Krüger, Chefpräparator am Phyletischen Museum Jena, und ein Mitarbeiter. Endlich öffnet Krüger die Tür, und da steht er: der Wolf. Angriffslustig die Zähne bleckend. Auch wenn er nicht mehr lebt, kommt ein mulmiges Gefühl auf, ihm so nah zu sein. Das respektable Gebiss zu berühren, wäre gefahrlos möglich, doch eine unsichtbare Macht hält die Hand zurück.

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Süss bringt zunächst kein Wort heraus. Selbst Präparator Krüger, der seinen Beruf seit 1980 ausübt, sei bei der Arbeit von Ehrfurcht gepackt worden. Dass er einen echten Wolf auf den Tisch bekommt, sei selten. So hat der Umstand, dass der junge Wolfsrüde am 18. Januar 2022 gegen 23 Uhr vom Fahrer eines Kleintransporters am Hermsdorfer Kreuz angefahren wurde (wir berichteten), wenigstens für die Wissenschaft noch etwas Gutes.

Fürs Willkommensfoto tragen zwei kräftige Männer den 34 Kilo schweren, in prachtvolles Winterfell gehüllten Wolf samt Postament in den neuen gläsernen Museumsflügel, in dem er spätestens ab Frühjahr 2025 Besucher begrüßen soll. Süss läuft begeistert hinterher. „Das sind Tage, an denen mir klar wird: Die Schufterei lohnt sich“, sagt er. In diesem Moment sieht er sich wohl als Rudelführer von Brehms Welt. Nun, die Frisur könnte passen. „Das ist aber mein Sommerfell“, erwidert Süss und lacht.

Brehms Wolf: Unfall am Hermsdorfer Kreuz

Laut Krüger stammt der Wolf aus dem Veldensteiner Rudel nördlich von Nürnberg. Gewebeproben ergaben, dass er etwa 135 Kilometer gelaufen sein muss, bevor er in Ostthüringen unter die Räder kam. Bei dem Aufprall trug er Frakturen an Kopf, Rücken, Becken und Oberschenkel der rechten Körperseite davon.

Matthias Krüger erklärt das Wolfsgebiss, das sich von dem des Haushundes unterscheidet. 
Matthias Krüger erklärt das Wolfsgebiss, das sich von dem des Haushundes unterscheidet.  © Funke Medien Thüringen | Jana Scheiding

Zum Präparat gehört das originale Knochengerüst, das Krüger in einer Plastiktüte dabei hat. Anhand des Schädels erklärt er das dem Haushund ähnliche Wolfsgebiss: „Beim Haushund bildeten sich während der Domestizierung bestimmte Zähne zurück, weil er sein Futter nicht mehr selbst jagen und reißen muss. Deshalb ist es kleiner als das Wolfsgebiss.“

Während der Mensch seine Nahrung zerquetsche, verfüge der Wolf über ein Scherengebiss, mit dem er sie zerschneide. Mit den Vorderzähnen halte er die Beute fest. Im Gegensatz zu Füchsen trügen Wölfe ihre Beute nicht fort, sondern verspeisten sie an Ort und Stelle. Später, am Bau, würgten sie die Nahrung wieder hervor, um die Jungen zu verköstigen.

Dem verunfallten Wolf hatten Forscher einen Eckzahn entnommen und anhand der Wurzelbeschaffenheit ein Alter von 19 Monaten errechnet. „Er war kerngesund. Für einen europäischen Grauwolf zwar relativ klein, trotzdem ein schöner Vertreter seiner Art“, attestiert Matthias Krüger.

Wolf und Hund: Hybriden sind ein Problem

Oftmals würden Wölfe mit freilaufenden Haushunden verwechselt, weiß der Präparator. Die Hybridisierung sei ein Problem für die Population. Hybriden kämen dem Menschen zu nahe, der Wolf hingegen sei ein Raubtier, das sich seine Naturräume selbst suche. Unterwegs sei er auf der nördlichen Erdhalbkugel. „Aufgrund ihres federnden Ganges sind Wölfe Weltmeister im Ausdauerlauf“, sagt Krüger. So lege der Polarwolf am Tag etwa 75 Kilometer zurück.

Der Wolf samt Postament auf dem Weg um Neubau. 
Der Wolf samt Postament auf dem Weg um Neubau.  © Funke Medien Thüringen | Jana Scheiding

Der Wolf expandiere, weil er nicht mehr geschossen wird. „Früher war er ein Regulierer des Hufbestandes, hielt Wisente, Rehe, Rothirsche und Wildschweine in Schach. Beim Hetzen der Beute geht es ihm nicht um Trophäen“, erklärt Krüger. Der Wolf jage die Tiere und erkenne am Lauf, ob sie krank oder gesund sind. „Irgendwann kam der Jäger und schoss den vierbeinigen Konkurrenten ab“, fügt Krüger an.

Bei Kontakt mit Wölfen nicht weglaufen

Wie soll Mensch reagieren, wenn er beim Waldspaziergang plötzlich einem Wolf gegenübersteht? „Sich groß machen, laut sein. Auf keinen Fall vor ihm davonlaufen. Der Wolf rennt hinterher und wird dann zum unangenehmen Zeitgenossen“, warnt Krüger.

Im besten Einvernehmen mit dem Wolf – Matthias Krüger (links) und Jochen Süss. 
Im besten Einvernehmen mit dem Wolf – Matthias Krüger (links) und Jochen Süss.  © Funke Medien Thüringen | Jana Scheiding

Renthendorf: Fördermittel von Land und Bund

Dass der präparierte Wolf ausgerechnet in Brehms Welt seine letzte Ruhestätte findet, sei dem nahen Unfallort und der elf Jahre währenden Kooperation mit dem Phyletischen Museum zu verdanken, erzählt Museumsleiter Süss. Für den Glasanbau reichten Bund und Land insgesamt 2,3 Millionen Euro Fördermittel aus.

Von diesem Geld soll auch die Gemeinde Renthendorf etwas haben. „Es wird eine Löschwasserzisterne installiert, die die Einwohner nutzen können“, ist von Süss zu erfahren. Die Erweiterung des Museums voranzutreiben, habe Nerven und viel Kraft gefordert, sagt dessen Leiter. Und: „Dass dieser Neubau hier steht, ist für mich ein tägliches Wunder.“

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Wissenswertes auf einen Blick:  » Deutschlandweit werden Wölfe am Institut für Wildtiererfassung Berlin ausgewertet. » Nach 90-jähriger Abwesenheit gibt es seit zehn Jahren wieder Wölfe in Thüringen. » Im Alter von ein bis drei Jahren befinden sich Wölfe in ihrer Wanderphase. Sie laufen maximal 2500 Kilometer und lassen sich dann nieder. » Das ans Phyletische Museum Jena angeschlossene Institut für Zoologie lagert original Brehm-Präparate. Der Zoologe hatte sich einst an der Uni Jena niedergelassen. » Nach 50 Jahren trat der Wolf zunächst in der Oberlausitz wieder in Erscheinung. Er kam über die Karpaten und Polen. » Der Wolf in Brehms Welt wurde fachmännisch mit Holzwolle gestopft, was dem Präparat eine lange Lebensdauer ermöglicht. » Ein Tierpräparat von dieser Qualität kostet zwischen 5000 und 10.000 Euro.