Halbzeit: Die Fußball-WM als politische Bühne

Holger Zaumsegel blickt auf die Titelkämpfe der Frauen.

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Die Amerikaner lieben die Show. Sei es nun Präsident Donald Trump oder seine neueste Gegenspielerin, die Fußballerin Megan Rapinoe. Sie nutzte die Weltmeisterschaft als Bühne für ihre politische Agenda – die Gleichstellung der Homosexuellen, der Kampf gegen Rassismus und die gleiche Bezahlung für Frauen. Alles Ansinnen, die es zu unterstützen gilt.

Dass die USA noch den Titel holten, geriet zum Nebenprodukt einer Weltmeisterschaft, die in Deutschland Millionen Zuschauer vor die Fernseher lockte.

Und das ist die gute Nachricht für alle Fans des Fußballs der Frauen in der Bundesrepublik. Auch die Damen können wie ihre männlichen Kollegen die Massen begeistern, auch sie haben einen großen Absatzmarkt.

Die schlechte Nachricht ist: Die deutschen Fußballerinnen konnten zu dieser Begeisterung wenig beitragen. Und das große Anliegen, nämlich zu zeigen, dass man genauso attraktiv wie die Männer kicken kann, geriet durch die Politisierung dieser Titelkämpfe, so berechtigt diese auch seien mögen, völlig in den Hintergrund.

Eine kritische Frage sei mit Blick auf Rapinoes Botschaften an dieser Stelle auch erlaubt: Bringen Sie die Nationalhymne oder ein deutsches Regierungsgebäude mit der Politik von Angela Merkel in Verbindung? Die Torschützenkönigin dieser WM tut es mit Blick auf die USA und ihren Präsidenten. Und weil diese Gleichsetzung gewaltig hinkt, polarisiert Rapinoe leider ähnlich wie jener, dem sie den Kampf angesagt hat.

Der politische Schatten, den diese WM warf, konnte allerdings nur sehr bedingt einen kontinuierlichen deutschen Absturz seit dem Olympiasieg 2016 überdecken. Der achtmalige Europameister ist nach dem vorzeitigen Viertelfinal-Aus bei den kontinentalen Titelkämpfen nun auch bei der WM ins Hintertreffen geraten und hat die Olympia-Qualifikation verpasst. Die Amerikanerinnen sowieso, aber auch viele andere europäische Länder wie Schweden, die Niederlande oder England haben die DFB-Auswahl, die jahrelang auf dem Kontinent einen meilenweiten Vorsprung hatte, mittlerweile überholt. „In den zurückliegenden Jahren hat man sich zu sehr auf den vergangenen Erfolgen ausgeruht und den Prozess, der sich schon länger angedeutet hat, nicht wirklich ernst angenommen“, sagte beispielsweise Ralf Kellermann, Sportchef von Doublesieger VfL Wolfsburg, dem Sport-Informations-Dienst.

Deutschland zählt nicht mehr zur absoluten Weltspitze und könnte in den kommenden Jahren weiter an Boden verlieren. In die chinesische Frauen-Liga will der Internet-Riese Alibaba 130 Millionen Euro investieren. Summen, von denen sie in der deutschen Bundesliga mit dem FF USV Jena nur träumen können.

Denn auch auf Vereinsebene ist ein deutscher Rückschritt mit Blick auf das Abschneiden in der Champions League unverkennbar. Deutschland wartet seit dem Sieg des 1. FFC Frankfurt 2015 auf den Titel. So lang, wie noch nie in der Geschichte dieses Wettbewerbs.

Deshalb werden die Stimmen immer lauter, die ein größeres finanzielles Engagement der männlichen Fußball-Bundesligisten auch bei den Frauen fordern. Wer bessere ausländische Spielerinnen finanzieren kann, darf sich auch Hoffnungen auf eine Verbesserung der eigenen Talente machen. Ebenso muss die Trainerinnen-Ausbildung von Verbandsseite auf eine neue Stufe gehoben werden. Das Geld dafür hat der Deutsche Fußball-Bund.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg jetzt an den Pranger zu stellen, wäre aber fehl am Platze. Die ehemalige Trainerin des FF USV Jena hat bei ihrem Engagement in der Schweiz gezeigt, dass sie eine Nationalmannschaft entwickeln kann. Gleiches ist ihr mit der DFB-Auswahl zuzutrauen, auch wenn nach der WM der Gegenwind stark zugenommen hat. So hat die 106-fache Nationalspielerin Lena Goeßling ihre Karriere in der Auswahl beendet und klar zu verstehen gegeben, dass ihr die Wertschätzung seitens der neuen Bundestrainerin gefehlt habe. Misstöne, die immer mit dem Misserfolg Hand in Hand gehen.

Diese Stimmen werden in den kommenden Wochen aber leiser werden und Voss-Tecklenburg kann in Ruhe weiterarbeiten. Neben der dazugehörigen Qualifikation wird ihre nächste Bewährungsprobe die Europameisterschaft 2021 in England. Erst dort wird sich zeigen, ob die deutschen Fußballerinnen wieder Boden gut gemacht haben, oder ob sie noch weiter abgehängt wurden.

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