Leitartikel: Der Mann mit dem Spaten

OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch über Ministerpräsident Ramelow und die Thüringer Wirtschaft.

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Spatenstiche haben im Leben eines Politikers, der in Regierungsverantwortung steht, eine besondere Bedeutung. Es tut sich was am Ort oder im Land. Es wird gebaut und da will man als Bürgermeister, Landrat, Minister oder Landesvater natürlich dabei sein. Ein Spatenstich ist ja eine gute Nachricht.

In der zurückliegenden Woche gab es wieder einen Spatenstich, und zwar in Hermsdorf. Dort will man das Fraunhofer-Institut erweitern, um zu lernen, wie man Batterien billiger herstellt. Das Ereignis wurde per Foto in der Zeitung dokumentiert und beweist, dass man in Thüringen Frauen die Handhabe eines Spatens nicht zutraut. Acht Spaten, acht Männer. Spatenstiche sind in Thüringen also eine rein männliche Angelegenheit.

Mit dabei Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaates. Kein Spaten ist vor ihm sicher, solange Filmkameras und Foto-Apparate in der Nähe sind. Denn Ramelow hat eine Mission. Er will beweisen, dass ein Bundesland nicht untergeht, wenn es von einem Politiker der Linken regiert wird. Auch soll die heimische Wirtschaft spüren, selbst ein ehemaliger Gewerkschafter wie Ramelow weiß, wo das Geld für den Landeshaushalt herkommt. Also fürchtet euch nicht vor dem Mann der Linken.

Mutmaßlich kreuzte in der Nachwendehistorie des Landes Thüringen kein Ministerpräsident so häufig bei Unternehmen auf wie Ramelow. Schnitt Bänder durch, schwang hohe Lieder aufs Handwerk und das Unternehmertum als Faktor zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Und stieb den Spaten in aufgelockerte Erde, um dabei zu sein, wenn investiert wird. Möglicherweise hat der Regierungschef nun sein Meisterstück abgeliefert, als er sich mit einer Hundertschaft Thüringer durch das tropisch heiße Vietnam schwitzte. In Thüringen fehlt es nämlich an jungen Menschen, die sich ausbilden lassen. 8000, um genau zu sein.

Auf Drängen der Thüringer Wirtschaft führte Ramelow die mutmaßlich größtmögliche Delegation an, die aus dem Herzen Deutschlands jemals den Weg nach Vietnam fand. Die Vietnamesen boten flugs in Flughafennähe eine gigantische Sonderwirtschaftszone mit 150 Hektar Land an. Das kann Thüringen allein gar nicht nutzen.

Im Gepäck der Rückreise hatte der Politiker der Linkspartei zudem eine Vereinbarung, der zufolge jährlich 1000 junge Vietnamesen zur Ausbildung nach Thüringen kommen sollen. Das wäre tatsächlich mehr als Symbolpolitik. Also ganz anders als die Sache mit dem Spaten.

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