Leitartikel: Gewerkschaften kein gutes Beispiel

Jörg Riebartsch über die Rolle von Gewerkschaften.

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Mit dem Maierfeiertag, dem Tag der Arbeiterbewegung, ist es wie mit vielen kirchlichen Feiertagen in Deutschland. Die meisten Menschen genießen es einfach, einen arbeitsfreien Tag zu haben. Die Gewerkschaften mühen sich redlich, mit Demonstrationen dem gesetzlichen Feiertag weiter Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dabei ließe sich hinterfragen, ob den Gewerkschaften in Deutschland überhaupt zum Feiern zu Mute ist oder sein sollte.

Auch wenn zahlreiche Arbeitgeber meinen, ohne Gewerkschaften ginge alles besser – eine funktionierende Vertretung für die Interessen der Arbeitnehmer gehört zum gesellschaftlichen Gleichgewicht der Kräfte in Deutschland dazu. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kann man den deutschen Gewerkschaften immerhin pauschal ein vernunftorientiertes Handeln bescheinigen.

Dennoch stehen die Organisationen für das Wohl von Millionen Arbeitnehmern in Deutschland unter Druck, leiden unter zunehmenden Akzeptanzproblemen und unter dem Schwund an Mitgliedern.

Dazu trägt auch ein gravierender Eingriff der Politik in ein Gebiet der Gewerkschaften bei, den man gemeinhin als Domäne von Arbeitnehmervertretungen ansehen konnte: die Entwicklung von Löhnen und Gehältern. Das Aushandeln von Tarifverträgen ist der wesentliche Zweck der Existenz der Tarifparteien, also von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. Weil es so wichtig ist, dass sich der Staat da nicht einmischt, ist die Tarifautonomie sogar im Grundgesetz verankert. Vor einigen Jahren entdeckte allerdings die Politik ein sehr populäres Thema für sich, nämlich den Mindestlohn. Statt den Tarifparteien verpflichtend aufzugeben, in den Branchen flächendeckend für Mindestlöhne zu sorgen, legte die Politik lieber gleich den Mindestlohn selbst fest. So kann man sich an den Gewerkschaften vorbei beinahe täglich neu mit der Forderung nach Erhöhungen beim Mindestlohn in Erinnerung bringen.

Dieser Populismus dämpft den Wert gewerkschaftlichen Engagements. Leider muss man zudem feststellen, dass die Gewerkschaften als Arbeitgeber selbst ein lausiges Vorbild abgeben. Während es 2018 in manchen Branchen bis zu zwölf Prozent an Lohnzuwächsen gab, sind die Arbeitnehmervereinigungen das unrühmliche Schlusslicht aller Statistiken. Dort müssen die Beschäftigten sogar einen Rückgang um 3,6 Prozent bei den Gehältern hinnehmen. Ob daran bei den Maifeiern erinnert wird?

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