Leitartikel: Weniger Abiturienten braucht das Land

Jörg Riebartsch über die Hochschulreife als Massenware.

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Die junge Frau aus Ostthüringen war hoffnungsfroh. Als Beste ihres Jahrgangs und einem Notendurchschnitt von eins bewarb sie sich mit ihrem bestandenen Abitur um einen Studienplatz in Medizin in Jena – und wurde abgewiesen. Zu viele Abiturienten schneiden in Thüringen mit Bestnoten ab. Das hilft dann nicht, um einen Numerus Clausus zu überwinden.

Diese wahre Geschichte passt ausgezeichnet zur aktuellen Kritik, die Mathe-Aufgaben in den Abiturprüfungen vor wenigen Tagen seien zu schwierig gewesen.

Klagen über schwere Prüfungen sind so alt wie die Tests selbst. Beklagt wird allerdings auch die Notenvergabe durch Lehrer generell. Um beliebt zu sein, neigten sie dazu, leichtfertig gute Noten zu geben. Auch wollten sie ihren Schülern die Zukunft nicht verbauen und setzten deshalb zu einfach gute Noten an. Was belegbar ist: Tatsächlich hat sich der Notendurchschnitt in Deutschland kontinuierlich verbessert. Dennoch beklagen Personalverantwortliche in Unternehmen und Behörden, das Wissen der jungen Bewerber sei geringer geworden. Es mangele an Deutschkenntnissen und an Allgemeinbildung. Da passt was nicht zusammen, wenn die Noten besser, die Schüler aber immer schlechter werden.

Das Abitur, die allgemeine Hochschulreife, also die Berechtigung, ein Studium aufzunehmen, stellt einen besonderen Abschluss dar. Die inflationäre Zunahme solcher Auszeichnungen hat nicht zur Steigerung der Qualität beigetragen.

Aber brauchen wir auch jedes Jahr mehr Abiturienten unter den Absolventen? Die Hochschulreife als Massenware hat dazu geführt, dass in Deutschland die Bildungsvielfalt verloren gegangen ist. Es verstellt zudem den Blick für die Millionen kluger und pfiffiger Menschen, die ohne Abitur ihr Leben erfolgreich angepackt haben, als Handwerker sich eine goldene Nase verdienen oder in der Selbstständigkeit ihr berufliches und privates Glück gefunden haben. Die Bedeutung des Abiturs wurde schrittweise überhöht. Wir verlieren stattdessen gewerblich Beschäftigte, die in Industrie, Handel oder als Dienstleister die Dinge unkompliziert anpacken. Ironie des Schicksals: Mancher Akademiker landet auf dem Fahrersessel eines Taxis. Das hätte er allerdings schon zehn Jahre früher haben können.

Das Wesentliche an den Schulen ist das Lernen. Das heißt, man muss sich mit Dingen befassen, die man noch nicht beherrscht. Wem das zu schwer ist, der sollte sich die Frage stellen, ob er wirklich auf dem richtigen Kurs ins Leben ist.

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