Cherson. In Possad-Pokrowske tobte der Krieg besonders heftig – das Dorf liegt in Trümmern. Trotzdem kehren viele Bewohner zurück und packen an.

Auf der Straße, die durch die Ruinen von Possad-Pokrowske führt, stehen Bauarbeiter in orangenen Warnwesten. Sie bessern den Asphalt aus, der durch die Panzer beschädigt wurde, die im vergangenen Jahr hier entlangfuhren, und durch die Geschosse, die unablässig auf das Dorf niederprasselten.

Jetzt soll die Siedlung wieder zum Leben erwachen, die Regierung im fernen Kiew will aus dem Dorf ein Modellprojekt machen, und deswegen schwitzen die Männer unter der warmen Juni-Sonne. Der Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer in der Ukraine ist eine Mammutaufgabe. Der Krieg hat bereits gewaltige Verheerungen verursacht. Die Flutkatastrophe in der Region stellt das Land vor weitere enorme Herausforderungen.

Lesen Sie hier: Ukraine: So teuer wird der Wiederaufbau

Possad-Pokrowske liegt zwischen den Städten Cherson und Mykolajiw. Es war vor der russischen Invasion im Februar vergangenen Jahres Heimat für rund 2400 Menschen, viele lebten von der Landwirtschaft. Kurz nach dem Überfall wird das Dorf Kriegsschauplatz. Es ist die Zeit, als die Russen Cherson erobern, und sie vergeblich versuchen, Mykolajiw einzunehmen. Russische Streitkräfte nisten sich auf einer Anhöhe ein, im Dorf verschanzen sich ukrainische Soldaten. Possad-Pokrowske wird zu einer Trümmerwüste zerbombt, die meisten Menschen fliehen. Jetzt sind viele zurück.

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Possad-Pokrowske: 96 Prozent der Häuser sind beschädigt

Oleh Dolgolutskyi steht in den Trümmern der Sonnenblumen-Ölfabrik an der Militärstraße, die deshalb so heißt, weil das Gebäude zu Sowjetzeiten eine Unterkunft für Bausoldaten war. Während der Kämpfe hatten in der Fabrik zwei ukrainische Panzer Position bezogen, beide werden zu Feuerbällen, als russische Granaten sie treffen. Die ausgeglühten, rostroten Überreste der Panzer, die wir Funke-Reporter bei unserem ersten Besuch im November hier sahen, sind nicht mehr da. Dolgolutskyi hat Pläne für die rußgeschwärzten Räume. „Hieraus soll ein Lager für Baumaterialien werden“, erklärt der 39-Jährige. Er will, dass Possad-Pokrowske eine Zukunft hat.

Im Dorf gibt es wieder einen Supermarkt. Auf Strom warten einige Bewohner aber noch immer.
Im Dorf gibt es wieder einen Supermarkt. Auf Strom warten einige Bewohner aber noch immer. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Sein Dorf ist nur eines von so vielen, die von der Kriegswalze zerschmettert worden sind. Nach Angaben des Ministeriums für den Wiederaufbau sind in der Ukraine durch den russischen Angriffskrieg bislang Schäden in einer Höhe von 290 Milliarden Dollar an der Infrastruktur entstanden. Mehr als 144.000 Wohnhäuser wurden beschädigt oder zerstört, ebenso mehr als 18.000 mehrstöckige Wohnblocks, rund 3300 Schulen und andere Bildungseinrichtungen, über 1400 medizinische Einrichtungen, fast 350 Brücken. In Possad-Pokrowske sind 96 Prozent der Häuser beschädigt. Die Schule und das große Kulturzentrum sind nur noch Ruinen.

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In dieser Bilanz sind noch nicht die kriegsbedingten Schäden in den derzeit von den russischen Streitkräften kontrollierten Gebieten enthalten, beton das Ministerium. Die Flutkatastrophe nach der schweren Beschädigung des Kachowka-Staudamms hat in der Region Cherson zusätzlich rund 3400 Häuser auf der westlichen Seite des Dnepr zerstört, auf der russisch kontrollierten Seite des Flusses sollen es deutlich mehr sein. Die Kleinstadt Oleschky dort ist völlig überflutet worden.

Ukraine: Dorfbewohner kehren zurück

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    Zerstörtes Dorf in der Ukraine: Sporadische Notunterkünfte für Rückkehrer

    Possad-Pokrowske ist von den Wassermassen verschont geblieben, der Fluss ist zu weit weg. Dolgolutskyi glaubt aber, dass die Katastrophe Auswirkungen auf sein Dorf haben wird. „Vielleicht werden wir jetzt weniger Hilfe für den Wiederaufbau von der Regierung bekommen.“ Er und seine Freunde haben Unterstützung für die Flutopfer und bei den Evakuierungsmaßnahmen angeboten. „Uns wurde gesagt, wir bräuchten im Moment nicht helfen.“

    Bauer Andriy Hupal mit einem Teil einer russischen Rakete die er auf seinem Acker gefunden hat.
    Bauer Andriy Hupal mit einem Teil einer russischen Rakete die er auf seinem Acker gefunden hat. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

    In den vergangenen Monaten ist viel im Dorf geschehen. Bauern bestellen wieder ihre Felder. Sie haben sie häufig selbst von Blindgängern befreit, mit denen die ganze Region verseucht ist. Auf den kaputten Dächern vieler Häuser sind blaue Plastikplanen gespannt, sie sollen Schutz vor Regen bieten. In vielen Gärten stehen kleine, einfache Häuschen, die eine Hilfsorganisation errichtet hat, es sollen Notunterkünfte für die Rückkehrer sein. Jetzt haben sich schon fast siebenhundert Menschen entschieden, einen Neuanfang in der alten Heimat zu wagen. Im alten Kindergarten sollen bald Kinder provisorisch unterrichtet werden.

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    Zerstörtes Dorf wird Pilotregion – und soll höchste Standards erfüllen

    Auf dem zentralen Dorfplatz in der Nähe der Schule stehen Holzstapel, Paletten, türmen sich große Plastikflaschen mit Wasser. In der Polizeiwache schieben wieder Beamte Dienst, in der früheren Gemeindeverwaltung verteilen Menschen Hilfsgüter, der Apotheker will wieder eröffnen, im alten Café hat ein Unternehmer im Obergeschoss einen kleinen Laden aufgemacht, in dem zwei Frauen Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch verkaufen. Erst vor wenigen Tagen ein zweiter Laden aufgemacht.

    Im März besucht Wolodymyr Selenskyi das Dorf. Einige ausgewählte Einwohner können mit ihm sprechen, sie sagen ihm, das Wichtigste für sie sei, dass die Stromversorgung wieder hergestellt wird. Der ukrainische Präsident sagt schnelle Hilfe zu. Wenige Wochen später verkündet der ukrainische Premierminister, Possad-Pokrowske werde eine von sechs Ortschaften, die im Rahmen eines Pilotprojektes nach neuesten technologischen und ökologischen Standards wieder aufgebaut werden sollen. Oleh Dolgolutskyi misstraut den vollmundigen Versprechungen.

    „Ich vertraue mehr in mich selbst und das, was ich tue. Und ich vertraue Menschen, die einfach etwas machen, als nur abzuwarten“, sagt er. Zusammen mit Freunden hat er die Wasserleitung in der Straße repariert, an den alten Strommasten, die noch stehen, haben sie Solarleuchten befestigt.

    Es sind jene Leuchten, die FUNKE-Reporter an Weihnachten ins Dorf gebracht haben, zusammen mit Generatoren, Powerbanks, Batterien und Kettensägen. Die Funke-Gesellschafter Julia Becker, Nora Marx und Niklas Wilke hatten für den Wiederaufbau des Dorfes 40.000 Euro zur Verfügung gestellt.

    An der Militärstraße, an der und seine Mutter Olha leben, gibt es noch immer keinen Strom. Aber dort, wo der Dorfvorsteher lebt, sagt Dolgolutskyi. Angeblich seien die Bautrupps nicht mehr bezahlt worden. „Korruption“, sagt er und lächelt verschwörerisch.

    Ukraine: Wie kann Korruption verhindert werden?

    Für den Wiederaufbau wird viel Geld in die Ukraine fließen. In ein Land, das vor dem Krieg von Korruption geplagt wurde wie kaum ein anderes in Europa. Die Regierung will verhindern, dass Hilfe missbraucht wird. „Die Bewertung des Korruptionsrisikos hat bereits begonnen“, teilt das Ministerium für den Wiederaufbau auf Anfrage unserer Redaktion mit.

    Oleh Dolgolutskyi legt lieber selbst Hand an, als auf die Versprechungen der ukrainischen Behörden zu vertrauen.
    Oleh Dolgolutskyi legt lieber selbst Hand an, als auf die Versprechungen der ukrainischen Behörden zu vertrauen. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

    Man sei dabei, die Qualifikation der Antikorruptionsbeauftragten zu verbessern, im Ministerium wie auch in den nachgeordneten Unternehmen und Behörden. Bis jetzt seien schon mehr als 35.000 kriegsbeschädigte Objekte restauriert worden, darunter Einrichtungen der Energie-Infrastruktur und der Wasserversorgung, Wohnblocks, Straßen, Schulen und Krankenhäuser.

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    Dolgolutskyi hat gehört, sein Dorf solle zu einer Art regionalem Zentrum werden, mit einer Bank, einer großen Polizeistation. Er hat ein Video gesehen, auf dem Possad-Pokrowske schick und modern aussieht. „Wenn sie es machen, ist es gut. Wenn nicht, helfen wir uns selbst“, sagt er schulterzuckend. Mitte Juni, so heißt es, wolle der Präsident noch einmal in das Dorf kommen.

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