Erfurt. Neue Studie zum Ringen um die Wahrheit über DDR-Doping und seine Akteure erscheint als Buch. Missbrauch betraf neben Spitzensportlern auch Kinder und Jugendliche.

Im Jahr 2015 erschien die Studie „Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen“ (Verlag die Werktstatt, 310 S.) . Autoren waren neben den Herausgebern Jutta Braun und Michael Barsuhn von der Fachhochschule für Sport und Management Potsdam auch der Sporthistoriker René Wiese vom Zentrum Deutsche Geschichte sowie der Erfurter Doping-Experte Michael Kummer. Erstmals betrachtete seinerzeit die unter anderem von Land und Landessportbund geförderte Untersuchung das DDR-Sport- und Dopingsystem aus regionaler Thüringer Pespektive. Neben zahlreichen Biografien von Betroffenen wie Jürgen May, Ines Geipel oder Hans-Georg Aschenbach ging es auch um die schwierige Wahrheitssuche nach der Wende sowie um fragwürdige Personalkontinuitäten bei mit Doping und Stasi Verstrickten auf Trainerposten und in Sportverbänden. Aufarbeitungsinitiativen seien zumeist Anliegen von wenigen engagierten Akteuren gewesen. Genannt wurden unter anderem der Thüringer Journalist Thomas Purschke und der ehemalige Hochschulsportlehrer, Leichtathlet und Trainer Henner Misersky. Letzterer ist seit 2012 Mitglied in der Hall of Fame des deutschen Sports und steht dort gemeinsam mit seiner Tochter Anke stellvertretend für den Bereich „Besondere Biografie im Kampf gegen Doping“. Misersky verstarb 2023 im Alter von 82 Jahren.

Querelen um die Veröffentlichung des Berichtes offenbarten bereits damals die streitbare Brisanz, die das Thema weiter hatte und hat. So konstatierten die Autoren seinerzeit weiterhin großen Forschungsbedarf etwa zur Transformationsphase 1989/90 bis in die Gegenwart. Sporthistorische Archive sollten weiter erschlossen und sportpolitische Versäumnisse aufgearbeitet werden. In einer Folgestudie, die am Donnerstag in Buchform mit dem Titel „Sportgeschichte vor Gericht. Ein Gutachten zu Dopingpraxis und SED-Unrecht im DDR-Sport“ (Arete Verlag Hildesheim, 17,50 Euro) erscheint, haben Jutta Braun und René Wiese nun erstmals bislang verschlossene Akten aus den Dopingprozessen der 1990er-Jahre ausgewertet. Hauptverantwortliche im Sportmedizinischen Dienst und anderen Einrichtungen könnten so an ihren eignen Aussagen gemessen werden. Zeugenvernehmungen böten gleichermaßen einen Blick in den Maschinenraum der Diktatur.

Demnach traf Doping nicht nur Spitzensportler, sondern reichte bis in den Kindersport. Funktionäre, Ärzte und Trainer bildeten ein geschlossenes Doping-System, das Widerstände mit Drohungen und Karrierebrüchen zu brechen versuchte und Eltern weitgehend ausschloss. „Der sportliche Nachwuchs wurde nicht nur mit Schweigeverpflichtungen belegt, auch Ärzte und Funktionäre waren angehalten, die Erziehungsberechtigten über Dopingvorgaben nicht aufzuklären beziehungsweise bei Nachfragen anzulügen“, schreiben die Autoren. Ob Sportler wissentlich oder unwissentlich dopten, sei demnach eher zweitrangig. Entgegen der von Doping-Akteuren vorgebrachten Schutzbehauptung, man habe alles unter Kontrolle gehabt, belegen die Autoren ein wildes und unkontrolliertes Doping, bei dem selbstgesetzte Grenzen auf Kosten der Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern ständig überschritten wurden.

Vorgestellt worden waren erste Ergebnisse der Studie im Sommer 2023 in der Thüringer Staatskanzlei, die zu den Mitherausgebern gehört. Angesichts der Schwierigkeiten für Dopingopfer beim Nachweis von Gesundheitsschäden forderten die Studienautoren Braun und Wiese, dass Dopingfolgen auch ohne juristisch belastbaren Nachweis anerkannt und stattdessen die systematischen Strukturen berücksichtigt würden. Bei der SED-Opferbeauftragten im Bundestag, Evelyn Zupke, fanden sie damit inzwischen ein offenes Ohr. Zupke ist am Donnerstag mit vor Ort, wenn das neue Buch in der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße vorgestellt und diskutiert wird.

Themenabend „Sportgeschichte vor Gericht. Die Dopingprozesse im historischen Rückblick.“ am 16. Mai 2024 um 18 Uhr in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße

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