Kommentar

Antisemitismus: Wer Juden bedroht, bedroht uns alle

Tobias Korenke
| Lesedauer: 4 Minuten
Ausschreitungen bei pro-palästinensischen Demonstrationen

Ausschreitungen bei pro-palästinensischen Demonstrationen

Angesichts der dramatischen Eskalation des Nahost-Konflikts haben in vielen europäischen Städten Solidaritätskundgebungen für die Palästinenser stattgefunden. Unter anderem in Berlin kam es dabei zu Ausschreitungen.

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Berlin.  Damit sich Juden in Deutschland zuhause fühlen, sind wir alle gefordert. Wir müssen uns jeder Form von Antisemitismus entgegenstellen.

„Die Bundesrepublik Deutschland ist nur vollkommen bei sich, wenn Juden sich hier vollkommen zu Hause fühlen“, hat kürzlich anlässlich 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland gesagt. So gesehen ist die Bundesrepublik schon sehr lange nicht mehr bei sich, wenn sie es denn jemals war.

Denn immer mehr Juden sitzen wieder auf gepackten Koffern, weil sie sich bedroht fühlen. Das kann nur diejenigen überraschen, die nicht genau hinsehen oder zuhören. Und das sind wir fast alle, die sogenannte Mitte der Gesellschaft.

Hass gegen Juden: Unser Schweigen muss ein Ende haben

Schon lange erkennen wir nicht mehr das Skandalöse am routinierten Polizeischutz vor Synagogen, jüdischen Schulen oder Altersheimen. Mit Achselzucken nehmen wir zur Kenntnis, dass in bestimmten, stark muslimisch geprägten Vierteln besser keine Kippa getragen und die Kette mit dem Davidstern unter dem T-Shirt versteckt werden sollte. Die unzähligen, fast alltäglich gewordenen Attacken auf Juden und jüdische Einrichtungen nehmen wir schon kaum mehr wahr.

Geschwiegen haben wir, als um die Beschneidungen debattiert wurde, was viele jüdische, aber auch muslimische Menschen stark verunsichert hat. Als im Zuge des Gaza-Konflikts 2014 auf den deutschen Straßen gerufen wurde „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ hielten wir uns die Ohren zu. Allenfalls mit Kopfschütteln nehmen wir zur Kenntnis, wenn Menschen sich auf Demonstrationen einen „Judenstern“ an die Brust heften, weil sie meinen, sie seien Opfer der Corona-Politik.

Und wir schreien nicht auf, wenn die AfD die deutsche Geschichte umdeutet, den Nationalsozialismus als „Fliegenschiss“ bezeichnet und damit auch Grenzverschiebungen beim Antisemitismus befeuert. Hintergrund: Wer steckt hinter dem Hass gegen Juden in Deutschland?

Der Rechtsstaat muss bei Antisemitismus hart durchgreifen

Ja, die „Scheiß Juden“-Parolen vor deutschen Synagogen aus Anlass einer neuen Eskalation des Nahost-Konflikts, für den viele Israel-Gegner in geübter antisemitischer Weise die Juden verantwortlich machen, bleiben nicht unwidersprochen. Vertreterinnen und Vertreter der demokratischen Parteien, der Kirchen und Gewerkschaften erheben ihre Stimme und fordern ein „Nie wieder“. Das ist gut gemeint, doch pathetische Rhetorik allein reicht nicht.

Damit sich Juden in der Bundesrepublik zuhause fühlen, sind wir alle gefordert. Wir müssen uns jedem Anzeichen von Antisemitismus entgegenstellen, ganz gleich, ob auf dem Schulhof, im Netz oder im Bekanntenkreis, in dem hinter vorgehaltener Hand schon mal ganz gern die „große Macht“ der global agierenden Juden beschworen wird.

Wir müssen mehr Intelligenz und Mittel in Aufklärungs- und Bildungsprogramme investieren, um dem „Gerücht über die Juden“ (Adorno) den Nährboden zu entziehen. Wir müssen dafür sorgen, dass diejenigen, die israelische Flaggen verbrennen oder antisemitische Parolen grölen, unmittelbar die volle Härte des Rechtsstaats spüren. Lesen Sie hier: Nahost: Setzt die Hamas menschliche Schutzschilde ein?

Integration bedeutet auch Wertevermittlung – und die schaffen wir nur zusammen

Und – auch das gehört zur Wahrheit – wir müssen endlich realisieren, dass das Zusammenleben mit vielen meistens muslimisch geprägten Menschen, denen in Syrien, Neukölln, in Teilen des Ruhrgebiets oder wo auch immer von Kindesbeinen an vermittelt wurde, dass Israel zu vernichten und Juden zu hassen seien, nicht ohne Probleme ist. Integration, die nicht nur ein Hinnehmen, sondern das Teilen des bundesdeutschen Wertesystems beinhaltet, ist harte Arbeit. Wir dürfen sie nicht länger vernachlässigen.

Wer Juden bedroht, bedroht uns alle. Nur wenn wir das verstehen und entsprechend handeln, werden sich Juden in Deutschland vollkommen zuhause fühlen. Davon, dass das zum „mental furniture“ wird in einem Land, das vor gar nicht langer Zeit seine Juden vertrieb und vernichtete, hängt viel ab. Für jede und jeden von uns.

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