Kommentar

Warum Deutschland seine Fluchthilfe professionalisieren muss

Christian Unger
| Lesedauer: 3 Minuten
Flüchtlinge berichten vom Horror in Mariupol

Flüchtlinge berichten vom Horror in Mariupol

In einem Zentrum für Binnenflüchtlinge im ukrainischen Saporischschja werden Menschen aus der Belagerten Stadt Mariupol versorgt. Sie berichten vom Horror des Krieges.

Beschreibung anzeigen

Deutschland tut viel für Flüchtlinge aus der Ukraine. Die Hilfe muss noch länger anhalten. Denn die heikle Phase beginnt erst noch.

Für Deutschland gibt es gerade ordentlich Ärger – aus der Ukraine, aus anderen EU-Staaten. Die Bundesregierung liefert zu wenig schwere Waffen an die Ukraine, der Kanzler lässt sich nicht im Präsidentenpalast von Wolodymyr Selenskyj blicken, viel zu lange hat das Gros der deutschen politischen Führung mit dem autoritären und kriegslüsternen Kreml-Russland Geschäfte gemacht. Und jetzt: Rollte auch noch Friedrich Merz als Deutschland-Delegation im Schlafwagen nach Kiew.

Hitzig debattiert das Land über all das – die schweren Waffen, die Treue zu Kiew, die Nähe zu Putin. Über Merz. Wir sollten bei alldem eines nicht vergessen: Die Welt stemmt sich derzeit einem Exodus entgegen. Sechs Millionen Menschen aus der Ukraine sind auf der Flucht – noch einmal Millionen Geflüchtete kommen in dem Kriegsland selbst unter. In Kiew, in Städten des Westens.

Mehr als 600.000 Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland

Und die Weltgemeinschaft, allen voran die Europäische Union, schafft es erfolgreich, vielen dieser Menschen zu helfen. Sie zu versorgen, unterzubringen. Sie zu schützen vor Putins Bomben.

Auch die Menschen in Deutschland leisten viel. Mehr als 600.000 Flüchtlinge aus der Ukraine haben sich seit Kriegsbeginn hier bei den Behörden gemeldet – das zeigen neue Zahlen, die unserer Redaktion vorliegen. Das ist eine enorme Zahl – mehr als in den vergangenen Jahren hierherflohen.

Und doch läuft vieles geräuschlos. Junge Helfende empfangen Ukrainerinnen und Ukrainer an deutschen Bahnhöfen, Familien nehmen Mutter und Kinder bei sich zu Hause auf, in Erstaufnahmeeinrichtungen schuften Ehrenamtliche mit Asylhelfern in Schichten rund um die Uhr.

Deutschland trägt nicht die Hauptlast der Flucht aus der Ukraine. Das leistet mit Abstand Polen, aber auch Rumänien und Ungarn nehmen mehr Menschen auf. Das ist bemerkenswert: Gerade diese Länder wehren sich seit Jahren mit einer Mischung aus EU-Ressentiment und Rassismus gegen die Aufnahme von Afghanen, Syrern oder Eritreern.

Tausende Flüchtlinge sind traumatisiert und brauchen Betreuung

Deutschland hat viel geschafft. Und die Menschen hier müssen diese Hilfe für die Ukraine noch länger leisten. Die heikle Phase beginnt erst noch: Geflüchtete, die nicht zurückkehren können, brauchen dauerhaft Wohnungen. Die private Unterbringung wird nach und nach wegbrechen.

Zudem sind viele Kinder und Jugendliche geflohen – sie haben ein Recht auf Bildung, auch jetzt, im Exil. In der Pandemie zeigte sich das deutsche Schulwesen wenig flexibel, Starrheit und Sturheit regierten das System. Das darf sich Deutschland kein zweites Mal erlauben.

Und noch etwas wird eine große Herausforderung: Menschen haben nicht nur ihre Kleidung im Gepäck, wenn sie fliehen. Sondern auch schreckliche Bilder und Erlebnisse. Tausende sind traumatisiert. Sie brauchen Betreuung, Therapien. Doch schon vor dem Ukraine-Krieg fehlten massiv Therapieplätze für Geflüchtete. Schon Deutsche müssen oftmals Monate warten.

Wohnungen, Unterricht, psychologische Hilfe – das alles können keine Ehrenamtlichen, keine Familien in Vororten stemmen.

Ukraine-Krise – Alle News zum Krieg

Deutschland muss seine Infrastruktur der Fluchthilfe professionalisieren. Das kostet Geld. Die Regierung gibt 100 Milliarden Euro extra für die Bundeswehr aus. Das ist notwendig. Viel zu wenig aber debattieren wir über das Geld, das nun zusätzlich an Schulen, in Jobcentern und therapeutischen Zentren benötigt wird. Über Panzer lässt sich laut und emotional streiten. Über die Bedeutung einer monatelangen und kostspieligen Traumatherapie für eine junge Ukrainerin reden wir zu wenig.

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.