Ukraine-Konflikt

Ukraine: Putins Zermürbungstaktik erreicht den Westen

Dmytro Durnjew
| Lesedauer: 5 Minuten
Demonstrieren in Sotschi gute Laute: Wladimir Putin und sein Verbündeter, der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Demonstrieren in Sotschi gute Laute: Wladimir Putin und sein Verbündeter, der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Foto: Ramil Sitdikov / AFP

Moskau.  Moskau geht von langfristigen Stellungskämpfen in der Ukraine aus – und feiert sich für die globale Lebensmittel- und Energiekrise.

Der Kremlchef ist wieder in seiner Sommerresidenz in Sotschi. Diesen Montag empfing Wladimir Putin dort den belarussischen Staatschef Alexander Lukaschenko, beide amüsierten sich bei einem Fernsehtreffen über Wirtschaftsprobleme des Westens. Für die, grinste Lukaschenko, sei ja einzig Putin verantwortlich. "Ich werde mit ihm reden", scherzte Putin.

Drei Monate, nachdem die ersten russischen Raketen in der Ukraine eingeschlagen sind, ruft Staatschef Putin die politische Datschensaison aus. Gute-Laune-Modus, keine Verlustmeldungen von der Front, einem Großteil der Russen ist das nur recht. Auch ihre Datschensaison hat begonnen, sie stürzen sich mit Eifer auf ihre Wochenendhäuschen, auf Blumen- und Gemüsebeete.

Ganz offenbar befindet sich Russland wieder in einer neuen Phase seiner "Spezialoperation" gegen die Ukraine. "Putin hat seine Strategie gegenüber der Ukraine wie gegenüber dem kollektiven Westen gewechselt", schreibt Michail Rostowski, Kommentator der Massenzeitung Moskowski Komsomoljez, dessen Artikel oft als Sprechblasen des Kremls gelten. "Man setzt jetzt nicht auf die Wucht des Ansturms, sondern auf dessen Hartnäckigkeit." Wie der Westen gehe auch Moskau jetzt dazu über, den Gegner zu zermürben.

Ehemaliger Feldkommandeur hält Sieg in der Ukraine für unrealistisch

Putins Feldzug begann mit Panzerkolonnen, die über ukrainische Autobahnen preschen, und Fallschirmjägern. Westliche Militärexperten sprachen von Blitzkrieg. Aber die russischen Handstreiche gegen Kiew und Charkiw scheiterten, die Russen zogen sich nach einigen Wochen zurück, riefen eine zweite Operationsphase aus: Die Einkesselung der feindlichen Kräfte im Donbass.

Inzwischen scheint Putin in den Datschenmodus gewechselt zu haben: Entgegen vieler Erwartungen verkündete er bei seiner Rede zum "Tag des Sieges" am 9. Mai weder Kriegsrecht noch Generalmobilmachung. Hardliner wie der ehemalige Donbass-Feldkommandeur Igor Strelkow halten ohne diese Mobilmachung einen Sieg in der Ukraine für unmöglich.

Aber offenbar fürchtet der Kreml, die Stimmung könne kippen: Die Mehrzahl der Bürger heißt gewohnheitsmäßig alle militärischen Entscheidungen Putins gut. Aber diese erlaubten ihr bisher immer, die Geschehnisse von Sofas oder Gartenstühlen aus zu verfolgen.

Noch wird im Donbass erbittert gekämpft, die russischen Truppen versuchen vor allem bei Sjewjerodonezk, die Front der ukrainischen Verteidiger zu durchbrechen und zumindest diese Stadt einzukesseln. Aber sie kommen auch dort nur langsam voran. Im Süden, bei Cherson, ist die Front bereits zum Stillstand gekommen, im Norden, bei Charkiw, rücken sogar die Ukrainer vor. Die Stellungskämpfe drohen chronisch zu werden.

Für Putin ist der Westen nun der Hauptgegner

"Es gibt viele Anzeichen, dass Russland sich auf eine militärische Langzeitoperation vorbereitet", erklärte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksi Resnikow kürzlich. Die Russen hätten vielerorts begonnen, sich in ihren Stellungen einzugraben. "Wir laufen keinen Fristen nach", bestätigte Nikolai Patruschew, Sekretär des russischen Sicherheitsrates, gestern der Zeitung Argumenty i Fakty. "Den Nazismus muss man zu 100 Prozent ausmerzen, sonst erhebt er sein Haupt schon in ein paar Jahren wieder."

Aber unklar ist, wie Moskau seine erklärten Kriegsziele, "Denazifizierung" und "Demilitarisierung", der Ukraine erreichen will. Momentan scheinen sich Russlands Militär mit der "Befreiung" des Gebietes der Rebellenrepubliken Donezk und Luhansk zufriedenzugeben. Und mit der schon im Februar eingenommenen Landbrücke von dort zur Krim.

Die Ukraine ist ein weiter unbesiegter, aber aus russischer Sicht zusehends zweitrangiger Feind. Der Kreml und seine halbstaatliche Öffentlichkeit reden jetzt über den kollektiven Westen als Hauptgegner. Der führe einen hybriden Krieg gegen Russland, schaukele sich mit seinen Sanktionen aber selbst wirtschaftlich das Grab. Schon feiern russische Medien die kommende Getreideernte als Russlands neuen Trumpf.

Westliche Sanktionen können Russland noch empfindlich treffen

"Noch ist lange kein Herbst, aber auf dem Weltmarkt herrscht schon ein verzweifelter Mangel an Lebensmittel aus Russland", schreibt die Staatsagentur RIA Nowosti. "Nach Ansicht der amerikanischen Partner benutzt Moskau Lebensmittel als Waffe. Und vorher haben wir Öl und Gas als Waffe benutzt. Dann Kohle und Holz. Mama Mia, wie viel Waffen wir haben!" Putin selbst bezeichnete den möglichen Verzicht Westeuropas auf russische Energieträger als "Selbstmord."

Die bereits im März um 60 Prozent geschrumpfte heimische Automobilproduktion, die langsam aber sicher zusammenbrechende Nachfrage in der Baubranche oder andere schmerzhafte Folgen der westlichen Sanktionen könnten allerdings auch Russlands Ökonomie arg zermürben. "Putin möchte einfach nicht an die wirtschaftlichen Probleme denken, die für die Mehrheit der Beamten offensichtlich sind. Erst recht, wenn sie mit dem Krieg zusammenhängen", schreibt das Exilportal meduza.io unter Berufung auf zwei Kreml-nahe Quellen.

Auch die dritte Phase des Ukraine-Konfliktes wird den kollektiven Feind kaum in die Knie zwingen. Und viele Moskauer haben für alle Fälle schon begonnen, ihre Datschenrasen in Kartoffelbeete umzupflügen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.