Verurteilt wegen Volksverhetzung: Verhinderter Evangelist aus Ronneburg

Christian Bärthel klagte vor einem Jahr gegen die Entscheidung der Stadt Wunsiedel, ihm einen "Rudolf-Heß-Gedenk-Gottesdienst" zu verwehren. Das Verwaltungsgericht Bayreuth wies die Klage nun ab und bittet den Kläger zur Kasse.

Rechtsgerichtete Demonstranten versammeln sich in Wunsiedel zu einem Rudolf-Hess-Gedenkmarsch. In der Stadt war der verurteilte Nazi-Kriegsverbrecher Hess 23 Jahre lang auf dem Friedhof begraben und machte die 10 000-Einwohner-Stadt zum Wallfahrtsort für Neonazis machte. Foto: Archiv

Rechtsgerichtete Demonstranten versammeln sich in Wunsiedel zu einem Rudolf-Hess-Gedenkmarsch. In der Stadt war der verurteilte Nazi-Kriegsverbrecher Hess 23 Jahre lang auf dem Friedhof begraben und machte die 10 000-Einwohner-Stadt zum Wallfahrtsort für Neonazis machte. Foto: Archiv

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Ronneburg/Bayreuth. Die Idee war durchaus von einiger Raffinesse.

Dass sein im Juli 2011 geplanter "Rudolf-Heß-Gedenkgottesdienst" beim Pfarramt Wunsiedel Billigung findet, dürfte Christian Bärthel selbst nicht geglaubt haben. Wohl deshalb meldete der Ronneburger für den Fall, dass keine Kirche zur Verfügung stehe, beim zuständigen bayerischen Landratsamt die Abhaltung eines "Gottesdienstes" unter freiem Himmel an. Schließlich gelte ja wohl Religions- und Versammlungsfreiheit.

Bärthel durfte seine Predigt nicht halten. Nicht in Wunsiedel, wo der Hitler-Stellvertreter und von den Siegermächten verurteilte Nazi-Kriegsverbrecher Heß 23 Jahre lang auf dem Friedhof begraben lag. Was die 10 000-Einwohner-Stadt zum Wallfahrtsort für Neonazis machte. Im Sommer vorigen Jahres wurde bekannt, dass der Pachtvertrag für die Grabstätte nicht verlängert worden war. Solche Sachen wirken auf Bärthel, der in Ronneburg (Landkreis Greiz) schon mal Bürgermeister werden wollte, wie eine Initialzündung. Dann prüft er gern, wie der Rechtsstaat funktioniert, den er leidenschaftlich ablehnt.

Ein Nazi sei er keineswegs, sagt er. Das muss wohl die NPD ähnlich sehen, obwohl er mal für die rechtsextreme Partei in der Zwickauer Geschäftsstelle saß. Aber im Thüringer Verfassungsschutzbericht taucht er nicht mehr auf. Seit das Jenaer Terrortrio NSU bekannt wurde, nehmen Verfassungsschützer einen wie Bärthel offenbar nicht mehr ernst. Er ist ja nun "Evangelist". Sagt Bärthel über sich selbst.

Wie er Gott und Jesus Christus mit seiner nach wie vor rassistischen Gedankenwelt verbandelte, ist wieder so ein Treppenwitz echt thüringischer Prägung. In der Bibel hatten es Bärthel schon früher vor allem die antijüdischen Textstellen angetan. Die verschickte er mit noch ungelenker Interpretation per E-Mail auch an Bundestagsabgeordnete, was ihm 2007 eine Verurteilung wegen Volksverhetzung eintrug. Zur zehnmonatigen Bewährungsstrafe gehörten dann ein paar Stunden gemeinnützige Arbeit. Zu diesem Zweck schickte das Landgericht Gera ihn zu einer christlichen Bruderschaft ganz in der Nähe. Seitdem wirft Bärthel mit Bibelzitaten nur so um sich, oft haarscharf vorbei an strafbedrohter Rechtfertigung des Massenmordes an Juden im Dritten Reich.

Nun also eine Predigt zu Rudolf Heß, der von ähnlich tiefer Gläubigkeit gewesen sein soll. Gegenüber der Stadt Wunsiedel argumentierte der selbsternannte Evangelist: Wenn es Volksverhetzung sei, eines verurteilten Verbrechers zu gedenken, dann dürfe auch niemand des Herrn Jesus Christus gedenken. Denn der sei nach damaliger jüdischer Auffassung auch ein verurteilter Verbrecher gewesen. Bärthel kann sich über solche Vergleiche viele Seiten lang ergehen.

Wunsiedel hat ihn dann mit Bescheid vom 9. August 2011 abgewimmelt. Der Marktplatz unterliege einer Sondernutzungssatzung, hieß es. Gegen diesen Bescheid klagte der Ostthüringer am 31. August vor dem Verwaltungsgericht Bayreuth. "Zu spät", urteilten die Richter spürbar erleichtert in ihrer vorigen Monat ergangenen Entscheidung. Der Kläger habe eine Anfechtungsklage gestellt, und die hätte schneller kommen müssen. Oder statt ihrer eine Verpflichtungs- oder Neubescheidungsklage, aber auch nur dann, wenn. . . Es folgen ein verwaltungsrechtliches Kauderwelsch allererster Güte und danach ein paar verständlichere Worte zum Thema Glorifizierung des NS-Regimes. Und absolut deutlich: Bärthel muss die Kosten des Verfahrens tragen. 919 Euro und 28 Cent.

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