Wenn Thüringer Polizisten schießen, dann häufig auf Tiere

Erfurt  Thüringens Ordnungshüter greifen eher selten zur Dienstwaffe – und wenn doch, dann geht es fast immer darum, Tiere von einem Leiden zu erlösen oder bösartige Vierbeiner zur Strecke zu bringen. In diesem Jahr gab es bisher nur einen einzigen Schusswaffengebrauch direkt gegen einen Menschen.

Meistens bleibt die Pistole im Halfter. Daneben gehören Handschellen und eine Taschenlampe zur Ausrüstung von Polizisten. Foto: Daniel Bockwoldt

Meistens bleibt die Pistole im Halfter. Daneben gehören Handschellen und eine Taschenlampe zur Ausrüstung von Polizisten. Foto: Daniel Bockwoldt

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Erst Ende vergangener Woche hatten Spezialkräfte der Polizei nach einer Serie von Einbrüchen in Agrarbetrieben zwei Verdächtige auf frischer Tat gefasst. Bei dem Einsatz im Vogtland sei einer der beiden Kriminellen mit einer Eisenstange auf die Beamten losgegangen, die daraufhin geschossen hätten, teilte die Staatsanwaltschaft Gera mit. Die beiden Männer wurden am Bein verletzt.

Ein derartiger Einsatz von Schusswaffen sei in Thüringen jedoch selten, heißt es von der Landespolizeidirektion. So habe es zwischen 2011 und 2014 überhaupt keinen Dienstwaffengebrauch direkt Menschen gegeben. In dem Vierjahreszeitraum sei dreimal auf Objekte – etwa Autoreifen – geschossen worden; außerdem habe es vier Warnschüsse gegeben.

Wenn Schüsse fallen, dann sind es meistens sogenannte Not- oder Gnadenschüsse auf Vierbeiner. So töteten Thüringer Beamte in diesem Jahr bereits in 119 Fällen Tiere, die gefährlich, krank oder verletzt waren. 2014 waren es 200 Schüsse (2013: 225, 2012: 206, 2011: 152). „Bei der überwiegenden Anzahl der Fälle des Einsatzes gegen Tiere handelt es sich um Wildunfall-Situationen“, sagt ein Sprecher der Landespolizeidirektion. Dabei sei regelmäßig „eine tierschutzgerechte Tötung des verunfallten Wildes vorzunehmen“.

Und erst Anfang Juli etwa musste nach einer Beißattacke auf einen 52-Jährigen die Polizei einen Rottweiler in Bad Sulza (Weimarer Land) erschießen.

Thüringens Polizeivollzugsbeamte hätten jährlich mindestens drei Fortbildungsschießen mit der Dienstpistole und mindestens ein Fortbildungsschießen mit dem Gewehr oder der Maschinenpistole zu absolvieren, sagt der Sprecher. „Das Schießen mit dem Gewehr beschränkt sich auf die an dieser Waffe ausgebildeten Beamten.“

In ganz Deutschland haben Polizisten im vergangenen Jahr sieben Menschen mit ihrer Dienstwaffe erschossen und 31 durch Kugeln verletzt. Wenn Polizisten ihre Waffen tatsächlich gegen Menschen richten müssen, ist das für viele der Beginn eines langen Leidens.

Der Polizist Oliver Tschirner hat für eine Masterarbeit Polizisten befragt, die im Dienst einen Menschen getötet haben. Eines der Ergebnisse: Viele Polizisten sind danach ein Leben lang traumatisiert. Nur ein Drittel kehrt bald in den Dienst zurück. Beim zweiten Drittel gelten die Folgen als langwierig, oft müssen die Kollegen zum Innendienst. Das letzte Drittel leidet fortwährend und ist lange therapiebedürftig.

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