Bad Klosterlausnitz: Therapeuten erkennen gesundheitliche Probleme schon am Gang

Jana Scheiding
| Lesedauer: 5 Minuten
Dem geschulten Auge von Physiotherapeutin Katja Wittig-Böttger und den Richtwerten auf ihrem Tablet entgeht nichts. Hier analysiert die Fachfrau für den Stütz- und Bewegungsapparat die Gangart einer Besucherin.

Dem geschulten Auge von Physiotherapeutin Katja Wittig-Böttger und den Richtwerten auf ihrem Tablet entgeht nichts. Hier analysiert die Fachfrau für den Stütz- und Bewegungsapparat die Gangart einer Besucherin.

Foto: Jana Scheiding

Bad Klosterlausnitz.  Beim Tag der offenen Tür in der „Moritz Klinik“ Bad Klosterlausnitz nutzten am Samstag viele Besucher die Möglichkeit, sich verschiedenen Tests zu unterziehen.

Der Mann im Rollstuhl trainiert seinen Gleichgewichtssinn, indem er Obst pflückt. Je besser er reagiert, umso schneller fallen die Äpfel von den Bäumen. Möglich ist so etwas mit einem Therapiegerät namens „Hunova“, das Physiotherapeuten bei ihren Analysen unterstützt und eine maßgeschneiderte Zusammenstellung von Übungen für Patienten ermöglicht. Zum Tag der offenen Tür in der „Moritz Klinik“ Bad Klosterlausnitz nutzten am Samstag viele Besucher die Möglichkeit, sich verschiedenen Tests zu unterziehen.

Übungen sollen ein neues Körpergefühl ermöglichen

Nach dem Obstkorb kommt der grüne Punkt. Auf einer Zielscheibe sollte dieser möglichst in der Mitte des grauen Feldes gehalten werden. Physiotherapeuten können mittels solcher Tests erkennen, wie es um Koordination und Gleichgewichtsempfinden ihrer Patienten bestellt ist und wo sie ansetzen müssen. Bei der nun folgenden Übung muss der Pfeil zwischen zwei Haltepunkten auf einer markierten Fläche bewegt werden. Das sieht alles ganz einfach aus. Sehr effektiv seien diese Übungen für Gleichgewicht und Rumpfaktivität unter anderem bei Patienten nach einem Schlaganfall, für Träger von Beinprothesen oder Patienten mit Multipler Sklerose. „Die Übungen vermitteln ein neues Körpergefühl, ein Gefühl für die Körpermitte“, erklärt Physiotherapeutin Alena Richter. Bei Menschen mit Skoliose beispielsweise messe das Gerät die beste Mitte und richte sich danach aus.

Nachdem der Mann seine Übungen beendet hat, lädt die Fachfrau zum Test im Stehen auf dem „Hunova“ ein. Wird dieses Gerät den Menschen in absehbarer Zeit ersetzen? Die junge Frau verneint. „Es ist als Therapieergänzung, nicht als Ersatz für die Therapeuten gedacht.“ Deren Hände seien durch nichts zu ersetzen. „Hunova“ verlangt eine genaue Position der Füße auf der Bodenplatte, bevor es die Zielscheibe und den grünen Punkt freigibt. Das ist noch relativ einfach. Schwierig wird es, einen Pfeil zwischen zwei fixierten Punkten hin und her zu bewegen. Auf der inzwischen instabilen Bodenplatte ist es kaum möglich, innerhalb der Markierung zu bleiben. Alena Richter erlaubt das Abstützen mit zwei Fingern. Den Pfeil zu führen, ist jetzt ein Kinderspiel. „Es ist schon erstaunlich, was zwei Finger ausmachen“, sagt Richter. „Hunova“ ist mit dem Ergebnis zufrieden, gibt 792 Punkte und lässt einen Pokal auf dem Bildschirm erstrahlen.

Zwei Räume weiter herrscht Andrang. Besucher des Infotages wollen ihre Gangart analysieren lassen. Dass mit dem Gang des jungen Mannes etwas nicht stimmt, kann Physiotherapeutin Katja Wittig-Böttger sogar hören. Irgendetwas stampft. Im Winter hatte der großgewachsene Mann einen Skiunfall. Nichts Weltbewegendes, dachte er, doch eine Kleinigkeit muss zurückgeblieben sein. Wittig-Böttger analysiert mit ihm das Gangbild und empfiehlt Übungen auf einem Bein.

Das Gangbild eines Menschen sei beinahe so individuell wie sein Fingerabdruck. Die Fachwelt teilt es in acht Phasen ein: Anfangskontakt, Belastungsübernahme, drei Stand- sowie drei Schwungphasen. „Am Gangbild sehe ich, an welchen Gelenken, welcher Muskelaktivität ich arbeiten muss“, erklärt Wittig-Böttger. Die Spiegelwand in ihrem Arbeitszimmer zeigt schon einiges, die Videoanalyse via Tablet liefert exakte Richtwerte dazu. Ein Mann läuft nun über die blau markierte Fläche. Das Laienauge kann nichts Ungewöhnliches erkennen. „Ich sehe da schon etwas an den Knien“, sagt die Therapeutin und der Mann bestätigt, dass er damit schon lange Schwierigkeiten habe. „Viele Menschen waren als Kind zum letzten Mal in Behandlung und haben später nichts mehr gegen die Fehlstellung getan. Sie suchen erst wieder Hilfe, wenn sie merken, dass sie nicht mehr so lange stehen können oder sich Schmerzen einstellen“, weiß Wittig-Böttger. Sie empfiehlt, regelmäßig zu testen, ob knien oder auf den Fersen sitzen noch möglich seien. „Kinder sind Vorbilder. Unser Alltag besteht aus sitzen und laufen, wann halten wir uns schon auf dem Fußboden auf?“

Viele Menschen vernachlässigten ihre Füße, so die Erfahrung Wittig-Böttgers. „Barfuß laufen, Fußgymnastik, laufen auf unebener Bodenbeschaffenheit – das sollten wir trainieren.“

Jugend kompensiert Schuhfehler, Beschwerden kommen im Alter

Das A und O sei geeignetes Schuhwerk. Eine Fehlstellung der Füße, zum Beispiel durch zu weiche Sohlen ohne Fuß- und Fersenführung, wirke sich auf die gesamte Körperstatik aus. „Die Schuhsohle muss fest sein. In der Jugend kann man solche Sünden kompensieren, die Beschwerden kommen im Alter.“ Mit den Jahren werde der Mensch unbeweglicher, auch Koordination und Kraft nähmen ab. Physiotherapeutin Wittig-Böttger rät zu Bewegungen mit dem eigenen Körper, zum Beispiel auf Zehenspitzen und Fersen zu laufen. „Präventiv arbeiten ist besser, als zu warten, bis Schmerzen oder Einschränkungen eintreten.“ Von der Benutzung eines Rollators aus Bequemlichkeit rät die Therapeutin ab. „Wer keinen Rollator braucht, sollte auch keinen benutzen. Wir sollten versuchen, so lange wie möglich ohne Hilfsmittel auszukommen.“