Staaten, Schwärme, Sippen und Sex in Gera

Gera  Die Sonderausstellung „Ich leb’ nicht gern allein“ im Geraer Naturkundemuseum ist dem tierischen Sozialverhalten gewidmet

René Köhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter Zoologie im Geraer Naturkundemuseum, hält eine Fauchschabe aus Madagaskar in der Hand. Die Sonderausstellung „Ich leb’ nicht gern allein“ ist bis zum 18. April 2020 zu sehen. 

René Köhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter Zoologie im Geraer Naturkundemuseum, hält eine Fauchschabe aus Madagaskar in der Hand. Die Sonderausstellung „Ich leb’ nicht gern allein“ ist bis zum 18. April 2020 zu sehen. 

Foto: Ulrike Kern

Geschäftiges Gewusel im Bau der Rossameise Camponotus nicobarensis. Emsig laufen die Tierchen zum bereitgestellten Honigwasser, saugen sich damit voll, bis ihr Hinterleib goldgelb glänzt – und begeben sich auf den Rückweg. Unterwegs treffen sie auf wesentlich kleinere Tiere ihres Staates, die sie mit der kostbaren Nahrung füttern. Hundertfach passiert das zur gleichen Zeit im Naturkundemuseum in Gera. Denn die Rossameisen – im November 2016 als Kolonie mit einer befruchteten Königin und zehn Arbeiterinnen gegründet – sind mittlerweile zu einer gigantischen Kolonie angewachsen und nun lebende Anschauungsobjekte in der aktuellen Sonderausstellung „Ich leb nicht gern allein“ im Geraer Naturkundemuseum.

Gleich daneben im Terrarium leben übrigens etliche zahlreiche Exemplare der Fachschaben aus Madagaskar, die ihren Namen alle Ehre machen. Sobald Projektleiter René Köhler sie aus ihrer mit viel altem Holz hergerichteten Behausung nimmt, ist ein lautes Fauchen zur Abschreckung des Störenfriedes zu hören. Es geht tierisch zu in der neuen Ausstellung, die sich unter dem Titel „Ich leb nicht gern allein“ mit tierischem Sozialverhalten auseinandersetzt. Denn, wer lebt schon gern allein? Und genau mit diesem Schlagwort hat der wissenschaftliche Mitarbeiter René Köhler den Rundgang durch die unteren Ausstellungsräume beginnen lassen. Wir als hochsoziale Lebewesen sind mit unserem Verhalten längst nicht allein. Welche Formen des Zusammenlebens es gibt und wer welchen Nutzen daraus zieht, erklärt die Ausstellung mit vielen kleinen und großen Installationen, anschaulichen Erklärtexten, Fotos, Filmen, mit lebenden Tieren und Präparaten . Kurzum: es geht um „Staaten, Schwärme, Sippen und Sex“. Sieben thematische Schwerpunkte zeigen den Besuchern die Mannigfaltigkeit des tierischen Zusammenlebens und präsentieren zugleich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse – nicht ohne einen Blick auch auf das Verhältnis von Mensch und Tier zu werfen mit den Problemen der Vermenschlichung, Qualzuchten, aber auch erfolgreicher Tiertherapien.

Staaten, Schwärme und Sex: Neue Ausstellung in Gera

Doch zunächst sieht sich der Museumsbesucher großformatige Fotos von Makrelenschwärmen, Tierherden und Graugänsen in V-Formation gegenüber, mit denen das Phänomen der Schwarmintelligenz beleuchtet wird. Diese anonymen Zusammenschlüsse von Tieren funktionieren mit erstaunlich wenigen Regeln, denen jeder Einzelne folgt, wie René Köhler erklärt: „Es bedarf dafür keiner Kommunikation untereinander und auch keiner Intelligenz.“ Es folgen thematisch in der Ausstellung Tierkolonien und Tierstaaten, so beispielsweise Graptolithen (Schriftsteine) von vor 440 Millionen Jahren, die man in Hohenleuben gefunden hat. Aber auch die Portugiesische Galeere, die zu den Staatsquallen zählt und aus einer ganzen Kolonie voneinander abhängiger Polypen besteht. „Einzeltiere haben sich nach und nach auf bestimmte Aufgaben wie Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung, Abwehr oder die Ausbildung von Fangfäden spezialisierten. Dies führte schließlich dazu, dass die Individuen einzeln nicht mehr lebensfähig, sondern auf den Zusammenschluss mit anderen Polypen angewiesen sind“, erklärt René Köhler dieses Phänomen.

Verhaltensweisen, die nicht genetisch programmiert sind

Auch die spannenden Formen der Symbiosen und deren Vorteile beispielsweise zwischen Ameise und Blattlaus oder Büffel und Madenhacker werden erklärt. Und außer über einen riesigen Termitenhügel und ein Hornissennest erfährt der Besucher allerlei über bekannte Tierstaaten und deren Hierarchien, bevor er sich im nächsten Ausstellungsraum den sozialen Kategorien „Rudel, Rotten & Sippen“ widmen kann.

Für die jüngeren Besucher steht hier ein großes Memory-Rätsel bereit, mit dem man Mimik und Gestik von Wolf, Hund und Mensch spielerisch erfahren und mit eigenen Gefühlsäußerungen vergleichen kann. Denn es geht in diesem Kapitel um die höchste Form des Zusammenlebens, um Kommunikation untereinander, um Gesten, Hierarchien, Matriarchat, Patriarchat, Mono- und Polygamie sowie die hormonelle Steuerung der Zuneigung. Und einen Schritt weiter – am Beispiel der Japanmakaken – geht es sogar um Kultur, also um jene Verhaltensweisen, die nicht genetisch programmiert sind, sondern durch einen Lernprozess weitergegeben werden. „Dass beispielsweise jene Makaken in Japan im Winter in heißen Quellen baden, haben sie ausschließlich vom Menschen abgeschaut“, erzählt der Projektleiter.

Neben dem Präparat eines stattlichen Europäischen Wolfs in der Vitrine kann man in diesem Raum auch auf lebende Tiere treffen: Steppenlemminge, die im Familienverband leben. Abschließend läuft in Dauerschleife noch ein Videofilm, der das Paarverhalten einiger Vogel- und Tierarten zeigt.

Kompakt wird mit dieser Ausstellung vermittelt, welche Formen des tierischen Zusammenlebens mit all ihren Vor-und Nachteilen wir in der Natur begegnen können. Eine liebevoll gestaltete Schau zum Staunen, Verstehen und Nachdenken.

Gera, Museum für Naturkunde, bis 18. April . Geöffnet: mittwochs bis sonntags und feiertags von 12 bis 17 Uhr. Gruppen können sich auch außerhalb der Öffnungszeiten anmelden.

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