Jena, Inselplatz 9a: „Ein sehr gepflegtes Haus, edel und tiptop“

Jena  Die Tage des Gebäudes aus dem Hause Schreiter und Schlag am Inselplatz sind gezählt – Ein ehemaliger Bewohner erinnert sich

Die Geschichte des Hauses Inselplatz 9a. Gebaut wurde das Gebäude als Beamtenwohnhaus der Firma Carl Zeiss. Das Architektenbüro Schreiter & Schlag hatte die Federführung, als das Unternehmen dieses Wohnhaus für vier Familien bauen ließ. Ursprünglich war ein Geviert mit vier Gebäuden geplant, jedes davon mit vier Wohnungen und einigen Dachkammern.  

Die Geschichte des Hauses Inselplatz 9a. Gebaut wurde das Gebäude als Beamtenwohnhaus der Firma Carl Zeiss. Das Architektenbüro Schreiter & Schlag hatte die Federführung, als das Unternehmen dieses Wohnhaus für vier Familien bauen ließ. Ursprünglich war ein Geviert mit vier Gebäuden geplant, jedes davon mit vier Wohnungen und einigen Dachkammern.  

Foto: Bauaktenarchiv Jena

„Es war eine Oase für uns als Kinder und Jugendliche“, sagt Thomas Reinsch über das Areal rund um das Haus Inselplatz 9a. Der heute 64-jährige ehemalige Musiker der Jenaer Philharmonie gerät ins Schwärmen, wenn es um das frühere Wohnhaus seiner Eltern geht, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Direkt am Haus gab es einen großen Garten, die Angerkreuzung war damals noch nicht gebaut. An der damaligen Erweiterten Oberschule, heute Verwaltungsgebäude, führte nur eine schmale Straße entlang. „Wir konnten dort Fußball spielen und Rad fahren und nach der kleinen Durchfahrt unter der Eisenbahn waren wir gleich an der Saale“, erzählt Reinsch. Den großen Garten sehe er noch heute vor sich: Eine riesige Linde habe dort gestanden, unter der die älteren Herren des Hauses sich ein Gartenhaus gebaut hatten, um ungestört Skat zu spielen. Und die Männer hätten den Frauen aus der näheren Umgebung die Möglichkeit eingeräumt, in dem großen Garten ihre Wäsche zum Trocknen aufzuhängen. Das Haus Inselplatz 9a sei ein sehr gepflegtes Haus gewesen, edel und tiptop gepflegt und mit einer sehr schönen Architektur. „Wenn ich nur an die drei Torbögen am Eingang denke, die Bänke links und rechts der Tür, alles war immer perfekt in Ordnung.“ Und im Haus hätten zumeist Ingenieure von Zeiss und Schott gewohnt, alles Akademiker.

Geviert mit vier Gebäuden geplant

Das nimmt nicht wunder. Denn gebaut wurde das Gebäude als Beamtenwohnhaus der Firma Carl Zeiss. Das Architektenbüro Schreiter & Schlag hatte die Federführung, als das Unternehmen dieses Wohnhaus für vier Familien bauen ließ. Ursprünglich war ein Geviert mit vier Gebäuden geplant, jedes davon mit vier Wohnungen und einigen Dachkammern. - Schreiter & Schlag reichten 1923 die Bauunterlagen ein. Es sollte ein Wohnhaus entstehen mit zwei Stockwerken von je 240 Quadratmetern und einem Dachgeschoss. „Gegen den Entwurf ist nichts einzuwenden“, heißt es im Baubescheid vom 23. April 1923, der Bauerlaubnisschein wurde wenige Tage später erteilt. Bereits am 7. Juli 1923 vermeldet das Architekturbüro, dass der Rohbau beendet ist, zugleich wurde um Abnahme gebeten. Und nur kurze Zeit später, im Oktober des gleichen Jahres wird dem Stadtbauamt mitgeteilt, dass das Wohnhaus fertiggestellt sei. Für die Schlussabnahme am 17. November 1923 wird eine Rechnung für Schreib- und Besichtigungsgebühren über mehr als drei Billionen Mark gestellt, es war die Zeit der Inflation. Es wurden keine baulichen Mängel festgestellt, und auch der Bezirksschornsteinfegermeister bescheinigte, dass alles in bester Ordnung sei. Und so konnten bald die ersten Mieter einziehen.

Bereits 1940 ist der Name Reinsch in der Liste der Mieter zu finden. „Das waren meine Großeltern“, sagt Thomas Reinsch, der seine Großmutter allerdings nicht mehr kennengelernt hat. Seine Großeltern waren es auch, die die Bombenangriffe auf Jena am 17. und 19. März 1945 miterlebt hatten. Dabei wurde die rechte Seite des Hauses in Mitleidenschaft gezogen, die Seite, in der die Reinschs wohnten.

Die Carl-Zeiss-Stiftung ist es nun, die im November 1946 einen Antrag zum Wiederaufbau des Wohngebäudes Inselplatz 9a stellt. Mauerwerk und Decken sollen ebenso wiederhergestellt werden wie im unbeschädigten Teil des Gebäudes. Die Baustoffe dafür sollen aus Werksbeständen kommen. Dabei ist die Rede von 29000 Mauersteinen, 4000 Dachziegeln und 16 Quadratmeter Glas. Die Arbeiten verzögern sich allerdings, denn erst 1951 ist das Haus wieder in Ordnung. Die Carl-Zeiss-Stiftung hatte damals einen Kredit beantragt. Und von „Wohnungen für die Intelligenz“ war die Rede in der Darlehenszusage der Thüringer Filiale der Deutschen Investitionsbank, die ein „Intelligenzdarlehen“ in Höhe von 27000 DM gewährte. Im Zusammenhang mit diesen Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten entstand auch eine Dachgeschosswohnung. Bei der Endabnahme fehlte allerdings eine Leiter zum Oberboden für den Schornsteinfeger, die noch beschafft werden musste, bevor der letzte Stempel auf die Unterlagen gesetzt wurde. „Mein Vater Hermann, Jahrgang 1918, wohnte natürlich bei seinen Eltern, war allerdings zum Kriegsdienst eingezogen, hat die Kriegsgeschehnisse hier nicht miterlebt“, sagt Thomas Reinsch.

Viele ältere Jenaer werden sich noch an Hermann Reinsch erinnern, den Musiker aus Begeisterung, den langjährigem künstlerischen Leiter des Akkordeonorchesters Carl Zeiss, der 2009 im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Er zog mit seiner jungen Frau 1948 zu seinem inzwischen verwitweten Vater in die 3,5-Zimmer-Wohnung am Inselplatz 9a. „Die Wohnung war sicher nicht klein, aber wir waren fünf Kinder, und zu meinen Eltern kam eben der Großvater“, erzählt Thomas Reinsch. Er habe mit einem seiner Brüder in einer der Mansarden gewohnt.

In den 70er Jahren dann sei die Angerkreuzung gebaut worden. Damit sei die Idylle rund um das Haus zu Ende gewesen. Die Gartenweite war weg ebenso wie das andere Grün bis hin zur Saale. „Wir wohnten ja damals auf der einen Seite direkt in der Stadt, auf der anderen Seite am Grün.“ Seine Mutter habe sehr unter den Veränderungen gelitten. „Sie wollte eigentlich wegziehen, aber mein Vater war sehr bodenständig, wollte bleiben“, sagt Reinsch. Und so seien die Eltern geblieben im ehemaligen Beamtenwohnhaus, über das noch heute Nachbarn nur das Beste berichten. „Das war immer ein außerordentlich gepflegtes Haus. Selbst wenn‘s rundrum manchmal schnoddrig aussah, am Haus Inselplatz 9a sah es immer sehr ordentlich und sauber aus“, erinnert sich der Journalist Bodo Baake, der etliche Jahre schräg gegenüber am Anger gewohnt hat.

Auch als Hermann Reinschs Frau 1997 starb, blieb er am Inselplatz wohnen, als letzter der alten Mieter. Thomas Reinsch vermutet, dass schon damals der Abriss des Hauses beschlossene Sache war. Zum einen hatte die Ernst-Abbe-Stiftung seinem Vater die benachbarte Garage abgekauft, sie ihm aber zur weiteren Nutzung überlassen. Zum anderen zogen nach und nach Studenten ein, junge Leute, die es mit der Pflege des Hauses nicht mehr so ernst nahmen und von denen der Vermieter wohl annahm, dass sie nach dem Studium das Haus wieder verlassen. „Ich habe damals meinen Vater gefragt, wie er das aushält mit diesen so ganz anderen Nachbarn. Er sagte immer, das seien sehr nette und zuvorkommende junge Leute. Er hatte da eine große Toleranz und hat sich ganz offenbar gut arrangiert mit den Jungen.“

Bis zum Jahr 2008 lebte Hermann Reinsch am Inselplatz 9a, bevor er in ein Pflegeheim übersiedelte, in dem dann auch verstorben ist. Inzwischen sind die Tage des Hauses gezählt. Das ehemalige Beamtenwohnhaus, entworfen im Büro der renommierten Jenaer Architekten Schreiter und Schlag, wird einem Hochhaus weichen. Denn der gesamte Inselplatz wird neu bebaut mit Gebäuden für die Friedrich-Schiller-Universität.