Mit einem umfangreichen Programm wird die Stadt Jena jenen Teil der jüngeren Geschichte aufarbeiten, der als Geburtsstätte des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bekannt geworden ist.
Die Umbenennung eines Platzes in Winzerla in Enver-Şimşek-Platz ist im kommenden Jahr dabei ein wichtiger Prolog für 2021. Dann jährt sich der Tag zum zehnten Mal, an dem die Neonazi-Terrorzelle in Eisenach aufflog.
Dass sich Jena seiner Verantwortung bewusst ist, war einer Rede zu entnehmen, die Jenas OB Thomas Nitzsche (FDP) zum Festakt „30 Jahre Friedliche Revolution“ in der Stadtkirche hielt. Gewichen ist der eher zögerliche Umgang mit einem schwierigen Thema, der die Verwaltungsspitze in den vergangenen Jahren mehrfach der Kritik aussetzte.
„Zwar hätte der NSU wohl auch an vielen anderen Orten der ehemaligen DDR entstehen können. Doch es ist in Jena geschehen, und wir müssen deswegen vor allem auch hier aufarbeiten, wie es dazu kommen konnte. Wenn wir dies verstehen wollen und, noch wichtiger, wenn wir sicherstellen wollen, dass sich Vergleichbares nicht wiederholt, dann ist es zwingend notwendig, die Rahmenbedingungen herauszuarbeiten, die dies ermöglichten beziehungsweise begünstigten“, sagt Nitzsche damals. Universität, Jenakultur, die Vereine und Verbände, die Zivilgesellschaft wollen hier an einem Strang ziehen.
Enver-Şimşek-Platz in Winzerla
Die Umbenennung eines Platzes in Winzerla in Enver-Şimşek-Platz ist ein Schritt, nachdem der Kulturausschuss im Mai dem Votum der Bürger und des Ortsteilrates folgt. Wie der Leiter des Eigenbetriebes Jenakultur, Jonas Zipf, sagt, soll die Umbenennung im Mai 2020 erfolgen. „Dies soll im Beisein der Familie erfolgen. Wir stehen mit ihr in Kontakt“, sagt Zipf.
Enver Şimşek wurde am 11. September 2000 in Nürnberg ermordet. Er war das erste Opfer der Mordserie der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“.
Dass sich die Enttarnung des Mörder-Trios 2021 zum zehnten Mal jähren wird, ist Anlass für das, was Jonas Zipf eine „Thüringer Trilogie“ nennt – ein doppelbödiger Titel, impliziert er sowohl eine Dreiteiligkeit als auch die drei NSU-Köpfe. So soll es im Mai 2021 ein mehrtägiges wissenschaftliches Symposium geben, das unter der Ägide der Soziologen, Politikwissenschaftler und Historiker der Universität gemeinsam mit dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft die Stadtgeschichte in den 1990er Jahren erforscht.
„Natürlich geht es um die Frage, welche Verantwortung wir als Gesellschaft tragen“, sagt Zipf. Das Thema biete eine Fülle an Ansätzen: Es geht um die Rolle des Jugendclubs Hugo, um die Frage, ob die damals übliche akzeptierende Jugendarbeit als ein sozialarbeiterisches Konzept die Radikalisierung des Trios ermöglicht habe, um die Polizei, die städtischen Ämter und anderes mehr.
Ein Kernfrage dabei ist: Hätte der NSU auch an vielen anderen Orten der ehemaligen DDR entstehen können? Oder gab es in Jena ein Klima, das die unselige Geschichte vorangetrieben hat?
Bundesweites Theaterprojekt 2021
Zudem wird sich die Vergabe des Botho-Graef-Kunstpreises und des Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preises in dem Jahr an der NSU-Thematik orientieren. Vor allem der Kunstpreis sei ein sensibles Thema. „Unter allen Umständen müssen wir vermeiden, einen Wallfahrtsort für Neonazis zu schaffen“, betont Zipf.
In einem zweiten Teil wird sich im Sommer 2021 das Weimarer Kunstfest mit dem NSU-Komplex beschäftigen. Geplant sei ein Reenactment, also eine Neuinszenierung des Münchner NSU-Prozesses, bei dem im Juli 2018 Beate Zschäpe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Die Wiederaufführung aus künstlerischer Sicht, für die ein türkischer Regisseur im Gespräch ist, soll an unterschiedlichen Orten stattfinden – unter anderem auch in Winzerla und Lobeda.
Höhepunkt und Abschluss wird ein bundesweites Theaterprojekt sein, für das das Theaterhaus Jena den Impuls gab: Im Oktober und November 2021 soll es in den deutschen Städten Premiere haben, die mit der Geschichte des NSU verbunden sind. Bereits Ende des Monats soll es ein erstes Arbeitstreffen geben. Ihre Absicht, an dem Projekt teilzunehmen, hätten die Theater der Städte Hamburg, Rostock, Kassel, Köln, Nürnberg, Heilbronn, Zwickau, Chemnitz Rudolstadt sowie Weimar und Jena bereits verkündet. Nur Dortmund fehle noch. Aber auch hier rechnet Zipf mit einer Zusage.