Erfurt. Mahmud Giahi hat einen weiten Weg hinter sich. Ein Traum wird für den Kickboxer aus Erfurt mit dem ersten WM-Titel wahr. Das kann erst der Anfang nach einer langen Reise sein.

Das Regalbrett unterm Dach das Contact Sports Clubs ist gut gefüllt. Eine Reihe von Pokalen steht darauf, daneben hängen die Gürtel. Zwei sind’s, die Ausbeute eines Jahres. Ein dritter ist gerade erst hinzugewonnen. Es ist ein besonderer, die erste Weltmeisterschaft im K1. Auch deshalb beansprucht Mahmud Giahi ihn nicht für sich selbst, selbst wenn er sehr lange darauf nur gewartet hat.

„Der ist für Dich“, erklärt der aus dem Iran stammende Kickboxer an diesem Samstagabend voller Adrenalin nach einem bis zuletzt offenen Schlag- und Trittabtausch gegen Loic Njeya. Und er hängt das weiß-goldene Stück Trainer und Förderer Christian Schwäblein, 47, über die Schulter, um persönliche Sätze folgen zu lassen. Erst an seinen Trainer, Förderer und Inhaber des CSC Erfurt, hinterher an seinen Vater.

Man muss die in Persisch gehaltenen Worte am Mikrophon nicht verstehen, um Dankbarkeit nach dem ersten WM-Titel herauszuhören. „Ich habe meine Aufgabe geschafft. Ich habe lange für diesen Platz gekämpft“, erzählt der 29-jährige Sieger in erstaunlich gutem Deutsch, das er sich innerhalb von knapp drei Jahren zu eigen gemacht hat. Er liest, er spricht es. In Deutsch zu schreiben nur, das ist für den Mann aus dem Iran schwierig. Dafür zeichnet er im Training, im Ring und im Leben eine Geschichte, die ohne Worte viel erzählt: von sich und einer langen Reise.

Im Immergrün wächst der Traum

Um zu dessen Ursprung zu gelangen, führt der Weg in den Nord-Iran. In die Provinz Gilan, die im Süden ans Kaspische Meer grenzt. „Dort ist es immer grün“, erzählt Mahmud von den bewachsenen Berghängen und einem kleinen Dorf, von einer Region mit alter Geschichte. In dem wächst er mit seinem drei Jahre älteren Bruder auf. Dort trainiert ihn sein Vater von klein auf im Kickboxen. Dort beginnt der gemeinsame Traum.

Der Vater lehrt ihn Kicks, Kombinationen und vor allem Respekt vor anderen. „Wir bauen im Training unseren Charakter und nicht unseren Körper“, umschreibt der Mann mit den schnellen, harten Händen das, was für ihn über allem im Kampfsport stünde.

Viel Anerkennung hat er auch für seinem am Samstag vor vier Tagen knapp geschlagenen Kontrahenten. Ein Kerl mit dem Dampf eines K.o.-Treffers in jeder Lage ist Loic Njeya. In der Vita des 26-Jährigen stehen mehr als 20, meist vorzeitig gewonnene Duelle. Er kommt allein aus Biel nach Erfurt, um einen Tag später mit dickem Eisbeutel auf dem geschwollenen Spann allein wieder mehr als 600 Kilometer zurückzufahren. Von 200 Leuten im CSC in der Wendenstraße ist keiner für ihn. Dennoch hält der eigentliche Neunzig-Kilo-Mann das harte Duell bis 84 Kilo offen und fühlt sich später sogar als Sieger.

Eingeladen zum Verlieren, stattdessen schlägt er alle

Die letzte Runde sei an ihn gegangen, findet der 26-Jährige. Im Ring ist er vor Freude schon wild jubelnd in die Seile der Ringecke gesprungen. Die ersten zwei von fünf Runden geben die Punktrichter auch Njeya. Die fünfte und letzte Runde notieren sie im Hauptkampf des Abends zum 18. CSC-Geburtstag aber wie die beiden zuvor zugunsten des gefeierten Punktsiegers Giahi.

„Man muss ein großes Herz haben, wenn alle Leute gegen dich sind“, sagt Giahi. Wie sich das anfühlt, weiß der. Im DM-Kampf zu Beginn des Jahres geht es ihm so. Im EM-Fight ebenso. Und erst recht in Tallin. Zum sogenannten „King of Kings“-Turnier wird er eingeladen, weil ihm zwar etwas zugetraut, er aber vor allem als Verlierer gesehen wird. Stattdessen schlägt er alle aus – und siegt wie zuvor.

So etwas habe ich noch nicht gesehen. Er opfert alles dafür.
Christian Schwäblein - Trainer und Inhaber des Contact Sport Clubs

Karoo“ nennt er sich. Das bedeutet so viel wie der Unbeugsame. „Er ist der, der die Flagge bis zuletzt trägt“, gibt Giahi die Bedeutung seines Kampfnamens wieder. Er trifft nicht nur im Ring zu, sondern auf für seinen Weg.

Ein Traum wird wahr: „Karoo“ trägt den WM-Gürtel um den Bauch und hält den Pokal in der Hand.
Ein Traum wird wahr: „Karoo“ trägt den WM-Gürtel um den Bauch und hält den Pokal in der Hand. © Bernd Seydel

Vor drei Jahren ist er nach Deutschland gekommen. Auch, um Weltmeister werden zu können. Lange sei er zu Fuß gegangen, erinnert sich Giahi. Mit dem Auto ist er mitgefahren, mit dem Bus, zuweilen auf dem Lkw. In der festen Absicht, Weltmeister zu werden. Als er ankommt, merkt er, dass der Leidensweg zum Gürtel länger wird als er es gedacht hätte. Er will kämpfen, nur darf er nicht, bis die Aufenthaltsgenehmigung nicht ausgestellt ist. „Es ist, als hätte man Durst. Das Wasser ist da, aber man darf nicht trinken.“

Ein iranisches Sprichwort sagt, wenn alle Türen zu sind, öffnet sich irgendwo ein Fenster. Und er sieht es in viel Arbeit, lernt die Sprache, jobbt im Fast-Food-Restaurant und trainiert wie ein Wilder und leitet selbst Kurse im CSC.

Der 19. Gürtel im 19. Jahr des Contact Sport Clubs – es werden weiter folgen

„So etwas habe ich noch nicht gesehen. Er opfert alles dafür“, sagt Christian Schwäblein über den Fleiß seines 29-Jährigen. „Ich habe keine Angst“, sagte der von sich. Schnelle, harte Hände besitzt er sowieso. Und den unbeugsamen Willen, die eine Chance, die das Leben zu nutzen.

Ein deutscher Pass gehört dazu. Giahi hofft darauf, nachdem er anerkannt ist und ist denen dankbar, die geholfen haben; den Mitarbeiterinnen im Ministerium, den Leuten im CSC. Hinter dem Gürtel stünden viele Gesichter, sagt Karoo voller Dank.

Die WM-Krone des Verbandes WFMC stellt den 19. Gürtel für den CSC im 19. Jahr des Bestehens dar. Es werden weitere folgen, ist sich Christian Schwäblein sicher: „Karoo kann auf die große Bühne, er will es. Und er muss es.“

Und er kommt ihr bald einen weiteren Schritt näher. Am 23. März soll Mahmud Giahi bei der Fightnight in Jena um den EM-Titel der WKU kämpfen.

An der Wand im Studio ist noch Platz.