Berlin. Gefängnisse, Atomwaffen, Wohnheime für Geflüchtete. Das Unternehmen Serco breitet sich in Deutschland aus – Flüchtlingsräte warnen.

Ein Rüstungskonzern, der auch Gefängnisse betreibt, soll künftig mehr als hundert Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland übernehmen. Das britische Unternehmen Serco hatte Mitte Dezember die Firma „European Homecare“ (EHC) mit Sitz in Essen für 40 Millionen Euro aufgekauft. Die EHC ist der größte Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland und führt nach eigenen Angaben über 120 Unterkunftseinrichtungen für „Asylbegehrende, Geflüchtete, Wohnungslose und weitere vulnerable Personen“ in elf Bundesländern. Kritiker sehen die Entwicklung mit Sorgen.

Der Sächsische Flüchtlingsrat warnt vor den Zuständen in Sercos Flüchtlingsunterkünften und Abschiebegefängnissen. Das Unternehmen betreibt unter anderem Inselgefängnisse für Flüchtlinge im Pazifik vor Australien. Eine Reihe australischer Menschenrechtsorganisationen, darunter der „Refugee Council of Autralia“, hatten 2022 einen Bericht an die UN übergeben, in dem es um mutmaßliche Folter und Misshandlungen in den unter anderem von Serco betriebenen Einrichtungen des australischen Asylsystems ging. Auch Human Rights Watch und Amnesty International haben in diesem Zusammenhang Vorwürfe gegen Serco erhoben.

Serco: Kritik wegen schlechter Bedingungen in Unterkünften

Der Flüchtlingsrat Nordrhein-Westfalen drückt ebenfalls in einer Mitteilung seine Sorge über die Übernahme der EHC durch Serco aus. „Serco steht in der Kritik aufgrund der Bedingungen in von ihnen betriebenen Einwanderungshaftanstalten. Berichte beinhalten überfüllte Unterkünfte, mangelnde medizinische Versorgung und unzureichende Lebensbedingungen“, schreibt der Flüchtlingsrat NRW.

Auch auf dem Gelände der Deutschen Messe in Hannover betrieb „European Homecare“ 2023 eine Flüchtlingsunterkunft.
Auch auf dem Gelände der Deutschen Messe in Hannover betrieb „European Homecare“ 2023 eine Flüchtlingsunterkunft. © epd | Jens Schulze

EHC fusioniert nach der Übernahmen mit der Schweizer „Organisation for Refugee Services“ (ORS), die bereits seit 2022 Teil von Serco und der größte Flüchtlingsheimbetreiber in der Schweiz ist. Die ORS betreibt zudem um die 20 Unterkünfte in Deutschland, wie der Firmenwebseite zu entnehmen ist.

Sercor Group unter hundert größten Rüstungskonzernen

Serco selbst ist ein Dienstleistungsanbieter. 16 Jahre lang war das Unternehmen an der Wartung und Entwicklung von atomaren Sprengköpfen beteiligt. Die Aufgaben übernahm Serco in einem Joint Venture mit dem britischen Atomwaffenprogramm, das von Seiten Großbritanniens 2021 aufgelöst wurde. Deshalb stand Serco bis 2023 auf den Ausschlusslisten von mehreren Investoren, darunter des staatlichen norwegischen Pensionsfonds.

Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) machte die Serco-Gruppe 2021 29 Prozent ihres Umsatzes mit Rüstung. Damit liegt der Konzern auf Rang 61 der 100 größten Rüstungskonzerne der Welt. Erst im Dezember 2023 hat Serco nach eigenen Angaben einen Folgeauftrag in Höhe von 84 Millionen US-Dollar vom US-Verteidigungsministerium übernommen, im Bereich der Organisation und Planung des operativen Einsatzes der US-Luftstreitkräfte im Nahen Osten.

Geflüchteter tot aufgefunden nahe Serco-Unterkunft

Die gleichzeitige Betätigung im militärischen Bereich sowie im Asylbereich der Serco Group kritisiert der Sprecher des Sächsischen Flüchtlingsrats, Osman Oğuz, scharf: „Zuerst arbeiten sie an der Schaffung von Fluchtursachen durch Kriege, dann beteiligen sie sich am Einfangen und Abschieben von Geflüchteten an den Grenzen und schließlich betreiben sie die Unterkünfte für Geflüchtete – in jedem Schritt im staatlichen Auftrag.“

Tatsächlich ist Serco offenbar entlang des gesamten Fluchtweges geschäftlich aktiv. So führen private Serco-Sicherheitsfirmen Grenzkontrollen am Ärmelkanal im französischen Calais durch.
Tatsächlich ist Serco offenbar entlang des gesamten Fluchtweges geschäftlich aktiv. So führen private Serco-Sicherheitsfirmen Grenzkontrollen am Ärmelkanal im französischen Calais durch. © Getty Images | Carl Court

Der Name Serco ruft in Deutschland besonders schlimme Erinnerungen hervor. Im November vergangenen Jahres wurde der kurdische Geflüchtete Hogir A. erhängt im Wald hinter einer von Serco betriebenen Unterkunft aufgefunden. Von dem Heim in Kusel in Rheinland-Pfalz wurde Medienberichten zufolge drei Wochen lang jedoch keine Vermisstenmeldung aufgegeben.

Anmerkung der Redaktion

Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.

Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.