Weimar. Wirtschaftsforscher Michael Hüther sieht die deutschen Unternehmen unter Druck und ein schwindendes Potenzial an Erwerbstätigen.

Das verarbeitende Gewerbe in Deutschland schrumpft bereits seit mehr als zehn Jahren. „Vor allem die energieintensiven Betriebe in Deutschland stehen unter enormem Druck“, sagte der Wirtschaftsforscher und Direktor des Instituts der Wirtschaft Köln, Michael Hüther, auf dem Jahresempfang der Erfurter Wirtschaftskammern in Weimar.

Das sei ein großes Problem für die gesamte Wirtschaft, weil die energieintensiven Firmen immer die Treiber von Innovation und Fortschritt gewesen seien, warnte Hüther. „Wir brauchen die polychemische Industrie und die Stahlbranche und die Glasindustrie, denn ohne Glashersteller gehen nach wenigen Wochen die Fläschchen für den Babybrei aus“, so Hüther vor den 600 geladenen Gästen in der Weimarhalle.

Energiepreise und Verunsicherung belasten Unternehmen

Die weiterhin – im internationalen Vergleich – hohen Energiepreise in Deutschland führten zwangsläufig dazu, dass Unternehmen ihren Standort im Land in Frage stellten. Die Verunsicherung über die weitere Entwicklung münde zudem in eine viel zu geringe Investitionsneigung der Unternehmen, so Hüther.

Die deutsche Automobilindustrie stehe exemplarisch für die fortschreitende Verunsicherung. Erst habe man erklärt, voll auf die Elektromobilität umsteigen zu wollen, um jetzt doch wieder umzudenken und sich unentschlossen zu zeigen.

Gesellschaftliche Debatte über Arbeitszeiten

Die Hoffnungen vieler Ökonomen auf den privaten Konsum als Konjunkturmotor teile er nicht. Selbst angesichts sinkender Inflationsraten werde es noch lange brauchen, bis die Konsumenten das Vertrauen wieder erlangen und mehr Geld ausgeben, zeigte er sich überzeugt.

„Wir müssen eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, dass wir alle wieder länger arbeiten müssen“, erklärte Hüther. Daran gehe kein Weg vorbei. Das reiche von der Frage des künftigen Renteneintrittsalters über längere Wochenarbeitszeiten bis zu weniger Urlaubstagen für Beschäftigte.

Duale und akademische Ausbildung hinterfragen

Der Fachkräftemangel sei längst Realität, weil der Pillenknick der Vergangenheit sich speziell im Zeitraum zwischen 2025 und 2035 am Arbeitsmarkt bemerkbar macht. Erst nach 2035 entspanne sich die Lage dann wieder leicht.

Hinzu komme ein falsche Aufteilung zwischen dualer Ausbildung und Studium, bemängelte der Wissenschaftler. „Während es im Jahr 2000 noch 622.000 Auszubildende und 315.000 Studenten in einem Jahrgang gab, waren es im letzten Jahr nur noch 481.000 Auzubildende und 479.000 Studenten“, belegte Hüther den Trend mit Zahlen.

Öffentliche Infratruktur wird verschlissen

Die Idee, gegen den Klimawandel auf steigende Preise für die Erzeugung von Kohlendioxid zu setzen, habe sich nur teilweise bewährt, kritisierte Hüther. Lediglich ein gutes Fünftel des weltweiten Kohlendioxidausstoßes werde bepreist, das führe zur Verlagerung von Arbeit in andere Länder, in denen es nichts kostet.

Kritik übte der Experte auch an den Kürzungen der Ausgaben von Bund, Ländern und Kommunen bei den Investitionen für die öffentliche Infrastruktur. „Rund 600 Milliarden Euro fehlen dabei“, so Hüther. So werde das Bahnnetz, entgegen anderslautender Ankündigungen, immer schlechter. „Wir verschleißen unsere Infrastruktur, um die Schuldenquote einhalten zu können“, sieht Hüther auch dies als einen „Sündenfall“ gegenüber der nächsten Generation.