Gasversorgung

Ukraine-Konflikt: So drastisch könnte die Inflation steigen

Alexander Klay
| Lesedauer: 6 Minuten
Baerbock kündigt "Paket mit massivsten Sanktionen gegen Russland" an

Baerbock kündigt "Paket mit massivsten Sanktionen gegen Russland" an

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat mit Blick auf den Angriff Russlands auf die Ukraine ein "Paket mit massivsten Sanktionen gegen Russland" angekündigt. Noch im Laufe des Donnerstags werde im Rahmen der EU, der Nato und der G7-Gruppe darüber beraten, sagte Baerbock in Berlin.

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Berlin.  Wegen des Ukraine-Konflikts könnte Erdgas teurer werden. Das sind die drastischen Folgen der Krise für Verbraucher in Deutschland.

  • Steigende Rohstoff-Preise heizten bereits in den vergangenen Monaten die Inflation in Deutschland an
  • Nun ist der Ukraine-Konflikt eskaliert und in Europa tobt ein Krieg
  • Das könnte weitere Auswirkungen auf die Preise in Deutschland und die Inflation haben

Eine warme Wohnung ist für immer mehr Menschen in diesem Winter zu einer finanziellen Belastung geworden. Gaspreise auf Rekordniveau treiben die Heizrechnung in die Höhe. Die Energiekosten gelten auch als Hauptgrund für die besonders hohe Inflation: Im Januar lagen die Verbraucherpreise um 4,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Der Ukraine-Konflikt könnte die Situation nun noch weiter verschärfen.

Das zeigen Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die unserer Redaktion exklusiv vorliegen. Engpässe bei Gaslieferungen aus Russland könnten Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland teuer zu stehen kommen – die Inflation könnte auf bis zu sechs Prozent steigen.

IW-Experten haben dafür zwei denkbare Szenarien untersucht. Das eine: Der bislang erwartete Rückgang der hohen Gaspreise fällt wegen der Zuspitzung der Ukraine-Krise aus. Bislang nehmen Fachleute an, dass der Energieträger bis Ende 2022 ein Viertel weniger kostet als Ende vergangenen Jahres. Bis Ende 2023 erwarten sie einen Rückgang um die Hälfte.

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Auch 2023 bliebe eine Entspannung aus

Allein das Szenario mit stagnierenden Gaspreisen würde in diesem Jahr die Inflationsrate um zusätzliche 0,7 Prozentpunkte steigen lassen. Im kommenden Jahr würde die Teuerungsrate sogar um 2,3 Punkte höher ausfallen.

Das andere, weitaus drastischere Szenario: Es kommt aufgrund einer Eskalation der Ukraine-Krise zu einem Preisanstieg um weitere 50 Prozent. Das könnte etwa der Fall sein, wenn Russland im Streit mit dem Westen den Gashahn teilweise oder ganz zudreht. Dann würde die Inflationsrate in diesem Jahr um 2,5 Punkte höher ausfallen als erwartet, 2023 dann um 2,8 Punkte.

Bislang geht die Bundesbank in ihrer jüngsten Prognose davon aus, dass die Verbraucherpreise in Deutschland in diesem Jahr um 3,6 Prozent und um 2,2 Prozent im kommenden Jahr steigen. Zusammengerechnet ergäbe das im schlimmsten Fall eine Inflationsrate von 6,1 Prozent in diesem Jahr. Und 2023 gäbe es mit einer Teuerungsrate von 5,0 Prozent ebenfalls keine Entspannung bei den Verbraucherpreisen.

Deutschland braucht immer mehr Gas aus Russland

Grund für die Berechnungen ist die hohe Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas. Etwa die Hälfte des deutschen Bedarfs fließt über verschiedene Pipelines aus Russland. Im Jahr 2020 waren es rund 56 Milliarden Kubikmeter. Tendenz steigend. Der Rest kommt aus Norwegen und den Niederlanden und zu etwa fünf Prozent aus einheimischen Vorkommen. Die Quellen in Deutschland und dem Nachbarland versiegen jedoch zunehmend.

Brisanz hat das Thema zudem, weil die deutschen Gasspeicher derzeit so leer sind wie nie – die unterirdischen Kavernen sind nur noch zu rund 30 Prozent gefüllt. Dreht Russland den Gashahn zu, reicht das nach Einschätzung der Bundesregierung noch, um durch den Winter zu kommen.

Eine Alternative wäre der Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) per Schiff. Spezialschiffe könnten den wichtigen Energieträger etwa aus Katar oder den USA anliefern. Doch an deutschen Häfen fehlt dafür bislang die passende Infrastruktur.

Beim Import wäre Deutschland auf die Niederlande, Polen und Italien angewiesen. Über Pipelines sind sie mit dem deutschen Gasnetz verbunden. Doch auch das würde kaum zu sinkenden Heizkosten führen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat am Mittwoch im Deutschlandfunk bereits vor steigenden Gaspreisen gewarnt.

Putin will Lieferungen nicht einstellen

Wie realistisch sind diese Szenarien? Dazu gibt es bereits auf russischer Seite zwei Lesarten. Präsident Wladimir Putin hat beteuert, sein Land werde die Gaslieferungen ins Ausland trotz der schweren Krise mit dem Westen nicht einstellen. „Russland beabsichtigt, die ununterbrochenen Lieferungen dieses Rohstoffs, einschließlich des Flüssiggases, an die Weltmärkte fortzusetzen.“

Zudem hatte er die Erwartung geäußert, dass eine rasche Inbetriebnahme der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 zu einer deutlichen Entspannung der Gaspreise führen werde. Doch die Bundesregierung hat am Dienstag einen Stopp der Zertifizierung des umstrittenen Projekts angekündigt.

Nur Stunden später drohte aber der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew mit stark steigenden Gaspreisen in Europa. „Nun gut, herzlich willkommen in der neuen Welt, in der die Europäer bald 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen“, spottete Medwedew am Dienstag.

Aktuell liegt der Preis mit 940 Dollar (828 Euro) auf Rekordniveau. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate ist der Preis für Gas für Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland bereits um rund 30 Prozent gestiegen.

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Auch die Erholung der Wirtschaft wäre betroffen

Doch nicht nur auf die Inflation würde sich eine Gas-Krise spürbar auswirken, heißt es in der IW-Analyse. Im Gegenzug für die höheren Preise für den Energieträger würden Wirtschaftswachstum und privater Konsum spürbar zurückgehen.

Bleibt der Gaspreis auf dem aktuellen Niveau, falle das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um 0,2 Prozentpunkte geringer aus, 2023 dann um 0,7 Punkte. Bei einem Preisanstieg um 50 Prozent wären die Folgen ungleich drastischer: Das Bruttoinlandsprodukt würde in diesem Jahr um 0,6 Punkte geringer ausfallen, 2023 um 1,4 Punkte.

Damit würde die deutsche Wirtschaft bei der Erholung aus dem tiefen Einbruch der Corona-Pandemie einen deutlichen Rückschlag erleiden. 2020 war die Wirtschaftsleistung um 4,6 Prozent gesunken. Im vergangenen Jahr fiel die Erholung mit 2,8 Prozent geringer aus als erwartet.

Wegen der Omikron-Variante des Coronavirus sind auch die Prognosen für dieses und das kommende Jahr reduziert worden – das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet nur noch ein Plus von 3,0 Prozent für dieses Jahr, beziehungsweise 2,9 Prozent für 2023, hieß es am Mittwoch.