Anzeige

„Wundermittel gibt es nicht“

Knochenfraß Osteoporose – jede fünfte Frau und jeder achte Mann bekommt im Laufe des Lebens Probleme mit der Knochendichte. Prof. Dr. med. Olaf Kilian, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Zentralklinik Bad Berka, über die Diagnose, Therapien, Stress und gefährliche „Wundermittel“.

Foto: Zentralklinik Bad Berka

Bei Osteoporose denkt man an ältere Frauen – welche Risikogruppen gibt es noch?

Osteoporose ist natürlich kein reines Frauenthema aufgrund der Hormonumstellung, sondern betrifft auch Menschen, die an Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes, Darmerkrankungen und neurologischen Krankheiten, wie zum Beispiel Epilepsie oder Alzheimer, leiden. Für uns ist wichtig, das Risiko des Knochenabbaus und eines möglichen Knochenbruches einzuschätzen und dazu gehören diese Nebenerkrankungen auch.

Wie stellen Sie fest, dass die Knochendichte abgenommen hat?

Die gründliche Anamnese ist wichtig, Fragen nach spezifischen Schmerzen. Veränderung des Wohlbefindens, Nebenerkrankungen. Ein Indiz ist beispielsweise eine Verminderung der Körpergröße. Die technischen Möglichkeiten sind auch groß, zum Beispiel die Messung der Knochendichte über ein spezielles Röntgenverfahren, die sogenannte DXA. Dabei können wir wichtige Erkenntnisse gewinnen. Zusätzlich benötigen wir auch spezielle Laborwerte, um genaue Daten zu haben.

Viele Menschen wollen vorbeugen, indem sie sich kalziumreich ernähren. Ist das sinnvoll?

1000mg Kalzium am Tag erreichen wir alle mit ganz normaler Ernährung, Ausnahmen sind die Patienten, die Nebenerkrankungen haben und spezielle Diäten einhalten müssen. Nimmt man zu viel Kalzium auf, wird es einfach ausgeschieden. Das größere Problem ist das Vitamin D, das den Kalziumeinbau und die Kalziumaufnahme steuert. Vitamin D wird zu 80 Prozent über die Haut hergestellt, nur zu 20 Prozent über Nahrung. Vitamin D ist zum Beispiel in fettreichem Fisch, Austern, Haferflocken, Buttermilch, Eiern, Steinpilzen und Süßkartoffeln enthalten. Wir sehen häufig bei Osteoporosepatienten einen Mangel an Vitamin D, den wir dann nur medikamentös ausgleichen können.

Kaffee, Tee, Erfrischungsgetränke mit Phosphorsäure, Rhabarber, Fertigprodukte, kurzkettige Kohlenhydrate - raten Sie davon ab?

Nikotin ist viel schlimmer, denn es hat einen sehr großen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel. Langzeitraucher haben ein deutlich höheres Risiko, Osteoporose zu bekommen. Alkohol spielt sicher auch keine gute Rolle, wobei das sicher abhängig von der Menge ist. Als Orthopäde kann ich sagen: bis 20g pro Tag ist alles gut, das sind 2 Gläser Wein. Mehr davon hat sicher auch einen negativen Einfluss. Für die anderen Substanzen beziehe mich auf die aktuelle Datenlage. Wir Schulmediziner wollen Nachweise für Effekte haben und die sind für grünen Tee, Kaffee, Folsäure in der Entstehung einer Osteoporose nicht gesichert..

Als Wundermittel gegen den Knochenfraß werden Hormone gehandelt, so z. B. DHEA. Was halten Sie davon?

Das ist ein heikles Thema. Die Substanz wird in einigen Publikationen als Wundermittel gehandelt, weil sie Östrogen- und Testosteron bildend wirken soll. Ich warne vor der unkontrollierten Einnahme. Diese Präparate sind in Deutschland nicht zugelassen. Es gibt bereits Studien, die Zusammenhänge zwischen diesen Hormongaben und Tumorerkrankung hergestellt haben.

Bewegung spielt auch bei der Therapie von Osteoporose eine Rolle, welche Sportarten empfehlen Sie?

Natürlich sind Sportarten gut, die ein geringes Sturzrisiko haben. Es geht darum, Muskulatur aufzubauen und zu kräftigen. Dabei ist Freiluftsport wegen der Vitamin-D-Bildung besser. Joggen, Walken, Radfahren sind günstiger als Kontaktsportarten und selbst bei den Patientinnen und Patienten, die schon ein hohes Alter haben gilt: nicht nur liegen und den Weg zwischen Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer zurücklegen, sondern auch gegebenfalls mit Rollator laufen oder auch mit einem Rückenprotektor jeden Tag in Bewegung bleiben.

Wie hoch ist das Risiko Osteoporose zu bekommen, wenn im Kindesalter eine Rachitis-Erkrankung durchlebt wurde?

Man kann nicht sagen, dass jeder, der eine Rachitis hatte, auch Osteoporose entwickelt hat. Zudem hat man diese Erkrankung In Deutschland gut im Griff. Alle Säuglinge bekommen ja die Vitamin-D-Gaben als Prophylaxe.

Welche Rolle spielt Stress?

Bei Stress steigt natürlich der Cortisolspiegel. Wir wissen auch, dass Menschen, die über einen längeren Zeitpunkt hohe Dosen von Cortison im Rahmen einer Behandlung aufgenommen haben, ein höheres Risiko für eine Osteoporose haben. Doch der Stress im Alltag führt nicht zu einer solchen hohen Belastung, so lange regt sich keiner auf.

Herzlichen Dank für diesen Einblick! HIER geht es zum Gesundheitspodcast.