Stimmungstief

Traurig im Herbst: Was gegen den Winterblues hilft

Berlin.  Viele Menschen leiden im Herbst und Winter unter einem Winterblues. Was man tun kann und wie man den Unterschied zur Depression erkennt.

Im Herbst und Winter leiden viele Menschen unter einem Winterblues.

Im Herbst und Winter leiden viele Menschen unter einem Winterblues.

Foto: SanderStock / iStock

Trübe Tage, trübe Stimmung. Draußen nieselt der Regen, drinnen macht sich die Erschöpfung breit. Es ist die Zeit für das psychische Stimmungstief, das fast ein Viertel der Männer und mehr als ein Drittel der Frauen hierzulande in den kalten und dunklen Monaten des Jahres erfasst.

Sie sind müde, die Lust auf Süßes und Kohlenhydrate kennt keine Grenzen, die Launenhaftigkeit auch nicht. Winterblues, sagt der Volksmund dazu. Doch die Freud- und Antriebslosigkeit, meinen Experten, kann auch Ausdruck einer Winterdepression sein, einer sogenannten saisonalen affektiven Störung, die sich – passend zum Stimmungsbild – mit SAD (engl. für traurig) abkürzt.

Symptome von Winterblues und Winterdepression ähneln sich

Winterblues, Winterdepression – gemeinsam sind ihnen die Symptome, sagt der Psychiater Dr. Evangelos Karamatskos. „Die Menschen sind energielos, empfinden weniger Freude und ziehen sich zurück“, so der Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Manche fingen grundlos an zu weinen, hätten Probleme mit der Konzentration, einen erhöhten Schlafbedarf und vermehrt Hungerattacken. „Aber im Unterschied zu einer saisonalen Depression können die Menschen mit einem Winterblues trotz des Stimmungstiefs noch ganz gut funktionieren und ihren Alltag bewältigen“, sagt Karamatskos. Die Grenze verlaufe bei Anzahl und Stärke der Symptome.

Was man über Depressionen wissen muss

Fehlendes Licht spielt bei der Entstehung eine Rolle

Vor allem das fehlende Licht in den dunkler und immer dunkler werdenden Herbst- und Wintermonaten spielt wohl eine Rolle bei der Entstehung von SAD und Stimmungstiefs. Wir fahren morgens im Dunkeln zur Arbeit und kehren in der Dunkelheit zurück. Dazwischen: Büro, Mittagspause in der Kantine – draußen ist es ja so ungemütlich.

Aber das Licht ist unser Taktgeber, es organisiert unseren Schlaf-wach-Rhythmus, unser Leben. „Noch können wir keine eindeutige biochemische Erklärung für die Entstehung der SAD liefern“, sagt Professor Martin Walter, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Jena. „Aber wir wissen, dass fehlendes Licht eine Rolle spielt.“

Geografische Daten bestätigen das. So steigt die Zahl der Diagnosen, je weiter man auf der Erdhalbkugel nach Norden wandert. „Im Norden Finnlands sind bis zu 30 Prozent der Bevölkerung von einer saisonalen Depression betroffen“, so Walter.

Licht sorgt für Produktion des Glückshormons

Eine Erklärung dafür sieht so aus: „Über die Netzhaut der Augen gelangt das Licht ins Gehirn und sorgt für die Produktion bestimmter Botenstoffe“, sagt Walter. Besonders das Serotonin, das viele als Glückshormon kennen, sorge dann dafür, dass wir wach und aufmerksam sind.

Gleichzeitig hemmt das Licht die Produktion des Hormons Melatonin, das uns abends bei Dunkelheit einschlafen lässt und dann wieder abgebaut wird. Nur im Winter bleibt der Melatonin-Spiegel auch tagsüber erhöht – die Müdigkeit will einfach nicht weichen.

Ob der erhöhte Melatonin-Spiegel auch Einfluss auf die Stimmung hat, wird jedoch noch erforscht. Hinweise darauf gibt es – so sei ein modernes Antidepressivum, das auf den Melatonin-Spiegel wirkt, sehr wirksam, sagt Karamatskos. „Aber das Melatonin-System ist sehr komplex – und wir haben es noch nicht zu 100 Prozent verstanden.“

10.000 Lux: Tageslichtlampen helfen bei Winterblues

Doch immerhin das weiß die Wissenschaft: Licht ist das beste Rezept gegen einen Winterblues. „Gehen Sie draußen spazieren“, rät Evangelos Karamatskos. Wenn es geht, ein bis zwei Stunden jeden Tag. Aber der Spaziergang in der Mittagspause helfe ebenfalls, auch bei bedecktem Himmel.

Zusätzlich gibt es spezielle Lampen, die das Sonnenlicht imitieren. „Für die Lichttherapie können sich Betroffene jeden Tag am besten vormittags 30 bis 60 Minuten vor eine Tageslichtlampe mit 10.000 Lux setzen“, so Karamatskos. Er rät Menschen, die anfällig für einen Winterblues sind, bereits damit anzufangen, wenn die Tage kürzer werden. In Skandinavien, erzählt er, gebe es in Unternehmen sogar spezielle Lichträume für die Mitarbeiter.

Ein anderer Risikofaktor für den Winterblues, der diskutiert wird, sei ein Mangel an Vitamin D, sagt Martin Walter. Es hätte sich gezeigt, dass sich das Stimmungstief bessern kann, wenn die Betroffenen das Vitamin, das der Körper mit Hilfe von UV-Strahlung bildet, künstlich einnehmen, bestätigt Karamatskos. „Aber das sollte man unbedingt zunächst mit dem Hausarzt abklären.“

Eine Winterdepression muss behandelt werden

Auch bei einer saisonalen Depression können Licht und Vitamin D helfen. Doch anders als das vorübergehende Stimmungstief ist SAD eine Erkrankung, die behandelt werden muss. „Halten die Symptome über zwei Wochen an und treten sie vielleicht sogar schon das zweite Jahr in Folge auf, sollte man zum Arzt gehen“, so Walter von der Uniklinik Jena.

Viele Depressionen würden nicht erkannt, sagt er, „besonders saisonale“. Zwar habe sich die Akzeptanz von Depressionen in der Gesellschaft verbessert, weiß Walter, doch noch immer gebe es bei den Betroffenen ein Schamgefühl. „Dann nennen sie es einfach Winterblues, obwohl es in Wirklichkeit eine Depression ist.“ Helfen könne bei einer Winterdepression ein Psychotherapeut, vielleicht sogar ein Psychiater, der ein Medikament verschreibt, sagt Walter.

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Evolutionärer Grund für die Antriebslosigkeit

Für Menschen mit einer Neigung zum winterlichen Stimmungstief gelte vor allem: Aktiv bleiben, sozialen Rückzug vermeiden, Sport machen und ein gutes Stressmanagement betreiben, so Evangelos Karamatskos vom UKE. Denn auch wenn einige Wissenschaftler vermuten, es liege ein tieferer Sinn in der vorübergehenden Antriebslosigkeit und die Evolution habe sich etwas dabei gedacht, dass der Mensch in den dunklen und kalten Monaten einige Gänge zurückschaltet – am nächsten Morgen wartet eben doch das Leben.

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