Berlin. Vor 35 Jahren waren die Proteste gegen die Volkszählung groß. Diesmal regen sich nur wenige auf. Was man über den Zensus wissen sollte.

1987. Volkszählung. Ein ganzes Volk rebelliert gegen den „gläsernen Bürger“ in einem „Überwachungsstaat“. Viele Menschen proben den Aufstand. Proteste und Demonstrationen erschüttern die Republik. Gezählt wird trotzdem.

Laut Vorgabe der EU hätte Deutschland auch 2021 sein Volk erneut zählen müssen. Mittlerweile sind die Mitgliedstaaten alle zehn Jahre dazu verpflichtet. Doch die Pandemie hat es verhindert. Der sogenannte Zensus startet jetzt mit einem Jahr Verspätung – am 15. Mai. Proteste gibt es heute kaum.

„Der Zensus ermittelt präzise Bevölkerungszahlen“, erläutert Stefan Dittrich, Projektleiter vom Statistischen Bundesamt. Ermittelt würden zudem die Bevölkerungsstruktur sowie die Wohn- und Erwerbssituation der Einwohner in Deutschland. Für die Politik in Bund, Ländern und Gemeinden sind die Ergebnisse in vielerlei Hinsicht wichtig. Sie bilden die Grundlage für Planungen, etwa der Infrastruktur – Kindergärten, Schulen, Straße. Bis sie genau wissen, wie viele Menschen in jeder Gemeinde leben, wird allerdings noch Zeit vergehen. „Es ist unser erklärtes Ziel, dass wir im November 2023 die Ergebnisse veröffentlichen“, sagt Dittrich.

Volkszählung 2022: Rund 30 Millionen Menschen werden befragt

Die Untersuchung ist dabei in mehrere Blöcke gegliedert. Die Ämter werten ihre registrierten Daten über die Bevölkerung aus. Das sind etwa jene der Meldestellen oder Finanzämter, aber auch der Ver- und Entsorger. Doch diese Informationen allein reichen für ein realistisches Bild nicht aus. Weil sich einige Bürgerinnen und Bürger womöglich am neuen Wohnort nicht angemeldet haben. Die Daten müssen daher um Fehlerquellen bereinigt werden.

Für eine verlässliche Datenbasis werden ab Mitte Mai rund 30 Millionen Menschen befragt. 10,2 Millionen Haushalte werden ausgewählt und angeschrieben. Sie müssen Auskunft über ihre Wohnverhältnisse geben. Ein Teil der Menschen wird zudem nach Bildung und Erwerbsleben befragt. Überdies bekommen 300.000 Bewohnerinnen von Wohnheimen einen Brief. Auch die Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen sollen Auskunft geben. Allerdings übermitteln hier die Heimleitungen die Informationen.

Die größte Gruppe der Befragten stellen die etwa 23 Millionen Eigentümer von Wohnungen oder Häusern. Sie müssen Auskunft geben über etwa 19 Millionen Wohngebäude mit 41 Millionen Wohnungen. Ihre Namen werden nach Ende der Erhebung gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte, etwa das Finanzamt, ist gesetzlich verboten. Lesen Sie auch:Wie viele Einwohner hat Deutschland eigentlich?

Experte rechnet mit nur wenigen Verweigerern

Rund 100.000 freiwillige Helfer kümmern sich um die Interviews. Sie kündigen sich immer postalisch an, nie telefonisch. Nur in Ausnahmefällen tauchen sie dann auch wirklich an der Haustür auf. Dann müssen sie sich mit einem offiziellen Zensus-Dokument ausweisen, das nur zusammen mit einem amtlichen Lichtbildausweis gültig ist.

In die Wohnung hineinlassen muss man die Zensus-Interviewer nicht. Befragte können das längere Interview entweder an der Tür oder auch online durchführen. Hierzu bekommen sie persönliche Online-Zugangsdaten. Zur Antwort wiederum sind die Bürgerinnen und Bürger verpflichtet. Wer sich weigert, muss mit einer noch nicht festgelegten Ordnungsstrafe rechnen. Im Gespräch ist ein Betrag von 200 oder 300 Euro.

Michael Fürnrohr allerdings, Projektleiter Zensus beim Bayerischen Landesamt für Statistik, rechnet nur mit einem kleinen Anteil an Verweigerern. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2011 habe er im Promillebereich gelegen, sagt er.

2011 gab es Überraschungen

Auch damals hatte die Volkszählung für einige Städte und Gemeinden eine große Abweichung zu der angenommenen Zahl der Einwohner ergeben. Besonders dramatisch war die Lage in Berlin. Die Hauptstadt verlor rund 5,2 Prozent, also knapp 180.000 ihrer Einwohner, direkt gefolgt von Hamburg mit einem Verlust von 4,6 Prozent und damit etwa 83.000 Einwohnern. Im Vergleich lagen diese Verluste damit deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt, der ein Minus von 1,8 Prozent aufwies.

Richtig überraschend waren auch die Zahlen der in Deutschland lebenden Ausländer: Fast 15 Prozent, also 1,1 Millionen weniger Ausländer lebten damals in der Bundesrepublik als angenommen. Besonders signifikant waren die Abweichungen in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Gleichfalls überraschend war der hohe Anteil von Personen deutscher Staatsangehörigkeit, die einen Migrationshintergrund haben, nämlich etwa neun Millionen Menschen, was einem Anteil von 12,3 Prozent aller Deutschen entsprach.

Ähnlich große Überraschungen erwarten die Volkszähler diesmal nicht, da der Abstand zum letzten Zensus weitaus kürzer ist als beim letzten Mal. Da lag die letzte Erhebung immerhin schon 24 Jahre zurück.

Gelder und Gehälter: Vom Zensus hängt einiges ab

Dass die Bevölkerungsstatistik hier und dort für lange Gesichter sorgen kann, hat handfeste Gründe. Denn an den Zahlen hängen viele wichtige Entscheidungen. So orientiert sich zum Beispiel der Länderfinanzausgleich an der Einwohnerzahl. Hat eine Stadt plötzlich viel weniger Bewohner als vermutet, gibt es weniger Geld aus dem Topf.

Bei kleinen Gemeinden macht sich eine Abweichung bei der Einwohnerzahl schnell bei den Steuereinnahmen bemerkbar. Und auch die Bürgermeister sehen den Ergebnissen wohl mit gemischten Gefühlen entgegen: Ihr Gehalt hängt auch mit von der Einwohnerzahl ab.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.