Corona-Lockdown

Containerstau in Shanghai: Wird jetzt alles noch teurer?

Alexander Klay, Beate Kranz und Fabian Kretschmer
| Lesedauer: 6 Minuten
Lockdown in Shanghai: Behörden vermelden weitere Corona-Tote

Lockdown in Shanghai- Behörden vermelden weitere Corona-Tote

Seit Beginn des Lockdowns in Shanghai ist die Zahl der Corona-Toten dort auf mindestens zehn gestiegen. Die Metropole ist seit Ende März abgeriegelt. Etwa 25 Millionen Menschen dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen.

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Shanghai/Berlin.  Vor Shanghai warten Hunderte Frachtschiffe auf Ladung – auch für Deutschland. Macht der Corona-Stillstand in China alles noch teurer?

Wer die Auswirkungen des weltweit größten Corona-Lockdowns begreifen möchte, braucht nur einen Blick aufs Online-Schiffsradar werfen. Vor der chinesischen Ostküste hat sich ein Stau an Container-Frachtern gebildet, der aus der Vogelperspektive wie eine riesige Ameisenkolonie aussieht. Über 300 Schiffe stecken in den Gewässern rund um Shanghai fest.

Sie können nicht am weltweit größten Umschlagplatz für Container anlegen. Wenn man den benachbarten Hafen in Ningbo mit einberechnet, stauen sich sogar über 450 Frachter.

Bereits seit Ende März steht Chinas wichtigste Wirtschaftsmetropole de facto still. Die meisten der über 25 Millionen Einwohner sind in ihre Wohnungen eingesperrt, Geschäfte geschlossen, die Straßen gespenstisch leer. Auch die Produktion in den meisten Fabriken liegt brach – es sei denn, die Unternehmen können den rigiden Maßnahmen entsprechen. Diese sehen vor, dass Arbeiterinnen und Arbeiter das Firmengelände nicht mehr verlassen dürfen. Auch nicht zum Schlafen.

Hapag-Lloyd transportiert 50 Prozent weniger Waren aus Shanghai

Zumindest der Hafen, das haben die Behörden stets betont, würde unter keinen Umständen stillgelegt. Große Pro­bleme bereitet dagegen der Transport der Waren von und zu den Fabriken im Hinterland – es fehlt an Fahrern und Sondergenehmigungen fürs Entladen der Waren. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel hat im April einen Einbruch der Abfahrten von Containerladung um 30 Prozent registriert.

Der Containerhafen von Shanghai ist mit einem jährlichen Umschlag von zuletzt 47 Millionen Standardcontainern (TEU) der wichtigste auf der Welt, und damit für Wirtschaft und Verbraucher in Europa von immenser Bedeutung. Die unterbrochenen Lieferketten machen Material und Produkte aus China hierzulande noch knapper, als dies in den vergangenen Monaten schon der Fall war.

So transportiert die größte deutsche Reederei Hapag-Lloyd aktuell etwa 50 Prozent weniger Produkte aus der Region Shanghai, "weil Fabriken geschlossen sind oder Produkte nicht hergestellt werden können", sagt André Stellmann, Direktor für den Fernen Osten.

Störungen in Shanghai bleiben noch monatelang zu spüren

Der Verband Deutscher Reeder (VDR) beziffert die Wartezeiten in Shanghai auf "zwischen einigen Tagen und einer Woche". Weltweit seien heute so gut wie alle Containerschiffe wieder im Einsatz. "Die Folgen wird der Welthandel noch länger spüren. Jeder Stau im Hafen wirkt somit unmittelbar verzögernd auf den globalen Handel über See", sagt VDR-Geschäftsführer Martin Kröger. Mehr zum Corona-Lockdown in Shanghai: "Wo ist die Partei jetzt?"

Besorgt zeigt sich auch VDR-Präsidentin Gaby Bornheim: "Die maritimen Lieferketten waren schon vor dem Lockdown in Shanghai angespannt, nun befürchten wir weitere Verzögerungen im Seetransport." Die Linienreedereien täten alles in ihrer Macht stehende, um die ohnehin in der Pandemie enorm gestiegenen Ladungsmengen zügig zu transportieren.

"Doch wenn der größte Containerhafen der Welt verstopft und Schiffe lange auf einen Liegeplatz warten müssen, dann sind sie letztlich auch machtlos und können Verzögerungen im Warenaustausch nicht verhindern", sagt Bornheim.

Wirtschaftsvertreter blicken mit Sorge auf die Lage. "Die Schockwellen, die der Stillstand hier auslöst, sind noch gar nicht im vollen Umfang fassbar", sagt Maximilian Butek, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Shanghai, unserer Redaktion. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in der Welt – und Shanghai mit rund einem Viertel der nationalen Wirtschaftsleistung eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren des Landes.

Zwei Drittel der in China aktiven deutschen Unternehmen befinden sich in Shanghai und den umliegenden Regionen, berichtet der Chefrepräsentant der deutschen Außenhandelskammer (AHK) in Shanghai. Etwa 70 Prozent hätten Produktionsstätten in China – insbesondere Unternehmen aus den Bereichen Automobil, Maschinenbau, Chemie, IT, Pharmazie und Dienstleistungen.

Butek zitiert aus einer aktuellen AHK-Umfrage unter den Unternehmen vor Ort: Demnach seien vor allem die Lieferketten wegen des aktuellen Covid-19-Ausbruchs stark beeinträchtigt. "Das gilt sowohl für die vorgelagerte Lieferkette, weil Rohstoffe oder Vorprodukte nicht verfügbar sind oder nicht geliefert werden können, als auch den Transport von produzierten Gütern aus den Produktionen zum Kunden."

Warum Verbraucher künftig wohl mehr bezahlen müssen

Je länger der Lockdown in Shanghai anhalte, desto stärker seien die Einschränkungen und Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft, globale Lieferketten und den internationalen Handel, sagt Butek. "Nach unserer Auffassung werden Monate vergehen, um die Störungen in den Lieferketten zu beheben."

Unternehmen würden jetzt eine Diversifizierung in China prüfen, sodass sie künftig auf verschiedene Produktionsstandorte zugreifen können. "Dies würde die Kosten für Unternehmen und am Ende für Konsumenten erhöhen."

Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), rechnet ebenfalls nicht mit rascher Entspannung. Im Gegenteil. Sollte Chinas Corona-Strategie an ihre Grenzen stoßen, werde sich die Lage weiter verschärfen.

"Lieferungen werden sich verzögern oder ausbleiben und die Transportkosten werden weiter ansteigen", sagt Jandura unserer Redaktion. "Die Preissteigerung feuert die Inflation an und wird zudem natürlich auch entlang der Lieferkette weitergegeben – am Ende spürt das auch der Verbraucher."

Das Risiko immer größerer Lockdowns in China sieht auch der Vizepräsident des IfW Kiel, Stefan Kooths. "Zudem ist es möglich, dass sich die schwelende Immobilienkrise in China verschärft und auf die übrige chinesische Wirtschaft und andere Länder überschwappt", warnt er. "Frühestens für die zweite Jahreshälfte rechnen wir derzeit mit einem Abflauen der Corona-Krise auch in China und mit einem allmählichen Rückgang der Energie- und Rohstoffpreise."