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Start-ups: Warum es so wenig Gründerinnen gibt

Carlotta Richter
| Lesedauer: 8 Minuten
2018 gründeten Kati Ernst und Kristine Zeller ihr Start-up Ooia. Doch Investoren fanden sie keine - auch aufgrund ihres Geschlechts.

2018 gründeten Kati Ernst und Kristine Zeller ihr Start-up Ooia. Doch Investoren fanden sie keine - auch aufgrund ihres Geschlechts.

Foto: Ooia/Jonas Wresch

Berlin  Das Start-up-System ist männlich. Nur knapp 18 Prozent derjenigen, die in Deutschland ein Start-up gründen, sind Frauen. Woran liegt das?

Als Kati Ernst und Kristine Zeller im Jahr 2018 ihr Start-up Ooia gründeten, hatten sie einen klaren Plan. Beide hatten viele Jahre Berufserfahrung und kannten sich im Bereich Mode und Textilwirtschaft aus. Außerdem hatten sie eine Marktlücke in Deutschland erkannt: Periodenunterwäsche gab es bis dahin nur in den USA. Doch Startkapital wollte ihnen trotzdem kein Investor geben.

„Es gibt weiterhin in vielen Teilen des Wirtschaftsgeschehens eine systematische Diskriminierung von Frauen – auch im Bereich der Start-ups –, auch wenn diese meist nicht bewusst oder gewollt ist“, sagt Kati Ernst. Trotz ihrer Berufserfahrung sei ihnen immer wieder die Gründungskompetenz abgesprochen worden, erzählt Ernst. Am Ende entschieden sich die beiden Gründerinnen, auf Investoren zu verzichten – aufgrund der Erfahrungen, die sie bei der Suche nach Kapitalgebern machen mussten.

Frauenanteil steigt um 1,8 Prozentpunkte

Wer in Deutschland ein Start-up gründet, ist im Durchschnitt 36 Jahre alt, hat in der Regel einen akademischen Abschluss – und ist männlich. Zumindest laut dem aktuellen Deutschen Startup Monitor, der jedes Jahr vom Bundesverband Deutsche Startups und der Beratungsgesellschaft PwC herausgegeben wird. Nur 17,7 Prozent derjenigen, die den Schritt der Start-up-Gründung wagen, sind Frauen.

Immerhin zeigt die Studie mit 1,8 Prozentpunkten einen erkennbaren Anstieg der Gründerinnen im Vergleich zum Vorjahr – von Gleichstellung ist dieses Ergebnis allerdings noch weit entfernt. Trotz der Steigerung, so heißt es in dem Bericht, seien Frauen „im Start-up-Ökosystem deutlich unterrepräsentiert“, und es werde „nur ein Bruchteil des vorhandenen Potenzials ausgeschöpft“.

Stereotype Rollenbilder mit großem Einfluss

Die Gründe für diese Diskrepanz sind vielfältig, ihren Ursprung haben sie in den soziokulturellen Strukturen und immer noch existierenden stereotypen Geschlechterrollen in der Gesellschaft. „Nach wie vor werden Frauen und Männern von klein auf bestimmte Eigenschaften zugeschrieben“, sagt Alexander Hirschfeld. Der Soziologe ist Mitherausgeber des Female Founders Monitor, einer Studie des Bundesverbands Deutsche Startups zur Bedeutung von Gründerinnen in Deutschland, und forscht seit Jahren zum Thema Gender und Start-ups. „Analytische und wirtschaftliche Fähigkeiten, also Eigenschaften, die im Start-up-Bereich eine besondere Rolle spielen, werden typischerweise Jungs zugeordnet“, erklärt er.

Das hat unterschiedliche Folgen. Zum einen spiegeln sich diese Strukturen in der junger Menschen wider: Vor allem in den Fächern Informatik und Ingenieurwissenschaft sind Frauen immer noch seltener – gerade in diesen Bereichen wird jedoch häufig gegründet. Zum anderen führen diese Geschlechterzuschreibungen dazu, dass viele Frauen sich die Start-up-Gründung von Anfang an nicht zutrauen.

„Frauen haben oft mehr Selbstzweifel als Männer“

Wie erfolgreich Gründerinnen sein können, zeigt Julia Bösch. 2012 brachte sie mit Anna Alex ihr Personal-Shopping-Start-up Outfittery an den Markt. stellt Kunden genau auf ihre persönlichen Vorstellungen hin abgestimmte Outfits zusammen – mittlerweile hat die Firma rund 450 Mitarbeitende. „Frauen haben in meiner Beobachtung oft mehr Selbstzweifel als Männer“, sagt die Outfittery-Geschäftsführerin.

Neben stereotypen Rollenbildern sind dabei auch fehlende Vorbilder ein wichtiger Faktor – sowohl in Start-ups als auch in den großen Unternehmen. Das merke sie auch im eigenen, von zwei Frauen gegründeten Betrieb, erzählt Bösch. „Wir kriegen wahnsinnig viele Bewerbungen von talentierten und erfahrenen Frauen, die keine Lust mehr auf männlich geprägte Unternehmen haben.“

Den Einflussfaktor von Vorbildern betont auch Soziologe Hirschfeld: „Man darf nicht nur darüber sprechen, dass es diese strukturellen Barrieren gibt. Damit motiviert man niemanden. Man muss auch zeigen, was möglich ist“.

Angst vor fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz

Ein weiterer Grund: Die Start-up-Gründung fällt in den meisten Fällen in dieselbe Phase wie die Familiengründung. Für viele Frauen ist das ein Hindernis, denn immer noch übernehmen Frauen durchschnittlich den größeren Teil der Kinderbetreuung.

Tatsächlich sei der ausschlaggebende Faktor jedoch häufiger die Angst vor fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz als die tatsächliche Unvereinbarkeit von Start-up und Familie, sagt Alexa Hergenröther. Sie ist Unternehmensberaterin, Aufsichtsrätin, unter anderem beim Wechselrichter-Hersteller SMA und dem Humus-Düngemittel-Hersteller Novihum, und Investorin. „Die Gründerinnen, die den Schritt gewagt haben, sagen fast unisono, dass es die richtige Entscheidung war und sie als Selbstständige Familie und Beruf viel besser miteinander vereinbaren können, als das in einem Angestelltenverhältnis der Fall war,“ erklärt sie.

Frauen erhalten weniger Geld von Investoren

Viele Frauen gründen aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen und Vorurteile gar nicht erst ein Start-up. Wenn sie es dann aber doch tun, müssen sie meist größere Hürden bewältigen als Männer – beispielsweise bei der Suche nach Kapitalgebern und Geschäftspartnern. Nur 1,6 Prozent der von Frauen gegründeten Start-ups in Deutschland bekommen laut dem Female Founders Monitor Risikokapitalinvestitionen – bei den Männern sind es 17,6 Prozent.

Studien zeigen außerdem, dass Frauen bei ähnlichen Präsentationen von potenziellen Investoren unterschiedlich eingeordnet werden. „Bei einem vergleichbaren Pitch werden Männer eher als mutig wahrgenommen und Frauen als unvorbereitet und unrealistisch in ihren Vorstellungen“, erklärt Hirschfeld.

Fehlende Gründerinnen haben Folgen für die Wirtschaft

Diese Erfahrung musste auch Ooia-Gründerin Kati Ernst machen. „Egal, wie viele Zahlen, Excel-Tabellen und Umfragen wir gezeigt haben, es wurde trotzdem systematisch hinterfragt, ob wir das wirklich so einschätzen können“, sagt sie. Im Falle ihres Start-ups Ooia hätten ihre Mitgründerin und sie mit einem „Doppel-Handicap“ zu kämpfen gehabt, merkt Ernst an. „Wir sind nicht nur Frauen, sondern haben auch zu einem Thema gegründet, das hauptsächlich Frauen betrifft und tabuisiert ist.“

Dass in Deutschland verhältnis­mäßig wenig Frauen Start-ups gründen, hat gravierende Folgen – auch für die Wirtschaft. Tatsächlich zeigen Studien, dass weiblich geführte Start-ups produktiver sind und mehr Umsatz generieren als solche mit männlichen Gründerteams. „Da bleibt volkswirtschaftliches Potenzial liegen“, fasst Hirschfeld zusammen.

Initiative will Gründerinnen fördern

Genau aus diesem Grund entstand zu Beginn dieses Jahres eine Initiative, die Frauen gezielt bei der Gründung unterstützen möchte. Encourage Ventures heißt das Projekt, dessen Co-Vorsitzende Alexa Hergenröther ist. „Wir wollten dem Thema Sichtbarkeit geben und Gründerinnen zeigen, dass sie nicht allein sind, sondern dass es ein Netzwerk gibt, an das sie sich wenden können, um Informationen und Hilfestellungen zu bekommen“, erklärt die Aufsichtsrätin.

Der Verein will nicht nur Investorinnen und Gründerinnen zusammenbringen, sondern vor allem auch Unterstützung und Beratung anbieten. Dass hier Bedarf besteht, wird deutlich, wenn man sich anschaut, auf welches Interesse die Initiative gestoßen ist: Seit dem Start im Juni 2021 hätten sich bereits über 260 Start-ups bei ihnen gemeldet, sagt Hergenröther.

Kapitalgeber müssen Investitionen hinterfragen

Das Sichtbarmachen des Problems und die gezielte Förderung von Gründerinnen sind erste wichtige Schritte. Es sei jedoch ebenso wichtig, dass größere Unternehmen und auch Dax-Konzerne ihre Vorbildfunktion erkennen und ihre Führungsteams diverser aufstellen, sagt Outfittery-Geschäftsführerin Bösch. Außerdem müssten Risikokapitalgeber stärker hinterfragen, in wie viele Startups mit weiblichen oder diversen Gründungsteams sie investiert haben, fordert sie.

Zusätzlich müsse sich auch von staatlicher Seite etwas tun, beispielsweise beim Elterngeld oder der Kinderbetreuung, sagt Ooia-Gründerin Kati Ernst. Hoffnung gibt ihr allerdings, dass die Zahl der Gründerinnen in diesem Jahr zumindest deutlicher gestiegen ist als in den Vorjahren. „Wenn der Einsatz von uns und vielen anderen Frauen langsam Früchte trägt, wäre das toll,“ sagt sie. Trotz aller Hürden hatten Kati Ernst und Kristine Zeller mit ihrem Start-up Erfolg: Mittlerweile hat Ooia 20 Mitarbeitende und verkaufte bereits über 400.000 Produkte.