Konjunktur

Corona-Krise: Hat die Wirtschaft das Schlimmste hinter sich?

Berlin.  Der Konsum nimmt zu, die Exporterwartungen bessern sich und die Börse wirkt beflügelt. Hat die Wirtschaft einen Wendepunkt erreicht?

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Die Unternehmen haben die Produktion hochgefahren, die Einkaufsstraßen füllen sich, Restaurants und Hotels empfangen wieder Gäste. Die Stimmung der deutschen Wirtschaft hellt sich merklich auf.

Der neue Optimismus beflügelt auch die Finanzmärkte. Der Deutsche Aktienindex (Dax) kletterte am Dienstag über die 11.500-Punkte-Marke. Nach seinem Tiefstand im März bei 8256 Zählern hat der deutsche Leitindex damit um knapp 40 Prozent zugelegt. Hat die Wirtschaft nach Wochen der Schocknachrichten und des Abschwungs nun die Wende eingeleitet?

Konjunktur: IW-Direktor Hüther ist optimistisch

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), ist jedenfalls zuversichtlich, dass die schlimmste Entwicklung vorbei ist. „Wir haben das Tal der Tränen erreicht und robben uns raus“, sagte Hüther unserer Redaktion.

Das IW Köln geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um neun Prozent sinken wird, im kommenden Jahr aber eine Aufholjagd um acht Prozent starten wird. „Jede Besserung führt zu einer Stimmungsaufhellung, zumal die Stimmung so extrem im Keller war“, sagte Hüther.

Unternehmen und Verbraucher werden optimistischer

Gründe für Stimmungsaufhellungen gibt es einige. Am Montag präsentierte das Münchner ifo-Institut den Geschäftsklima-Index, der im Mai um 5,3 Punkte stieg. Vor allem für das nächste halbe Jahr sind Firmen demnach zuversichtlicher.

Am Dienstag legten die ifo-Forscher nach: Die Exporterwartungen der Industrie stiegen im Mai von minus 50,2 auf minus 26,9 Punkte. Es ist der größte je gemessene Anstieg, angetrieben von der besseren Stimmung der Auto- und Elektroindus­trie.

Und auch die Stimmung der Verbraucher wird besser. Das vom Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK gemessene Konsumklima steigt für den Juni um 4,2 Punkte.

Allerdings: Sowohl die Exporterwartungen als auch das Konsumklima bleiben trotz der Verbesserung auf einem sehr niedrigen Niveau. Dennoch scheint sich Zuversicht einzustellen.

Auch nicht betroffene Branchen zeigen Schwächen

„Die deutsche Wirtschaft dürfte ihren Tiefpunkt im April erreicht und durchschritten haben“, sagte Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), unserer Redaktion. Seit Mai gehe es wieder aufwärts. Hart war der Einschnitt aber dennoch: „In der Spitze dürfte die deutsche Wirtschaftsleistung um gut 15 Prozent unter ihrem Niveau vor der Corona-Krise gelegen haben“, sagte Felbermayr.

Auch Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), spricht von einer „Bodenbildung“ der deutschen Konjunktur. „Allerdings wäre es zu früh, jetzt schon eine Wende zum Besseren auszurufen“, warnt Dullien.

Die Lage der Industrie sei nicht viel besser als zum Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09, auch Branchen, die nicht direkt von der Krise erfasst seien, würden Schwächen zeigen. So sank etwa in der Baubranche der Auftragseingang im März um 10,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Für viele Bauarbeiter ist das eine Hiobsbotschaft – sie hoffen derzeit trotz der Corona-Krise auf mehr Lohn.

„Ohne äußeren Impuls ist mit einer schnellen Erholung nicht zu rechnen“, sagt Dullien. An einem solchen Impuls arbeitet derzeit die Politik. Anfang Juni will die Bundesregierung ein Konjunkturprogramm vorstellen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) möcht mit diesem Programm vor allem Unternehmen entlasten.

DIHK-Präsident Schweitzer sieht noch keinen Wendepunkt

Bei diesem Konjunkturprogramm müsse es darum gehen, den Standort Deutschland zu modernisieren, fordert Eric Schweitzer, Präsident des Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Nur mit Wachstum und Beschäftigung können wir auch die finanziellen Lasten der Corona-Krise mittel- bis langfristig schultern“, sagte Schweitzer unserer Redaktion.

Er forderte, die steuerliche Verlustrechnung zu verbessern, um den Unternehmen Liquidität zu sichern und sie so zu Investitionen anzuregen. Einen Wendepunkt in der Krise sieht auch Schweitzer nicht. „Weiterhin gilt: Lieferketten sind unterbrochen, neue Aufträge sind nach wie vor Mangelware“, warnte er. „Die große Herausforderung, das Wiederhochlaufen der Wirtschaft zu bewerkstelligen, steht uns noch bevor.“

An den Finanzmärkten herrscht Zuversicht

An den Finanzmärkten scheinen diese Sorgen in den Hintergrund zu treten, die Kurse werden von der Aussicht auf eine schnelle Erholung getrieben. Viele Ökonomen rechnen damit, dass die Krise nach zwei Jahren überwunden ist. „Im historischen Vergleich von Krisen und Rezessionen wäre das ein überschaubarer Zeitraum“, sagte IW-Direktor Hüther.

Zum Vergleich: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 brauchte der Dax sieben Jahre, um seine vorherigen Höchstwerte zu erreichen, nach der Finanz- und Wirtschaftskrise knapp fünf Jahre. Jetzt notiert der Dax bereits auf dem Niveau von Januar 2019.

Finanzanalyst warnt vor Risiken

Doch diese Entwicklung könne sich umkehren, warnt Finanzanalyst Timo Emden: „Die Risiken werden verkannt, das ist blauäugig.“ So würden der nach wie vor schwelende Handelsstreit der USA mit China und auch die Gefahr einer zweiten Infektionswelle kaum beachtet.

Auch könne der aktuelle Kurs getrieben sein von Anlegern, die auf schnelle Gewinne spekulierten. „Das führt aber oft dazu, dass die Kurse anschließend wieder nachgeben“, sagte Emden unserer Redaktion. „Auch wenn die Signale aus der Wirtschaft gut sind, so halte ich die Entwicklung an den Börsen für zu euphorisch“, sagte er.

Die 11.500 Punkte hält Emden für eine psychologische Marke. Ob der DAX seine Ralley aber fortsetzt und nun auch direkt die 12.000-Marke nimmt, hält Emden für unwahrscheinlich. „Ich gehe davon aus, dass sich der Kurs kurzfristig erstmal wieder in Richtung 11.000 Punkte bewegen wird“, sagte er.

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