Medienszene

Chefredakteurin Tanit Koch verlässt RTL – nach 20 Monaten

Berlin.  Nach nur 20 Monaten trennt sich RTL von der früheren „Bild“-Chefredakteurin, Tanit Koch, die das digitale Wachstum vorantreiben sollte.

Nach Informationen unserer Redaktion hat sich RTL überraschend von seiner Gesamt-Chefredakteurin Tanit Koch getrennt.

Nach Informationen unserer Redaktion hat sich RTL überraschend von seiner Gesamt-Chefredakteurin Tanit Koch getrennt.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Unter dem Projektnamen „Inhalteherz“ bündelt der Privatsender RTL derzeit in einer großangelegten Strukturreform seine redaktionellen Aktivitäten. Das Herz muss ab sofort ohne seine bisherige Taktgeberin schlagen: Nach Informationen unserer Redaktion hat sich das Unternehmen überraschend von seiner Gesamt-Chefredakteurin Tanit Koch getrennt. Ihre Verantwortungsbereiche werden künftig von einem Team von Chefredakteuren unter der Oberaufsicht von infoNetwork-Geschäftsführer Stephan Schmitter übernommen. Dazu gehört auch ein von Koch geholter Ex-Kollege von „Bild“.

Die ehemalige „Bild“-Chefredakteurin hatte ihren Job als Leiterin der Zentralredaktion sowie die Geschäftsführung des Nachrichtenkanals n-tv erst am 1. März 2019 angetreten. Zu den Gründen des Abgangs haben sich auf Anfrage bislang weder RTL noch Koch geäußert.

Die in solchen Fällen oft bemühten „unterschiedlichen Auffassungen über die strategische Ausrichtung“ können kaum eine Rolle gespielt haben, denn an der Zielsetzung ändert sich mit dem Ausscheiden der 43-Jährigen nichts – der Sender hält an seinem Plan der Zusammenführung aller journalistischen Kräfte unter einem Dach unverändert fest.

Tanit Kochs Führungsstil in der Kritik – „Im Haus nie richtig angekommen“?

Auf den Konzernfluren kursiert die Version, dass nicht die fachliche Qualifikation der früheren Boulevard-Blattmacherin Anlass zu Kritik gegeben hätte, sondern der Führungsstil . Koch, so wird kolportiert, sei „im Haus nie richtig angekommen“, habe es an Teamfähigkeit und Sensibilität im Umgang mit langjährigen Mitarbeitern und Führungskräften sowie intern an Kommunikationskultur missen lassen.

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In einem Unternehmen mit fast 1000 Mitarbeitern habe sich das rasch zu einem gewaltigen, am Ende nicht mehr lösbaren Problem entwickelt. Im Haus, heißt es laut dieser Lesart, sei man um kollegiale Atmosphäre und einen Umgang auf Augenhöhe besonders bemüht. Daran habe es in letzter Zeit häufiger gemangelt.

Ob ein derartiger „Clash of Cultures“ tatsächlich den Ausschlag gegeben hat, dass die Top-Journalistin gehen muss, bleibt vorläufig Spekulation. Im Umfeld der Sender-Gruppe gibt es noch eine abweichende Lesart. Danach habe sich das Tempo des unter Jan Wachtel angeschobenen Umbaus zuletzt deutlich verlangsamt.

Der Geschäftsführer für digitale Medien und journalistische Inhalte hatte RTL im September verlassen, zugleich war Schmitter an die Spitze von infoNetwork gerückt. Die digitale Transformation werde nicht mehr so ambitioniert verfolgt, das alte Silodenken der eingesessenen Fernsehfraktion habe sich durchgesetzt – entgegen der von Koch mit Nachdruck betriebenen crossmedialen Veränderungen. Der Sender habe noch versucht, die Chefredakteurin zu halten, doch die habe mehrere alternative Job-Angebote im Konzern abgelehnt.

Für Tanit Koch, die beim Berliner Medienhaus Axel Springer innerhalb von nur zehn Jahren von der Volontärin zur Chefredakteurin von Europas größter Zeitung aufstieg, ist es innerhalb kurzer Zeit die zweite Zäsur einer beeindruckenden Karriere.

In der „Bild“-Doppelspitze hatte die studierte Politikwissenschaftlerin und Juristin 2018 den Machtkampf gegen den heutigen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt verloren und war bei Springer ausgeschieden. Ein Jahr später folgte die prestigeträchtige Verpflichtung als Erste Journalistin des Marktführers im Privatfernsehen.

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Positive Bilanz: RTL vermeldete 2020 Reichweiten-Rekorde

Kochs Bilanz bei RTL kann sich durchaus sehen lassen. Die Webseiten des Konzerns vermeldeten im Corona-Jahr 2020 (wie allerdings etliche Nachrichten-Medien) Klick-Rekorde, n-tv zählt zu den meist zitierten journalistischen Quellen und ist auch im Social Web extrem erfolgreich.

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Zu Beginn der Pandemie-Krise im Monat März verzeichnete der Privatsender eine tägliche Reichweite von 29,84 Millionen Menschen, darunter 8,4 Millionen Nutzern der digitalen Angebote. Im September erreichten die Websites von RTL und n-tv mehr als eine halbe Milliarde Visits. In Interviews sah sich die Chefredakteurin im Transformations- und Wachstumsprozess („Das hat sensationell funktioniert“) voll auf Kurs und präsentierte noch im August eine modifizierte Ressort-Struktur und Neuzugänge.

Prominentester Name war dabei der ehemalige „Bild“-Kollege und Spiegel-Kolumnist Nikolaus Blome , der bei RTL seit September die Rubrik Politik Gesellschaft verantwortet. Schon ein Jahr zuvor hatte Koch mit Wolf-Ulrich „Uli“ Schüler einen weiteren ehemaligen „Bild“-Vize als einen ihrer Stellvertreter nach Köln gelotst. Intern brachte ihr das auch Kritik ein; von einer unklaren Positionierung der Digitalplattform war die Rede. Koch betonte, dass sich alle Kandidaten für redaktionelle Führungsjobs einem Assessment-Center gestellt hätten, was zuvor nicht üblich gewesen sei.

Der künftige Chef kommt von 104.6 RTL aus Berlin

Dass die Chefredakteurin vor allem mit Schüler, vormals bei „Bild“ auch Unterhaltungschef, die Digitalseiten von RTL auf harten Boulevard im „Bild“-Stil trimmen wollte, hat sie stets zurückgewiesen. Der Blick auf nur einen Wettbewerber sei eine „Verengung“ und ein „Fehler“, sagte Koch im Gespräch mit dem Deutschlandfunk: „Es gibt sehr viele Player, und wir haben Ansprüche an uns selber: Wir wollen ganz klar Wachstumsgeschichte schreiben.“

An diesem Vorsatz wird sich für RTL auch in der Zeit nach Tanit Koch nichts ändern. Die Stelle der Zentral-Chefredakteurin wird dem Vernehmen nach nicht neu besetzt; die Gesamt-Verantwortung obliegt nun dem langjährigen Radio-Manager Stephan Schmitter , CEO von RTL Radio Deutschland. Vor seiner CEO-Rolle führte er lange und erfolgreich den Radiosender 104.6 im umkämpften Berliner Radiomarkt.

Seit September ist Schmitter zusätzlich Geschäftsführer von infoNetwork, das die News und Magazinformate von RTL produziert. Der 45-Jährige soll das komplette journalistische Netzwerk koordinieren und entwickeln, mit eigenverantwortlichen Chefredakteuren für die einzelnen Bereiche.

Politikchef Blome werde dem Haus trotz des Wechsels an der Spitze erhalten bleiben, ist zu hören.

Politikchef Blome bleibt an Bord, neue Aufgaben für Urgestein Wulf

Eine neue Rolle erhält in diesem Zuge offenbar Michael Wulf: Der seit 2004 amtierende RTL-Chefredakteur wird im Organigramm demnächst als Chefredakteur besondere Aufgaben und Chef der Investigativ-Abteilung geführt. Für die unter Koch verpflichteten Köpfe von Axel Springer ändert sich indes wohl nichts. Politikchef Blome wird dem Haus definitiv erhalten bleiben, ist aus Köln zu hören.

Wolf-Ulrich Schüler steigt sogar auf – zum Chefredakteur der „Verticals“ genannten Sonderseiten (wie z.B. VIP.de). Sonja Schwetje gilt bei n-tv als feste Größe, Gerhard Kohlenbach (Redaktionsleiter RTL aktuell) verantwortet künftig sämtliche Nachrichten, Martin Gradl die Magazine.

Eine neue Rolle erhält in diesem Zuge Michael Wulf: Der seit 2004 amtierende RTL-Chefredakteur wird im Organigramm demnächst als Chefredakteur besondere Aufgaben sowie als Chef der Investigativ-Abteilung geführt.

Auch beim Zentralisierungs-Projekt ist der Sender einen Schritt weiter: Der Arbeitsname „Inhalteherz“ verschwindet. An seine Stelle tritt die von Schmitter geführte RTL News GmbH, in der künftig alle journalistisch tätigen Mitarbeiter zu einheitlichen Bedingungen beschäftigt werden sollen. Der Markenname infoNetwork als Produktionseinheit für die täglichen und wöchentlichen News- und Magazinformate wird in diesem Zuge nicht weitergeführt.

Medienjournalist Georg Altrogge, zuletzt Chefredakteur des Mediendienstes Meedia.de, schreibt regelmäßig für die Funke Mediengruppe in der Kolumne „Medienszene“ über neue Entwicklungen in der deutschen Medienlandschaft.

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