Ausstellung in Arnstadt: Von der Judensau zur Arisierung

Esther Goldberg
| Lesedauer: 4 Minuten
Das Hochzeitsfoto von Rosa Friedmann, die aus Arnstadt stammt, und Hertog Cosman in Amsterdam zeigt die Familie ein letztes Mal vereint. Rosas Familie sitzt an der linken Tischseite. Nur die Braut und ihre Mutter, die nicht auf dem Foto zu sehen ist, überlebten den Holocaust.

Das Hochzeitsfoto von Rosa Friedmann, die aus Arnstadt stammt, und Hertog Cosman in Amsterdam zeigt die Familie ein letztes Mal vereint. Rosas Familie sitzt an der linken Tischseite. Nur die Braut und ihre Mutter, die nicht auf dem Foto zu sehen ist, überlebten den Holocaust.

Foto: Jörg Kaps

Arnstadt.  „Jüdische Familien in Arnstadt und Plaue“ erlebten Antisemitismus seit dem Mittelalter.

An der Wand in einem Raum des Schlossmuseums Arnstadt klebt die Kopie einer Zahlungsanweisung. Die Jüdische Gemeinde soll 1000 Reichsmark zahlen – für die Aufräumarbeiten der zu Schutt zerschlagenen Synagoge während der Nacht zum 10. November 1938. Einen Raum weiter ist eine kleine Plastik von Johann Friedrich Böhler aus dem 18. Jahrhundert zu sehen. Sie zeigt die sogenannte Judensau, eine Erniedrigung und Verunglimpfung von Jüdinnen und Juden über viele Jahrhunderte hinweg. Auch sie steht nun in der Ausstellung „Jüdische Familien in Arnstadt und Plaue“, die am Sonntag im Schlossmuseum eröffnet wird. Zudem ist in jenen fünf Räumen das Schicksal jüdischer Menschen ab Mitte des 13. Jahrhunderts zu sehen.

„Der Antisemitismus hat nicht mit dem Holocaust begonnen, das wollen wir hier deutlich machen“, so Kuratorin Martina Guß. Die Historikerin aus dem Arnstädter Stadtmuseum verweist auch in dem begleitenden Katalog auf die Anfänge der ersten jüdischen Gemeinde, die 1347 erwähnt wird. Es folgen Pest und Judenverfolgung und erneute jüdische Ansiedlungen und wiederum Vertreibung – bis zu den Nazis. Vor allem sind es die menschlichen Schicksale, die hinter den Zahlen und Fakten zur Ruhe zwingen.

Da ist zum Beispiel die Familie Guthmann. Isidor Guthmann hat ein gut gehendes Delikatessengeschäft. Früh ist er der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Denn er ist nicht nur Jude, sondern auch Mitglied der SPD. Seine Frau Emma ist Christin. Dennoch müssen sie in ein Ghettohaus ziehen. Ihr Mann Isidor stirbt angeblich am 26. November 1944 in Auschwitz an einer Lungenentzündung. Emma Guthmann wird überleben. Doch was heißt überleben? In einem Protokoll gegenüber der Justiz beschreibt sie 1947 ihre Situation nach Isidor Guthmanns Verhaftung: Sie fragt den Gestapo-Mann Eißfeld, wovon sie nun leben solle. Für Judenfrauen gäbe es keine Gelder, sie solle sich stattdessen auf noch mehr Überraschungen in der Familie gefasst machen, so seine Reaktion.

Die inzwischen 160 Stolpersteine, die Jörg Kaps im Auftrag der Stadt in Gedenken an einstige Arnstädter Jüdinnen und Juden gelegt hat, finden auch in der aktuellen Ausstellung eine hervorgehobene Erwähnung. Sie gelten als Mahnung. „Und es werden weitere Steine kommen“, so Kaps.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist die generelle Zerschlagung des jüdischen Mittelstandes, vor allem des Gewerbes. Und dahinter stehen konkrete Menschenschicksale. Adolf Mendel ist „Häftlingsnummer 30226“. Der Viehhändler wird nach der Pogromnacht verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. 64 Jahre alt ist er damals. Am 23. November 1938 wird er wieder entlassen. Der Grund wird durch ein Schreiben der Gestapo Weimar klar: Es sind die sogenannten Arisierungsverhandlungen. Diese brutale Arisierung der Wirtschaft, die nichts anderes bedeutet, als den jüdischen Arnstädtern ihr Eigentum gewaltsam zu einem symbolischen Preis wegzunehmen, ist in ihrer Wucht beklemmend. Mendel wird gezwungen, seinen Viehhandel und Häuser zu verkaufen. Er tut es und widerspricht in Kleinigkeiten, mehr ist nicht drin. Sein Schicksal ist von den Nazis längst beschlossen, die neuen Eigentümer schmeißen die Familie aus der Wohnung. Adolf Mendel wird nur deshalb nicht ermordet, weil ihm und seiner Frau Bertha 1939 die Flucht nach Chile gelingt.

Die Ausstellung ist die erste dieser Art in Arnstadt. Die Kuratorinnen haben sich bewusst dafür als Beitrag zum aktuellen Themenjahr „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“ entschieden. Deutlich wird dabei: Juden haben, sofern man sie in der Stadt hat leben lassen, Arnstadt über lange Jahre vorangebracht. Und: Seit den Nazis gibt es dort keine Jüdische Gemeinde mehr.

Neue Ausstellung in Arnstadt: Damit das Wissen nicht verloren geht