Geraerin schreibt Schlüsselroman über das Leben der Habenichtse aus dem Osten

Gera  In „Freitagsfische“ erzählt die Geraer Autorin Mona Krassu vom Umsiedlerleben in einer ostdeutschen Kleinstadt.

Mona Krassu hat auch für ihren neuen Roman Archive besucht und Zeitzeugen befragt. Foto: Angelika Bohn

Mona Krassu hat auch für ihren neuen Roman Archive besucht und Zeitzeugen befragt. Foto: Angelika Bohn

Foto: Angelika Bohn

Der zweite Roman von Mona Krassu wendet sich einer Zeit zu, die im Osten Deutschland meist nur als heroische Erzählung des Neubeginns reflektiert wurde. Das reale Leben der kleinen Leute im Nachkriegsdeutschland der DDR interessierte nicht. Schon gar nicht das Schicksal der Frauen und Kinder, die es nach traumatischen Erlebnissen bei Flucht und Vertreibung in die Provinz verschlagen hatten.

Mona Krassu erzählt nun in „Freitagsfische“ vom Leben der Habenichtse aus dem Osten, von der Erfahrung, nicht willkommen zu sein, von Misstrauen und offener Ablehnung. Es war das Ungesagte in der eigenen Familie, das ihre Neugier geweckt habe, sagt sie. Vage Äußerungen wie „Unsere Mutti hat es so schwer gehabt. Sie hatten nichts, mussten neu anfangen“, habe sie selbst viele Jahre nicht hinterfragt. Was ihre Großmutter mit vier kleinen Kindern auf der Flucht aus Ostpreußen durchgemacht, was das ältestes Geschwisterkind, die damals neunjährige Tante, erlebt hatte, darüber wurde in der Familie nicht gesprochen. Auch wie es den Umsiedlern dann gelang, in der neuen Heimat Fuß zu fassen, ging in der Familienerzählung nicht über Andeutungen hinaus.

Schon der erste Roman der Geraer Autorin „Alles Schafe“ beruht auf intensiver und akribischer Recherche. Er erzählt die Geschichte einer erfolgreichen Malerin, die zum Aufenthalt in einem Maßregelvollzug verurteilt wird. Mona Krassu ärgert sich, wenn ihr Buch als Thriller missverstanden wird. Ihre Intension beim Schreiben ist es, strukturelle Gewalt aufzudecken, die sie erst möglich machenden Verhaltensmuster aufzuzeigen.

Liebe zur Lyrik von Eva Strittmatter

Auch „Freitagsfische“ ist kein „Schlüsselroman“ über das Schweigen der eigene Familie. Vielmehr begibt sich die Autorin auf die Suche nach exemplarischen Strukturen, wenn sie den weißen Flecken in den Erzählungen der Eltern- und Großelterngeneration nachspürt. Wie war das, auf engstem Raum zusammengepfercht ein fast normales Leben zu führen? Argwöhnisch beäugt von den um ihren Besitzstand fürchtenden Nachbarn, und selbst voll Misstrauen gegen die neue Obrigkeit und deren Schutzmacht, die Russen? Wie war das für die Kinder, vor allem für ein wildes, nach Freiheit strebendes kleines Mädchen und seine große Lust, sich die Welt zu erobern? Ein Kind, dem das Herz der Erzählerin gehört, und das in den Nachkriegsjahren so gar nicht in das ja bis in die Siebzigerjahre gepflegte Schema, folgsam, sittsam und arbeitsam, passen will.

Mona Krassu ist ihrem Arbeitsstil treu geblieben, sie hat Archive besucht und Zeitzeugen befragt, die Fakten ihrer Geschichte, die sich über gut ein Jahrzehnt spannt, gründlich recherchiert.

Bestärkt worden ist sie dabei unter anderem von Feridun Zaimoglu, den sie schätzt, weil er auch ein großartiger Lehrer ist. Den Autor zahlreicher Bestseller wie „Kanak Sprak“, „Leyla“ oder „Liebesbrand“ lernte sie als Gastdozenten der Textmanufaktur Leipzig kennen, der Autorenschule für kreatives Schreiben. Denn die 1969 geborene Mona Krassu begeisterte sich zwar schon als Kind für Literatur und kein Buch in der Weidaer Bibliothek war vor ihr sicher, gelernt hat sie dann aber einen handfesten Beruf: Wirtschaftskauffrau im VEB Maxhütte Unterwellenborn.

Seit 20 Jahren nun in Gera

Seit 20 Jahren lebt und arbeitet sie nun in Gera. Wenn es auch schwer ist, sich nach einem vollen Arbeitstag im „Brotberuf“ an den Schreibtisch zu setzen und die am Vorabend unterbrochenen Geschichte weiter zu spinnen – heute sind für sie Abende ohne die Arbeit am Schreibtisch verloren Abende. Ich leide, sagt Mona Krassu, wenn ich nicht zum Schreiben komme.

Eine lebenslange Liebe verbindet die Geraer Autorin mit der Lyrik von Eva Strittmatter. Überhaupt, schon immer war sie begeistert, wenn sie ein gutes Gedicht las oder hörte. Lange dachte sie, so etwas Schönes, so eine Melodie aus Worten, bringst du nie zustande. Dann hat sie sich doch getraut und Gedichte geschrieben. Wohlklingende, ganz genau, ganz dicht gearbeitete Verse, nachzulesen in zahlreichen Anthologien.

Stolz ist sie, dass 2013 der Weidaer Künstler Horst Sakulowski ihr zu seinem Gemälde „Kranke Muse“ entstandenes Gedicht „Totentanz der Ästhetik“ in sein Katalogbuch „Non finito“ aufnahm. Eine Zeichnung von Sakulowski ziert nun das Cover ihres neuen Romans „Freitagsfische“.

Feridun Zaimoglu empfiehlt den Roman als unbedingt lesenswert mit den Worten: „Ein wunderbares und wundersames Buch.“ Ein Buch, das sich erzählend einer Leerstelle im kollektiven Gedächtnis widmet und zugleich in die Gegenwart weist: Wie fühlt es sich an, traumatisiert und mittellos in der Fremde ein neues Leben zu beginnen?

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