Berlin. Verhaftungen ihres Vaters musste Alexei Nawalnys Tochter schon einige miterleben. Jetzt drohen aber 30 Jahre. Wie geht sie damit um?

Ein Foto, das der Welt zeigen sollte: Alexei Nawalny lässt sich nicht unterkriegen. Aus seinem Krankenhausbett in der Berliner Charité teilte der sichtlich angegriffene russische Oppositionspolitiker am 15. September 2020 seinen Instagram-Post, nachdem er kurz zuvor auf einem Flug nach Moskau mit dem Nervengift Nowitschok in Berührung gekommen war. Sein geschaffter Blick ist flankiert von einer jungen Frau, die mit strahlend-glücklichen Augen in die Kamera blickt. Es ist Nawalnys Tochter Daria, der zu diesem Zeitpunkt der eigentliche Leidensweg ihres Vaters noch bevorsteht.

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Ab diesem Mittwoch muss Daria Nawalnaja wieder einen Prozess um ihren Vater verfolgen: Dem 46-jährigen Kreml-Kritiker drohen weitere 30 Jahre Haft. Zunächst geht es an diesem Tag um die umfangreiche Klageschrift - Nawalny hatte erstritten, über mehr Zeit zu verhandeln, um die Dokumente zu lesen. Das Moskauer Stadtgericht verhandelt im Folgenden über sieben Anklagepunkte, unter anderem über die Gründung, Finanzierung und Beteiligung an einer extremistischen Organisation.

Kreml-Kritiker Alexei Nawalny drohen weitere 30 Jahre Straflager. Wie geht seine Tochter (vorne links) damit um? Sie musste bereits seine Vergiftung miterleben.
Kreml-Kritiker Alexei Nawalny drohen weitere 30 Jahre Straflager. Wie geht seine Tochter (vorne links) damit um? Sie musste bereits seine Vergiftung miterleben. © dpa

Daria Nawalnaja erlebte mit zehn Jahren die erste Verhaftung ihres Vaters

Rückschläge wie diese musste Tochter Daria schon einige erleben. Geboren im Jahr 2001 ist sie das ältere von zwei Kindern der Familie Nawalny. Während ihr Vater lange Zeit als schillernde Figur die russische Opposition verkörperte, blieb Daria in jungen Jahren meist im Hintergrund. "Es soll nur ein Nawalny in Arrest kommen", hätte ihr Vater immer gesagt, wie Daria im Interview mit dem "Spiegel" erzählt. Als sie zehn Jahre alt war, musste sie zum ersten Mal mit ansehen, wie ihr Vater ins Gefängnis kam.

In die Öffentlichkeit trat sie, als ihr Vater von seinen Anhängern zur Präsidentschaftswahl 2018 als Kandidat und somit als direkter Konkurrent zu Amtsinhaber Wladimir Putin bestätigt wurde. Alexei Nawalny versammelte damals seine ganze Familie auf dem Podium, wie der "Spiegel" schreibt. Bilder, die meist Präsidenten westlicher Länder erzeugen: Barack Obama etwa posierte häufig mit Ehefrau Michelle und seinen Kindern Malia und Natasha. Geholfen hatte Alexei Nawalny diese Inszenierung jedoch wenig. Kurz vor der Wahl wurde er als Kandidat ausgeschlossen.

Per Twitter erfuhr Daria von der Verhaftung in Moskau

Drei Jahre später befand sich Oppositionspolitiker Nawalny auf dem Rückflug aus Sibirien, als er mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde. Die Schreckensbotschaft erreichte seine Tochter am nächsten Morgen via Twitter, wie Daria dem "Spiegel" erzählt.

Der Fall um Alexei Nawalny wurde zum Politikum, als Deutschland sich entschied, den russischen Oppositionspolitiker im Berliner Krankenhaus Charité zu behandeln. Die EU erließ Sanktionen gegen Moskau.

Trotz dieser Vorkommnisse entschied sich Alexei Nawalny, nach Moskau zurückzukehren. Seine Tochter war zu diesem Zeitpunkt wieder in Kalifornien, wo sie Psychologie an der Stanford University studiert. Von dort aus musste sie beobachten, wie ihr Vater im Januar 2021 noch am Moskauer Flughafen verhaftet wurde. Der Urteilsspruch in Russland lautete: dreieinhalb Jahre Straflager. Später wurde er erneut zu neun Jahren Haft verurteilt – weitere 30 drohen.

Alexej Nawalny mit seiner Frau Julia (r.), seiner Tochter Daria (l.) und seinem Sohn Zakhar im Jahr 2019
Alexej Nawalny mit seiner Frau Julia (r.), seiner Tochter Daria (l.) und seinem Sohn Zakhar im Jahr 2019 © Andrew Lubimov/AP/dpa

Daria scheint die russische Repression nicht abzuschrecken. Als Papa-Kind beschreibt sie sich, wie sie dem "Spiegel" verrät. "Für mich ist Alexei Nawalny nicht nur ein entschlossener, fleißiger und charismatischer Anführer, sondern auch ein lustiger, fürsorglicher und unglaublicher Vater", schreibt sie in einem Gastbeitrag für die "Times". Zunehmend scheint sie in die politischen Fußstapfen ihres Vaters zu steigen.

Daria Nawalny hält für ihren Vater eine Rede vor dem EU-Parlament

Als dieser wegen seiner Inhaftierung 2021 nicht persönlich den Sacharow-Preis der EU entgegennehmen konnte, übernahm seine Tochter für ihn. Schon damals, weit vor dem Ukraine-Krieg, mahnte sie bei ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg: "Jahre des Flirtens mit Putin machten ihm klar, dass er auch einen Krieg beginnen kann, um sein Ansehen zu erhöhen." Ihr Vater habe ihr aufgetragen zu sagen: "Niemand darf es wagen, Russland mit Putins Regime gleichzusetzen. Russland ist ein Teil von Europa."

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Auf ihrem Instagram-Kanal beschreibt sie sich als Bloggerin, postet zahlreiche russischsprachige Videos auf Youtube. Erst kürzlich veröffentlichte sie einen Aufruf, ihren Vater freizulassen. Fokussiert und präzise klagt sie auf Englisch an, unter welch widrigen Umständen ihr Vater im Gefängnis ausharren muss. Vor eineinhalb Jahren habe sie ihn an ihrem 20. Geburtstag zuletzt besuchen können. "Mein Vater ist unschuldig und er verdient es, frei zu sein", beschließt sie den Aufruf: "Freiheit für Alexei Nawalny!"